Zwei revolutionäre Werke im Vergleich
[1] Leicht veränderte Fassung des Aufsatzes, der im X. Jahrbuch für Lebensphilosophie (2020/2021/2022), Hrsg. von Robert Kozljanič publiziert wurde. S. 339-349.
Die Empfehlung, Graeber und Wengrows Werk „The Dawn of Everything. A New History of Humanity“[1] zu lesen, erhielt ich von einer befreundeten Ethnologin. Sie schrieb, sie freue sich darüber, dass die Autoren frischen Wind in die Anthropologie brächten, und dass die Forscherin Marija Gimbutas positiv erwähnt werde – das sei doch ein gutes Zeichen. Als ich mir das Buch kommen liess, kam mir sofort der Gedanke, es mit dem feministischen Kultbuch aus den 80er Jahren von Carola Meier-Seethaler: „Ursprünge und Befreiungen“[2] zu vergleichen. Mit dieser Idee war ich nicht alleine, vgl. Fitzgerald Crain in der Novemberausgabe der Zeitung von „Das Denknetz“[3].
Bevor ich beginne, möchte ich den Leserinnen und Lesern meine Motivation, diesen Artikel als eine Art Doppelrezension zu verfassen, offenlegen. Als Feministin der 80er Jahre und als Tochter von Carola Meier-Seethaler sind mir die Inhalte von „Ursprünge und Befreiungen“ sehr vertraut – sie haben mir für mein feministisches und grünes Engagement eine solide Grundlage gegeben. Als globalisierungskritische Aktivistin kannte ich Graebers politische Ideen und so war das Buch „Anfänge“ für mich ein Muss.
Mein Leseabenteuer kam jedoch etwas anders heraus als zunächst erwartet. Trotzdem hat es sich gelohnt!
In diesem Artikel konzentriere ich mich auf folgende Aspekte: Was wollen die Autorin, die Autoren erreichen? Welche Forschungsmethoden kommen zum Einsatz? Und welche Menschheitsfragen werden neu gestellt oder gar neu beantwortet? Zum Einstieg bringe ich Zitate, die neugierig machen sollen. Dann bespreche ich die Gemeinsamkeiten beider Werke, um zum Schluss ausführlicher auf einige Unterschiede einzugehen und mein persönliches Fazit zu ziehen.
[1] David Graeber/David Wengrow: „The Dawn of Everything. A New History of Humanity“, London u. New York 2021. Deutsch: „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ 2021/2022
[2] Carola Meier-Seethaler: „Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie.“ 19881, 20113
[3] Fitzgerald Crain: Im Gedenken an Carola Meier-Seethaler. Gegen Krieg und Patriarchat, in: Das Denknetz, 12/2022, S. 39f.
Zitate aus Graeber/Wengrow: „Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit“ 2021/2022
- Zitat 1 in der deutschen Übersetzung (S. 13): „Das Thema hängt also zusammen mit der Frage nach den Ursachen für Krieg, Gier, Ausbeutung und der systematischen Gleichgültigkeit gegenüber dem Leiden anderer. Waren wir schon immer so? Oder ist an irgendeinem Punkt etwas schrecklich missraten?“
Martina C. Meier