Einleitende Bemerkungen zum Vorgehen in Wissenschaft und Politik

 

Wie wenig sich die an den Universitäten gelehrte Philosophie mit dem konkreten menschlichen Leben und dessen Voraussetzung, dem menschlichen Körper, befasst, fiel mir schon früh in meiner Ausbildung auf. Zudem fehlte mir im Biologiestudium das Nachdenken darüber, was wir eigentlich tun, wenn wir Wissenschaft betreiben. Als ich deshalb begann, philosophische und wissenschaftstheoretische Vorlesungen zu besuchen, stellte ich verwundert fest, dass in der Philosophie das lebendige Leben (mein Hauptgegenstand!) gar kein Thema war. Vielmehr befassten sich viele berühmte Denker mit anderen Fragen, z.B. mit dem «idealen Staat», mit der Unsterblichkeit oder der Frage nach möglichen Gottesbeweisen.

Erst viel später lernte ich, dass es doch so etwas wie eine lebensnahe Denktradition gibt, allerdings bloss ein kleines Rinnsal innerhalb der abendländischen Philosophietradition.[1] In den letzten Jahrzehnten stieg das Interesse an einer Philosophie für das Leben; unter anderem, weil die Naturwissenschaften einen Bedeutungszuwachs erfuhren und weil die weltweite Frauenbewegung wertvolle Beiträge lieferte. Auch wird von Aktivistinnen und Aktivisten endlich mehr Philosophisches aus nicht westlichen Kulturen wahrgenommen, was einer lebensfreundlichen Haltung nur zuträglich sein kann.[2]

Feministische Kritik an Denktraditionen

Für meinen Ausgangspunkt als Frau, Biologin und Naturschützerin war es bereits vor 40 Jahren irritierend – und ist es bis heute –, dass sich kein Philosoph an der Tatsache orientiert, dass alle Menschen von einer Frau geboren werden.[3] Wie wir als Lebewesen zur Welt kommen, ist meines Erachtens durchaus relevant, auch philosophisch. Diese bemerkenswerte Einseitigkeit in unserer Denktradition wird von Historikerinnen und Historikern zu Recht als Zeichen dafür gedeutet, dass ab ca. 4000 v. Chr. patriarchale Gesellschaftsstrukturen aufgebaut und die entsprechende Ideologie dazu entwickelt wurde.[4] Gerhard Bott[5] betont, wie stark die patriarchale Theologie seit Beginn der Herrschaftssysteme das Denken prägte, und Carola Meier-Seethaler[6] weist darauf hin, dass heutige Kulturphilosophen (und auch -philosophinnen) immer noch ähnliche Denkmuster pflegen, ohne sich der zu Grunde liegenden Herrschaftsideologie bewusst zu sein.

Als Aktivistin für Frieden und Menschenrechte liegt mir viel daran, zu verstehen, wie und weshalb theologische und philosophische Konzepte das Leben abwerten oder gar Munition für tödliche Ideologien liefern. Um eine lebensbejahende politische Ethik aufbauen zu können, benötigen wir ein lückenloses Aufarbeiten aller destruktiven oder lebensfernen Ansätze. Diese kritische Arbeit muss sich in erster Linie auf die Geschichte der westlichen Zivilisation konzentrieren, denn von Europa aus hat sich das kapitalistische Patriarchat in mehreren Wellen über den ganzen Globus ausgedehnt. Und die globalen Krisen (Hunger, Armut, Verlust von Biodiversität, Erderwärmung, Kriege, moderne Sklaverei, Menschenhandel, neue Seuchen) hängen alle direkt oder indirekt mit diesem Herrschafts- und Wirtschaftssystem zusammen.

Einer grundlegenden Zivilisationskritik haben sich bereits viele Intellektuelle gewidmet – aus der Psychologie, der Wirtschaft und der Ökologie. Dabei wurde auch das in den westlichen Wissenschaften vorherrschende Menschenbild kritisch beleuchtet. Interessanterweise stimmen die Analysen aus den Kulturwissenschaften mit den Erkenntnissen der modernen Biologie überein: Nach diesen Analysen sind Gewalttätigkeit und Habsucht keineswegs «angeborene» menschliche Eigenschaften.

Meine Vorschläge für eine lebensfreundliche Politik gehen von einer in der modernen Biologie verankerten Anthropologie aus und kombinieren sie mit kulturkritischem Feminismus. Bevor ich im nächsten Text meine eigenen Ansichten zur menschlichen «Natur» formuliere, vgl. Anthropologische Notizen (LINK), fasse ich einige zentrale These der feministischen Forschung zusammen.

Die feministische Sicht auf Natur, Wissenschaft und Geschlecht

Mit der bahnbrechenden Arbeit von Carolyn Merchant[7] ist klar geworden, was für ein enormer Umbruch sich zwischen 1450 und 1650 in Europa und in den beiden Amerikas (nach ihrer Kolonisierung) ereignete. Die Welt des Organischen wurde vernichtet; die Geschlechterverhältnisse, die Wissenschaften und die Philosophie erfuhren revolutionäre Veränderungen. Die Grundlagen für die Säkularisierung wurden gelegt und ebenso die Grundlagen für das kapitalistische Wirtschaftssystem. Noch heute wirken die damals kreierten Zuschreibungen von «Geist» und «Kultur» zum Mann und von «Körper» und «Natur» zur Frau sehr stark nach – ebenso die damals angenommene Hierarchie: oben «Geist» und unten «Natur». Die Etablierung der neuen Gesellschaftsordnung war mit den Hexenverfolgungen verbunden; Gewaltexzesse, deren Ausmass von der konventionellen Geschichtsschreibung sehr lange verschwiegen wurde. Barbara Holland-Cunz fasst den Umbruch wie folgt zusammen: «Der Organismus Natur, ehemals mit eigener Aktivität und innerer Bewegung, einem lebendigen Leib, Schutzvorschriften gegen (übermässige) Ausbeutung, positiven Bildern von Mütterlichkeit und Beseeltheit ausgestattet und als Teil des organischen Lebensraums aller Menschen empfunden, wurde in furchterregenden und gewalttätigen gesellschaftlichen Transformationsprozessen zu einer manipulierbaren Sammlung passiver, toter Teilchen, die von aussen bewegt werden müssen, zu einer gut funktionierenden Maschine, die nur von männlichen Protagonisten angemessen in Gang gesetzt werden konnte und bedient werden durfte. Mit diesen symbolischen und materialen Transformationen der Welt-, Wissens-, Macht-, Natur- und Geschlechterverhältnisse wurde eine scharfe Trennlinie zwischen Natur und Kultur etabliert, jede Vermischung wurde fortan mit dem Verdikt des Vormodernen und Unaufgeklärten belegt. Die Entwicklung des Naturbildes in der europäischen Neuzeit ist ein Prozess vom Leib zum Leichnam: Das ist Merchants These.»[8]

Menschen, die sich um eine angemessene Anthropologie bemühen, kommen nicht umhin, an die Vorstellungen von vor 1450 anzuknüpfen bzw. von anderen Kulturkreisen zu lernen, ansonsten droht eine philosophische und ethische Sackgasse. In meinen Texten versuche ich, die Erkenntnisse der feministischen Kultur- und Wissenschaftskritik einzubeziehen und dennoch innerhalb des heute akzeptierten, naturwissenschaftlich geprägten Weltbildes zu bleiben. Das ist eine Gratwanderung und ein nie abgeschlossenes, lebenslängliches Projekt. Ich wähle diesen Weg, weil mir ein vollständiger Ausstieg aus der europäisch-nordamerikanischen Geistes- und Ideengeschichte illusorisch und nicht zweckdienlich erscheint. Denn dadurch würde der Kontakt zu den meisten heute lebenden Wissenschaftler/innen abgeschnitten und damit eine Kommunikation verunmöglicht. Ohne gegenseitiges Verständnis ist es meines Erachtens jedoch nicht möglich, alte Zöpfe zu überwinden und zusammen eine neue Denktradition aufzubauen. Insbesondere auf den Gebieten der Technikkritik und den Bemühungen, die Klimakrise nicht noch weiter zu vertiefen, sind die Naturwissenschaften unverzichtbar. Allerdings bemühe ich mich stets, das wissenschaftliche Vorgehen kritisch zu hinterfragen und nicht einer szientistischen Ideologie zu verfallen. Unter Szientismus wäre das Dogma zu verstehen, dass ausschliesslich moderne wissenschaftliche Instrumente sowie die «rationale Analyse» mithelfen können, die Situation zu verstehen und angemessene Lösungen zu finden. Solch dogmatisches Denken ist mir fremd. Mir geht es um die sanfte Überführung der bisherigen einseitigen Wissenschaften in eine holistische Gesamtwissenschaft. Parallel dazu sollten alle Intellektuellen die Arbeit der systematischen Dekonstruktion patriarchaler Denkmuster endlich seriös angehen. Das ist ein weiter und beschwerlicher Weg, und auf diesem Weg können wir auch scheitern (es können neue Dogmen entstehen, es kann unfruchtbare Streitigkeiten geben). Für mich gibt es jedoch genügend Argumente, die für ein solches Vorgehen sprechen:

  1. Viele Philosophinnen und Philosophen[9] sind zur Einsicht gelangt, dass es nicht sinnvoll ist, nach absoluter Wahrheit zu suchen.
  2. In den Naturwissenschaften sehen führende Köpfe[10] seit Jahrzehnten, dass die bisherige Art von wissenschaftlichem Denken an Grenzen stösst. Einige plädieren aus diesen internen Gründen für eine Neuorientierung und treffen sich so mit kritischen Geistern[11] aus den Geisteswissenschaften und der Philosophie.
  3. Die Graswurzelbewegungen auf der ganzen Welt, die die Menschen und die Naturräume vor weiteren Verheerungen schützen möchten und sich für eine andere Wirtschaft einsetzen, benützen einerseits bestehendes Wissen (aus Naturwissenschaft und Technik), wenden jedoch auch erfolgreich Traditionswissen und alternative Wissenschaftsformen an (z.B. in der Medizin oder für die Agrarökologie).[12] Die Offenheit für andere Denkformen ist überall gefragt, nicht nur in den Wissenschaften, sondern auch in den Feldern Politik, Verwaltung, Rechtsprechung und Ökonomie.

Anmerkungen

[1] Carola Meier Seethaler nennt diese vom Mainstream abweichenden Theorien ihre historische Spur, vgl. «Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft», 1997, S. 34

[2] Vgl. z.B. Yunkaporta, Tyson (2021): Sand Talk. Das Wissen der Aborigines und die Krisen der modernen Welt, Krenak, Ailton (2021): Ideen, um das Ende der Welt zu vertagen

[3] Mit einer Ausnahme: Hannah Arendt spricht von der Natalität = Geburtlichkeit des Menschen, meint damit jedoch weniger die Naturtatsachen des Gebärens und Geborenwerdens, sondern fokussiert auf die Chance für einen Neuanfang, der mit jedem neuen Menschenkind in die Welt kommt. Vgl. «The Human Condition» von 1958, auf Deutsch 1960 unter dem Titel «Vita activa» erschienen.

[4] Gerda Lerner sprach als Erste von der Erfindung des Patriarchats, vgl. ihr Werk: The Creation of Patriarchy, 1986. Lerners Untersuchungen bezogen sich hauptsächlich auf Mesopotamien und das antike Europa. Später fand man, dass es auch unabhängig von Europa und Westasien patriarchale Kulturformen gab, allerdings ohne kapitalistisches Wirtschaftssystem.

[5] Bott, Gerhard (2009/2014): Die Erfindung der Götter. Essays zur Politischen Theologie, Bd 1 und Bd 2.

[6] Meier-Seethaler, Carola (2007): Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster

[7] Merchant, Carolyn (1987): Der Tod der Natur. Ökologie, Frauen und neuzeitliche Naturwissenschaft

[8] Holland-Cunz, Barbara (2014): Die Natur der Neuzeit. Eine feministische Einführung, S. 59

[9] Vgl. z.B. Rorty, Richard (1981): Der Spiegel der Natur. Eine Kritik der Philosophie

[10] Neue Wege suchten z.B. Barbara Mc Clintock, Lynn Margulis, Humberto Maturana, Francisco Varela

[11] Vgl. z.B. Kozljanič, Robert, Hrsg. (2006): Leib-Denken; Meier-Seethaler, Carola (1997): Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft; Scheidler, Fabian (2021): Der Stoff aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen

[12] Leider gibt es auf den Feldern der Ökonomie und der Politikwissenschaften noch viel zu wenig Bewegung. Die ökonomischen Begriffe zu dekonstruieren und eine menschliche sowie naturverträgliche Wirtschaftstheorie aufzubauen wäre enorm wichtig. M.E. gute Ansätze finden sich bei Veronika Bennholdt-Thomsen, Mascha Madörin sowie bei Geneviève Vaughan.

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.