Gedanken zum Stand der Forschung aus der Sicht einer Naturwissenschaftlerin

Seit der Veröffentlichung des Bandes «Diskriminierung der Matriarchatsforschung» sind mehr als 20 Jahre vergangen[1]. Claudia von Werlhof konstatierte im Jahr 2003, dass: « (…) beim Thema Gewalt und Geschlecht nicht nur beschrieben werden [muss], was historisch der Fall war oder ist, sondern es muss auch erklärt werden, warum und wofür Herrschaft, das «Patriarchat», überhaupt entstanden ist (…)». [2] In diesem Aufsatz gehe ich folgenden Fragen nach: Wo stehen wir heute? Wurden zu Unrecht verunglimpfte Forscherinnen rehabilitiert? Wurden die Ergebnisse der feministischen Forschung in die Anthropologie, Archäologie, Kulturphilosophie und Geschichte einbezogen? Und: Welchen Stellenwert besitzt die Erforschung der Frühgeschichte heute in der Frauenbewegung?

Das «Alte Europa»: Hochkulturen ohne patriarchale Strukturen

Die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994) dokumentierte die vorindoeuropäischen Kulturen Osteuropas, Ostmitteleuropas und des Mittelmeerraums. Von 1963 bis 1989 lehrte Gimbutas als Professorin für Archäologie an die University of California in Los Angeles. Sie prägte den Begriff «Old Europe» für die vorpatriarchalen neolithischen Kulturen Europas. Charlene Spretnak zeigt in ihrem Beitrag im Band «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung»[3], dass Gimbutas ab dem Zeitpunkt, als sie gängige Vorstellungen hinterfragte, systematisch diffamiert wurde. Es gab unzählige Versuche, ihre wissenschaftliche Kompetenz in Frage zu stellen, obwohl sie einen grossen Leistungsausweis hatte: Sie konnte 13 Sprachen lesen und hatte fünf grosse Ausgrabungen zum Neolithikum in Europa geleitet.  Sie stellte die Hypothese auf, dass die Frühzeit von matristischen Kulturen geprägt war: es standen Frauen im Zentrum des religiösen Weltbilds, die Familien waren in der Mutterlinie organisiert und kriegerische Auseinandersetzungen gab es nicht. Zwischen ca. 4300 und 2800 v. Chr. musste sich jedoch – so die Hypothese von Gimbutas – Dramatisches abgespielt haben. Gimbutas nahm an, dass die Änderungen in der Art der Bestattung bei den jungsteinzeitlichen Menschen Osteuropas auf die Invasionen von Steppenvölkern (Kurganvölkern) aus dem Osten zurückgingen. Sie begründete ihre These damit, dass die Form der Hügelgräber Europas ab einem bestimmten Zeitpunkt den Kurganen weiter östlich stark ähnelten. Da Kurgane anerkanntermassen Einzelgräber für hochstehende Männer, oft Krieger, darstellen, war es naheliegend zu postulieren, mit dem Einfall der Steppenvölker sei die matristische[4] «alteuropäische» Hochkultur zerstört worden. Gimbutas, die auch zu Sprachen forschte, entwickelte zudem die Hypothese, dass die indoeuropäischen Sprachen nicht aus Anatolien, sondern aus der pontischen Steppe bzw. aus der Gegend der Kurganvölker kamen. Dass die Völker aus der Steppe patriarchalisch organisierte Nomaden waren, welche die indoeuropäischen Sprachen nach Europa brachten, konnte von der modernen Archäogenetik tatsächlich bestätigt werden[5]. Der Archäologe Colin Renfrew, Vertreter der «Anatolien-Hypothese», war jedoch der einzige Vertreter seines Fachs, der die neuen Ergebnisse der Genetik würdigte und öffentlich anerkannte, dass Gimbutas recht gehabt hatte.[6] Der Mainstream in Archäologie und Geschichte drückt sich bis heute davor, die Entdeckungen und Interpretationen der berühmten Archäologin angemessen zu besprechen.

Gimbutas’ Spätwerk, in dem sie ihre Thesen zum matristisch organisierten vorindoeuropäischen «Alten Europa» ausführte[7], wurde als Projektion und Wunschdenken abgetan. Obwohl Gimbutas deklarierte, sie spreche absichtlich nicht von «Matriarchat», weil dieser Begriff zu oft als Frauenherrschaft missverstanden werde, wurde sie sowohl von männlichen und weiblichen Wissenschaftlern als auch gewissen Feministinnen als rückwärtsgewandte Ideologin hingestellt. Ich vermute, dass die etablierten WissenschaftlerInnen Schwierigkeiten hatten, ihre eigene Voreingenommenheit zu durchschauen. Konnte Gimbutas via Zusammenschau von vorher getrennt betrachteten Bereichen zu neuartigen, überraschenden Einsichten gelangen, hielten ihre Kritiker/innen an «bewährten» Denkschemata fest. Das kann in allen Disziplinen geschehen, wie der Evolutionsbiologe Stephen J. Gould überzeugend schreibt (Zitat)[8]: « (…) es gibt keinen Wissenschaftler, der von psychischen und gesellschaftlichen Zwängen frei wäre. Das grösste Hindernis für wissenschaftliche Neuerungen ist in der Regel (…) die Blockade im Denken.»

Die Angriffe auf Gimbutas erfolgten gezielt

Die Verleumdungen kamen ausschliesslich aus westlichen Universitäten, in der Sowjetunion und in Osteuropa hatte Gimbutas stets einen guten Namen. Bezeichnend an den Kampagnen gegen Gimbutas war, dass es sich nicht um fachliche Einwände (die selbstverständlich immer willkommen sein müssen), sondern um böswillige Unterstellungen handelte, hier nur ein Beispiel: Ohne je aus den Schriften Gimbutas’ zu zitieren, ausschliesslich gestützt auf ein einzelnes Interview von 1992 schrieben die Archäologinnen Röder/Hummel/Kunz folgendes: «Mit dieser pauschalen Gleichsetzung von urgeschichtlichem Mythos und stalinistischer Terrorherrschaft kompromittierte sich Gimbutas als Archäologin und Historikerin. Ihre Unterscheidung zwischen «gut» und «böse» bzw. zwischen «weise» und «dumm» offenbart eine Haltung, die sich der nationalistischen Grossmannssucht der völkischen Historiker der 20er und 30er Jahre bedenklich annähert.»[9]  Röder, Hummel und Kunz haben meines Wissens ihre haltlosen Vorwürfe nie widerrufen. Das hatte grosse Auswirkungen auf die zeitgenössische Archäologie: Die Anwürfe, die Harald Meller[10] gegen die Matriarchatsforschung formuliert, halte ich zum Beispiel für eine Folge des polemischen Buches von Röder, Hummel und Kunz. Die französische Archäologin Marylène Patou-Mathis scheint durch herabsetzende Kampagnen gegen feministische Kulturphilosophinnen ebenfalls beeinflusst worden zu sein. Zwar bemüht sich die Autorin in ihrem 2021 publizierten Buch[11] «Weibliche Unsichtbarkeit» die Rolle der Frauen in der Vorgeschichte zu würdigen, aber sie vermag keine konsistente Theorie zu den Artefakten im Paläolithikum und Neolithikum zu entwickeln. Es fällt auf, dass sie den abstrusen Deutungen männlicher Forscher (Frauenidole als Sexpuppen) mehr Platz einräumt als Gimbutas’ Thesen. Wie viele Archäologinnen und Archäologen scheint auch Patou-Mathis sich zu weigern, betreffend Deutung von Symbolen von anderen Disziplinen zu lernen.

Die späte Rehabilitierung von Gimbutas und der Aufstieg der Genetik

Es finden sich nur wenige, die die ungerechtfertigten Angriffe auf Gimbutas durchschauen und zur sachlichen Auseinandersetzung bereit sind. Eine davon ist die schwedische Wissenschaftsjournalistin Karin Bojs[12]. Sie würdigt (im Gegensatz zu den meisten männlichen Journalisten) die Tatsache, dass bei den gefundenen Idolen die überwältigende Mehrheit Frauendarstellungen sind, darunter die bekannte Ahnfrau von Willendorf. Bojs schreibt zu Gimbutas’ Interpretation der weiblichen Idole als Darstellungen der «Muttergöttin»: «Auf ihrem Fachgebiet wurde Gimbutas wegen ihres enzyklopädischen Wissens über Artefakte des vorzeitlichen Europas gewiss respektiert, doch ihre Schlussfolgerungen trafen auf grossen Widerstand. Die meisten einflussreichen Archäologen – zu jener Zeit fast ausschliesslich Männer – wandten sich gegen sie.»[13] Bojs kann keine Gesamteinschätzung von Gimbutas’ Werk geben, aber sie versucht, Gimbutas und anderen Forscherinnen gegenüber fair zu sein; das ist u.a. daran ersichtlich, dass sie gleich zu Beginn erwähnt, wie eindrücklich die Tagung in Uppsala war, auf der der Archäologe Renfrew bekannte, dass er unrecht gehabt hatte. Bei allen Thesen, die aus der Sicht der Archäogenetik zu den Völkern im vorindoeuropäischen Europa formuliert wurden, prüfte Bojs, ob sie mit den Postulaten von Marija Gimbutas übereinstimmten. In sehr vielen Fällen konnte diese Frage mit Ja beantwortet werden. An einer Stelle, wo Gimbutas sich geirrt zu haben schien, hatte Bojs noch nicht Zugang zu den allerneuesten Resultaten genetischer Untersuchungen. Es ging um Çatal Höyük. Bojs meinte, die Menschen dieser anatolischen Stadt hätten nicht matrilinear gelebt; archäogenetische Untersuchungen können jedoch die Hypothese von Gimbutas, dass die Häuser in Çatal Höyük von Menschen aus der gleichen Mutterlinie bewohnt waren, bestätigen.[14]

Bücher, die eine neue Sicht auf die Menschheitsgeschichte versprechen

Die mehrfach ausgezeichneten, gesellschaftspolitisch offenen Autoren David Graeber (Anthropologe) und David Wengrow (Archäologe)[15] versprechen Grossartiges. Sie können aber vergleichsweise wenige Vorurteile zu den Themen Neolithisierung, patriarchale Strukturen, Entstehung von Hierarchien, Staatsbildung und Herrschaft entlarven. Obwohl sie schreiben, sie möchten wissen, wo es in der Geschichte der Menschheit furchtbar schief gegangen sei,[16] gelingt es ihnen kaum, einen neuen Blick auf die Frage werfen, weshalb die moderne, westliche Zivilisation so gescheitert ist, wie wir sie heute erleben. Statt dass Graeber und Wengrow auf den Arbeiten von Feministinnen wie Gerda Lerner (The Creation of Patriarchy, 1986) und Marija Gimbutas (The Goddesses and Gods of Old Europe, 1974; The Language of the Goddess, 1989; The Civilization of the Goddess, 1991) aufbauen, erwähnen sie nur, dass Marija Gimbutas viel geleistet hat. Die Geschlechterfrage behandeln sie bloss am Rande und lassen sich überhaupt nicht auf die Frage ein, was die Frauendarstellungen im Paläolithikum und Neolithikum bedeuten könnten.

Ähnliches lässt sich von Carel van Schaik, Kai Michel und Harald Meller[17] sagen. In ihrem Buch «Die Evolution der Gewalt» werfen sie zwar alle wichtigen Fragen auf, aber ignorieren vollständig, was feministische Forscherinnen zur Frühgeschichte publiziert haben. Statt die Analysen von Feministinnen zur Entstehung des Krieges[18] miteinzubeziehen, tun die oben genannten Autoren so, als seien sie die ersten, die festgestellt hätten, dass der grösste Teil der Menschheitsgeschichte ohne Krieg verlaufen sei. Leider behaupten sie in ihren Ausführungen zu Catal Höyük auch Falsches in Bezug auf Verwandtschaftsverhältnisse; wie oben bereits erwähnt, brachte die Archäogenetik eine Bestätigung matrilinearer Verhältnisse: Die Annahme von Meller/Michel/v. Schaik, es habe in Catal Höyük Patrilokalität und individuelles Eigentum an Häusern gegeben, ist mit hoher Wahrscheinlichkeit falsch. Mit einem kurzen Satz meinen die drei Autoren die «Matriarchatstheorien» als unseriös abtun zu können. Im Abschnitt über die Innenräume in den Häusern von Catal Höyük schreiben sie: «Der Fund der «thronenden Göttin» deren Hände auf den Köpfen zweier Raubkatzen ruhten, befeuerte im 20. Jahrhundert Matriarchatstheorien. Heute gilt das als widerlegt.»[19] Meller/Michel und v. Schaik stützen sich in ihrem Urteil u.a. auf Forscherinnen, die wir bereits kennengelernt haben und die an Voreingenommenheit kaum zu übertreffen sind: auf Röder/Hummel und Kunz (1996).

Vom Streben nach guter Wissenschaft

Kurt Derungs[20], Kulturanthropologe aus der Schweiz, schrieb in seinem damaligen Beitrag zum Band «Diskriminierung der Matriarchatsforschung» folgendes über seine Zeit als Student: «Sehr nachdenklich stimmte mich, auf welche Weise eine Konvention zur Lehrmeinung wird, gleichsam zur Denknorm und zum Dogma mit religiösem Charakter, wie Wissenschaft zu einem Glaubenssystem erstarrt, (…)».[21] Derungs strebt stets danach, möglichst vorurteilsfrei zu forschen. Wie Marija Gimbutas ist auch Kurt Derungs hauptsächlich an Wissenschaft interessiert; bei gesellschaftspolitischen Diskursen hält er sich zurück. Nach seiner Mitarbeit in einem Team von durchaus auch frauenbewegten Wissenschaftlerinnen (das zur Publikation des Bandes «Diskriminierung der Matriarchatsforschung» führte), konzentrierte sich Derungs auf die von ihm begründete Landschaftsmythologie und gründete eine eigene Akademie.[22] Seine Arbeit ist weiterhin beseelt von der Einsicht, dass man über die eigene Disziplin hinausblicken und mit anderen Forscher/innen zusammenarbeiten muss. Kurt Derungs kommt aus der Ethnologie und Sprachforschung, berücksichtigt aber auch Zugänge aus der Archäologie, Symbolforschung und Religionswissenschaft. Derungs bevorzugt Hypothesen, für die man Belege finden kann. Spekulationen verurteilt er nicht, benennt sie aber klar als solche und verweist auch darauf, dass sämtliche Forscher/innen auf der Hut sein müssen, nicht in Wunschdenken zu verfallen.[23]

Derungs unterscheidet bei seinen Untersuchungen unterschiedliche Ebenen und pflegt eine zurückhaltende Sprache. Das beginnt bei den Begriffen, die zur Beschreibung eines Artefakts verwendet werden. Derungs bezeichnet z.B. die füllige Frauenfigur von Willendorf oder die aus Mammutelfenbein geschnitzte Frauenstatuette vom «Hohle Fels» in der Schwäbischen Alb als «Ahnfrau», nicht als «Göttin» (und selbstverständlich auch nicht als «Venus»). Aufgeklärten Forscherinnen und Forschern ist klar, dass «Venus» suggeriert, hier hätten prähistorische Männer sich ein Frauenideal geschnitzt, oder es handle sich bei der Figur um etwas, was bei den Männern erotische Wirkung entfalten sollte. Obwohl hundertfach darauf hinwiesen wurde, dass «Venus» keine adäquate Bezeichnung sein kann, ist sie bis heute in allen Museen und archäologischen Büchern üblich.

Marija Gimbutas hatte für die eindrücklichsten Frauendarstellungen, die sie bei ihren Ausgrabungen fand, die Bezeichnung «Goddesses» vorgeschlagen. Die viel selteneren männlichen Figuren nannte sie «Gods».[24] Derungs argumentiert, strenggenommen dürfe man nur dann, wenn Belege für eine Gottesbezeichnung vorlägen – wie dies z.B. bei den Römern der Fall ist –, von «Göttin» sprechen. Mit «Ahnfrau» ist jedoch durchaus die spirituelle Bedeutung einer Figur angesprochen. Derungs teilt das Anliegen von Gimbutas, die Mythen und die Artefakte aus sogenannt vorgeschichtlicher Zeit so gut als möglich zu interpretieren[25]; es geht ihm bei der Meidung des Begriffs «Göttin» nur darum, Assoziationen mit heutigen Gottesvorstellungen auszuschliessen. Auch die soziologischen Begriffe «matriarchal» oder «matrizentrisch» werden bei Derungs sparsam verwendet. Er geht davon aus, dass die Gesellschaftsstruktur einer Kultur nicht in jedem Fall das genaue Abbild der religiösen Vorstellungen sein muss. Der Begriff «Matriarchat»[26] sei ein soziologischer Begriff, sagt Derungs, und der Nachweis dafür bei längst vergangenen, schriftlosen Kulturen sehr schwer zu erbringen. Eine ähnliche Ansicht vertritt auch die Archäologin Margaret Ehrenberg. In ihrem Buch[27] spricht sie erstens nie von «Göttinnen», und zweitens unterscheidet sie die mythologische Ebene strikt von der gesellschaftlichen. Im Gegensatz zu Ehrenberg respektiert Derungs jedoch das Gesamtwerk von Gimbutas und zollt ihr Anerkennung.

Wissenschaft und politisches Engagement

Weil sich zahlreiche Wissenschaftlerinnen, die sich mit Geschichte und Vorgeschichte befassten, auch zur Frauenbewegung zählten, hatten sie von mehreren Seiten Gegenwind. Nicht nur verwarf die Mainstream-Wissenschaft die Vorstellung, es könnte zutreffen, dass die Frühzeit der Menschheit matrizentrisch und friedlich gewesen war. Der Angriff der Männer richtete sich auch gegen den Versuch, die bisher androzentrische Wissenschaft zu verändern.

Als einer der wenigen männlichen Wissenschaftler schreibt der britische Professor für Anthropologie, Chris Knight, er sei politisch motiviert. Er wolle mit «Blood Relations» eine «revolutionäre marxistische Rekonstruktion der menschlichen Evolution» verfassen.[28] Knight kritisiert die Sozialanthropologie gleichermassen wie die Soziobiologie. Er schlägt eine neue Sicht auf die menschliche Evolution und die menschliche Kulturentwicklung vor, in der die Frauen die Hauptrolle spielen. Knight postuliert, dass die gemeinsame Verteidigung weiblicher Interessen, insbesondere während der fruchtbaren Tage, am Beginn der Kultur stehe. Dabei nimmt er Bezug auf Gimbutas’ «Civilization of the Goddess» und zahlreiche feministische Autorinnen. Aus meiner Sicht versucht Knight, sich sachlich mit allen Vorschlägen auseinanderzusetzen. Dabei stösst er immer wieder darauf, dass die konventionellen Darstellungen von Evolution und Kulturgeschichte reine Spekulationen gewesen sind – interessegeleitet und keineswegs neutral.

Feministische Wissenschaft und Psychoanalyse

Carola Meier-Seethaler (1927-2022) bekannte sich von Anfang an klar dazu, zwei Anliegen gleichzeitig zu verfolgen: Sie wollte erstens eine von patriarchalen Vorurteilen befreite Sicht auf die Menschheitsgeschichte erlangen, und zum zweiten Wege in eine nicht patriarchale, partnerschaftliche Welt aufzeigen. Meier-Seethaler war unabhängige Kulturphilosophin und Psychotherapeutin, ab Mitte der 1980er Jahre auch engagiert in der Frauenbewegung. Mit Gimbutas und Derungs verband sie die wissenschaftliche Sorgfalt, mit feministischen Forscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth, Christa Mulack und Claudia von Werlhof das Engagement für eine herrschaftsfreie Welt.

Wissenschaftlich war Meier-Seethaler breit abgestützt, in ihre Bücher gingen Erkenntnisse aus Archäologie, Religionswissenschaft, Symbolforschung, Ethnologie, Volkskunde, Mythologie, Biologie und Psychologie ein. Das Besondere an ihrer Analyse (und ihren Vorschlägen für eine Befreiung von Herrschaftsstrukturen) war die psychoanalytische Fundierung. Meier-Seethaler suchte nach psychischen Ursachen für eingetretene destruktive Entwicklungen; aus ihrer Sicht genügte es nicht, die äusseren Faktoren für den Untergang der matrizentrischen Kulturen zu beschreiben. Als Psychotherapeutin stellte Meier-Seethaler die psychischen Bedürfnisse der Menschen ins Zentrum, hier folgte sie im Wesentlichen den Analysen Erich Fromms[29]. In ihrem Werk «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie» postulierte sie 1988 in Anlehnung an Marija Gimbutas, dass die Frühzeit der Menschheit von der Verehrung der Gebärfähigkeit bzw. des «Mütterlichen» geprägt war: Die «Grosse Mutter» bzw. die «Muttergöttin» war das Kernstück des zyklisch-magischen Weltbildes vorpatriarchaler Kulturen. Wie Gimbutas schloss auch Meier-Seethaler von der Ebene der Mythologie und Religion direkt auf die Gesellschaftsstruktur, was sie später revidierte. Bemüht, selber nicht aus ideologischen oder politischen Gründen einseitig zu werden, hielt sie sich auf dem Laufenden bezüglich Forschungsergebnissen und überarbeitete ihr Buch vollständig. «Eine unideoIogische, sachgerechte Diskussion über die Grundlagen unserer Kulturgeschichte» schrieb sie 2011, «ist nur dann zu führen, wenn der Versuch einer plausiblen Gesamtschau fortlaufend an den Fakten der Wissenschaft überprüft wird. Dazu gehört neben der Rezeption archäologischer und ethnologischer Forschungen die Auseinandersetzung mit den Konzepten der Kulturphilosophie und der Soziologie.»[30].

Die Autorin folgte der neu vorgeschlagenen Einteilung des Neolithikums in 4 Modi[31] und revidierte in der Folge ihre Einschätzung der Geschichte Mesopotamiens und des «sakralen Königtums» [32]. Eine Neubeurteilung erfuhren auch zwei Aspekte von Marija Gimbutas’ Theorie. Im Vorwort zur Neuauflage von «Ursprünge und Befreiungen» beschreibt Meier-Seethaler die rasche Bevölkerungszunahme bei den Ackerbauern und Rinderhirten im Fruchtbaren Halbmond, welche Migrationsbewegungen zur Folge hatten. Dazu kamen Klimakrisen, welche die von den Weidetieren abhängigen Menschen zur Abwanderung zwangen. Technische Errungenschaften der Rinderbauern ab ca. 4500 v. Chr. (z.B. das Rad und der von Ochsen gezogene Pflug) und deren Eindringen in Gebiete mit matrizentrischen Agrarkulturen hatten gemäss Meier-Seethaler eine Hierarchisierung der dortigen Gesellschaften zur Folge. Sie schreibt: «Nachdem die Männer diese Form der erhöhten Produktivität kontrollierten, verloren die Frauen ihre angestammten Kompetenzen in der Führung des kollektiv betriebenen Ackerbaus und des Töpferhandwerks. Damit ging den Frauen nicht nur ein Grossteil ihrer sozio-ökonomischen Bedeutung verloren, sondern auch ihre Unabhängigkeit.»[33] Die neuen Forschungsergebnisse legten laut Meier-Seethaler (2011) nahe, die Frühgeschichte in einem anderen Licht zu sehen, insbesondere im Bereich des Fruchtbaren Halbmondes begann die Patriarchalisierung früher als zunächst angenommen: «Erst einige Jahrhunderte später setzt die Invasion der indoeuropäischen Pferdezüchter aus den nordöstlichen Steppengebieten ein, die zuerst als Streitwagenkrieger und in einer zweiten Welle als Reiter-Krieger die Rinderbauer-Kulturen in Nordindien, im Iran und im Mittelmeerraum unterwerfen. Es ist aber im Auge zu behalten, dass die Basis für eine patriarchale Herrschaftsstruktur schon vorher geschaffen worden war. Die technisch fortgeschrittenen Rinderbauern konnten die von ihnen abhängig gewordenen Frauen in eine patrilokale Paarehe einbinden und sie damit ihren eigenen Blutsbanden entfremden.[34]

Meier-Seethaler hat zudem in Sachen Soziologie ihre Ansicht differenziert: Die Tatsache, dass Institutionen und Kulte in vielen Kulturen noch von einem matrizentrischen Weltbild zeugten, bedeute nicht in jedem Fall, dass die matrizentrische Gesellschaftsstruktur erhalten geblieben sei. Ich halte Meier-Seethalers Revision für wichtig, denn so wird diskutiert, was Gimbutas noch nicht hatte sehen können: nämlich, dass die Durchsetzung der patriarchalen Theologie erst ca. Tausend Jahre nach der Unterwerfung matrizentrischer Völker vollständig gelang.

In Anerkennung der psychologischen Tatsache, dass für Frauen die Identitätsfindung (und damit auch Sinnfindung) leichter war als für Männer, stellte Meier-Seethaler die These auf, dass die Männer sich in matrizentrischen Kulturen oft als zweitrangig erlebten und sich dagegen aufzulehnen begannen. Ihr zufolge gab es also neben äusseren auch innere Faktoren für die Entstehung von Patriarchaten. Diese These hatte sie bereits für die erste Auflage von «Ursprünge und Befreiungen» entwickelt. Im Vorwort zur Neuauflage von 2011 formuliert es die Autorin wie folgt: «Nach wie vor bin ich der Überzeugung, dass Herrschaft und Krieg weniger aus Sachzwängen und Notsituationen entstanden sind, sondern aufgrund der historisch gewachsenen Identifizierung des Mannes mit Dominanz und Gewalt. Dass die patriarchale Selbstüberhöhung kompensatorische Züge trägt, geht schon daraus hervor, dass sie sich mit faktischer Herrschaft nicht begnügte, sondern darüber hinaus dem weiblichen Geschlecht Minderwertigkeit unterstellte. Eine sich von Anbeginn überlegen und selbstsicher fühlende Männlichkeit hätte es nicht für nötig gehabt, sich die eigene Überlegenheit durch ein fiktives Wertgefälle gegenüber dem anderen Geschlecht zu beweisen. Wie unbewältigt die weitgehend unbewussten Kompensationsstrategien immer noch sind, zeigt sich an der Weigerung heutiger Mainstream-Wissenschaftler, die Existenz eines matrizentrischen Welt- und Menschenbildes auch nur in Erwägung zu ziehen.»[35]

In ihren Schriften betonte Meier-Seethaler, dass sie den Begriff «Matriarchat» nicht benütze, denn dieser werde leider oft (und zu oft mit Absicht) missverstanden[36]. Der Begriff matrizentrische Kulturen sei ihr lieber.

In der Annahme, dass unsere modernen, säkularen Gesellschaften nicht zurückfinden können in ein magisches Weltbild, in dem die Frau und Gebärerin ganz «natürlich» verehrt wird, schlug Meier-Seethaler vor, einen aufgeklärten, reflektierten Umgang mit dem Geschlechterproblem zu finden und auf diese Weise zu einer partnerschaftlichen, herrschaftsfreien Gesellschaft zu gelangen. Hierzu ein Zitat aus ihrem religionsphilosophischen Buch:[37] «Erst nach einer profunden Auseinandersetzung mit den soziokulturellen Bedingungen unserer Religionsentwürfe wird es möglich sein, auf alle menschlichen Projektionen in eine transzendent vorgestellte Wirklichkeit zu verzichten.»

Weiterführung der «modernen Matriarchatsforschung»

Einen anderen Weg schlug die deutsche Philosophin Heide Göttner-Abendroth ein.[38] Sie gilt als Begründerin der «modernen Matriarchatsforschung», befasste sich intensiv mit heute noch existierenden, nicht-patriarchalen Gesellschaften und setzt sich bis heute innerhalb der Frauenbewegung für radikale gesellschaftliche Veränderungen ein.[39] Sie unterhält eine eigene Akademie und hat ein weites Netzwerk zu engagierten Forscherinnen und Aktivistinnen aufgebaut. Sie hält am Begriff «matriarchal» fest und definiert ein «vollständiges Matriarchat» wie folgt[40]:

«1. Die Erbfolge läuft in der weiblichen Linie (sog. Matrilinearität)

  1. Der Wohnsitz ist matrilokal, d.h. die weiblichen und männlichen Nachkommen bleiben ein Leben lang in der Muttersippe wohnen
  2. Die lebensnotwendigen Güter wie Land, Häuser, Tiere und Feldfrüchte sind in Frauenhand, in der Regel bei der Clanvorsteherin oder Matriarchin.»

Bei ihren Ausführungen zur Entstehung des Patriarchats listet Göttner-Abendroth auf, welche Bedingungen und Entwicklungen die Entstehung von Patriarchaten förderten: z.B. Klimaschwankungen in den eurasischen Steppen, Pferde als Reittiere; in agrarischen Gesellschaften Dürren, die einen Ausbau der Bewässerungssysteme nötig machten, und Bevölkerungsdruck. In ihren jüngsten Veröffentlichungen hat Göttner-Abendroth viele genetische Studien einbezogen, aber andere neue Forschungsergebnisse nahm sie meines Wissens nicht auf.

Göttner-Abendroth ist offen gegenüber spirituellen Feministinnen, macht auch Frauenrituale und setzt sich zusammen mit Ökofeministinnen dafür ein, dass wieder «matriarchale» Familiengruppen entstehen und schrittweise eine gewaltlose Revolution angezettelt wird, vgl. Göttner-Abendroths Engagement am Festival for Matriarchy in Venlo/NL vom 3.-6. Juli 2025. Gegenüber psychologischen Erklärungen ist Göttner-Abendroth skeptisch und lehnt es ab, darüber zu spekulieren, ob die gefühlte Zweitrangigkeit der Männer eine Rolle für die Entstehung patriarchaler Herrschaft gespielt hat. Sie betont, dass die noch existierenden «matriarchalen» Völker uns ein Vorbild sein können, und dass dies sowohl für Frauen als auch für Männer eine attraktive Perspektive sei.[41]

Patriarchatsforschung

Gabriele Uhlmann ist, wie Derungs, Meier-Seethaler und Göttner-Abendroth, eine unabhängige Forscherin; sie betreibt eine Website und einen Blog[42]. Ihr liegt die Kritik an patriarchalen Deutungen in Archäologie und Religionswissenschaften am Herzen. Sie nennt sich Patriarchatsforscherin und grenzt sich explizit von der «modernen Matriarchatsforschung» nach Göttner-Abendroth ab. Für Uhlmann ist es zentral, dass alle Hinweise auf eine ursprüngliche, nicht-patriarchale Weltsicht und Sozialstruktur als solche erkannt werden.

In ihrem Buch «Archäologie und Macht» analysiert sie unhaltbare Spekulationen (und sogar Wissenschaftsbetrügereien) in der Mainstream-Archäologie: Uhlmann kann zeigen, wie mehrere konventionelle Archäologen in ihrer Darstellung der Vorgänge in Talheim Beweismaterial zurechtgebogen haben.[43] Gabriele Uhlmann schreibt, es sei keineswegs belegt, wie u.a. Ursula Eisenhauer[44] behauptet, dass die gefundenen Linearbandkeramiker (LBK) patrilinear organisiert waren: Aus der Tatsache, dass die späten LBK eine Entwicklung hin zu patriarchalen Verhältnissen durchmachten, dürfe nicht geschlossen werden, diese Kultur habe von Beginn an eine patrilineare Verwandtschaftsrechnung gepflegt!

Marija Gimbutas, welche noch angenommen hatte, dass das Massaker von Talheim den einfallenden, patriarchalen Kurgankriegern zuzuschreiben sei, wird von Uhlmann zitiert und fair gewürdigt: Gimbutas habe in den 1990er Jahren noch keine so präzise Datierung des Geschehens vornehmen können; von daher sei ihr Irrtum nachvollziehbar. Der Grund, weshalb Mainstream-Wissenschaftlerinnen und -Wissenschaftler alles daransetzten, die Linearbandkeramiker (LBK) als von Anfang an patrilinear organisiert darzustellen, liegt nach Uhlmann darin, dass sie erstens Gimbutas’ Werk als unwissenschaftlich hinstellen und zweitens behaupten wollen, patriarchale Gesellschaften seien nicht von Anfang an kriegerisch gewesen. Uhlmann dagegen stellt fest, dass mit den bisherigen Skelettfunden (ohne DNA-Analysen) keine sichere Aussage möglich ist, wie die Leute von Talheim gelebt hätten und wie es zu dem Massaker gekommen sei.

In ihrem zweiten Buch[45] kritisiert Uhlmann u.a. den Forschungsbericht der Archäologin Anneliese Peschlow über die jungsteinzeitlichen Felsbilder im Latmos-Gebirge.[46] Statt die Darstellungen von Frauen (die mehr als die Hälfte der Zeichnungen von Menschen ausmachen) zu interpretieren, werde einfach behauptet, es gebe eine Schlüssel-Darstellung, die einen Wetter- oder Berggott symbolisiere. Uhlmann kann zeigen, dass die im Bericht vorgenommene Herleitung eines männlichen Gottes wissenschaftlich nicht haltbar ist.

Gabriele Uhlmann vertritt einen an der Evolutionsbiologie orientierten Ansatz. Ihr zufolge ist das Leben in der Muttersippe – von Uhlmann nach Stephanie Gogolin «Das Matrifokal» genannt – die natürliche Sozialstruktur, die sich als Effekt der «female choice» in Kombination mit der langen Kindheit der Gattung Homo herausgebildet hat.

Auf die entscheidende Rolle der «female choice» haben bereits die Anthropologin Nancy M. Tanner und die Biologin Sarah Blaffer Hrdy hingewiesen.

Uhlmann wirft nicht nur eine neue Sicht auf die Frühgeschichte der Menschheit, sondern bespricht auch die Möglichkeiten, wie wir Menschen aus dem Patriarchat aussteigen können.[47]

Welchen Stellenwert hat die Erforschung der Frühgeschichte in der heutigen Frauenbewegung?

Liest man aktuelle Bücher zum Stand der feministischen Forschung und zu den Frauenbewegungen weltweit, stellt man fest, dass die Erkenntnisse und Fragestellungen der Frühgeschichtsforschung und Patriarchatskritik praktisch keine Rolle mehr spielen. Zwei Beispiele: In ihrem vorzüglichen Überblick über die Geschichte der Frauenbewegungen widmet Agnes Imhof[48] dem Thema nur zwei mickrige Abschnitte unter zweifelhaften Überschriften. Unter dem Titel «Mythos Matriarchat» bespricht die Autorin die in der Steinzeit gefundenen Frauendarstellungen; leider mit der Bezeichnung «Venus» statt «Ahnfrau» oder «Göttin». Die wissenschaftliche Erforschung der Frühzeit durch Frauen sowie die Beiträge weiblicher Vertreterinnen des Faches Anthropologie werden nur am Rande zitiert. Zwar erwähnt Imhof den Namen Gimbutas, aber ihre ganze Auseinandersetzung spielt sich einerseits über Bachofen («Das Mutterrecht») und andererseits über männliche Autoren wie Carel van Schaik ab. Imhof hat sich weder mit der Terminologie noch mit den Inhalten genügend auseinandergesetzt; auf diese Weise kann die Autorin weder der «Matriarchatsforschung» noch der im gleichen Kapitel erwähnten «spirituellen Frauenbewegung» gerecht werden. Allerdings schreibt Imhof ein Nachwort unter dem Titel: «Mehr Matriarchat wagen»... Das erstaunt doch ein wenig, nachdem sich Imhof zuvor eher herablassend über die Vertreterinnen der «Matriarchatsforschung» geäussert hatte! Die anderen Teile des Buches über die Geschichte der Frauen sind jedoch sehr lesenswert und auch kritisch.

Leider wird auch im Buch von Yvonne-Denise Köchli «Eine kurze Geschichte der Frauen»[49] nicht adäquat geschildert, welchen Stellenwert die Erforschung der vorpatriarchalen Kulturen in der Frauenbewegung hat.  Obwohl sie als Verlegerin des Buches «Macht und Moral» der Patriarchatskritikerin Carola Meier-Seethaler[50] viele Kenntnisse besitzt, behandelt sie das Thema nicht kompetent: Sämtliche neueren Forschungen sind ihr entgangen. Überdies erwähnt sie die (zum Teil tatsächlich erfreulichen) männlichen Historiker viel prominenter, als dass sie auf die politischen Interventionen von Carola Meier-Seethaler, Claudia von Werlhof, Maria Mies und Veronika Bennholdt eingeht, die alle über Jahrzehnte sehr Wesentliches zur feministischen Kulturkritik beigetragen haben. Positiv ist jedoch, dass Köchli wenigstens auf Göttner-Abendroth und ihre Aktivitäten hinweist.

Selber seit 1985 aktiv in der Frauenbewegung, habe ich den Eindruck, dass die Rolle der Patriarchatskritik innerhalb der Bewegung minimalisiert wurde. Die Suche nach Auswegen aus der patriarchalen «Kriegermentalität» wäre heute jedoch noch genauso wichtig wie vor 40 Jahren!

Fazit

Es hat sich seit dem Erscheinen des Bandes «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung» im Jahr 2003 wenig geändert. Marija Gimbutas wurde zwar offiziell rehabilitiert, aber ihre Theorien wurden weder in der Archäologie noch in der Geschichtswissenschaft aufgenommen. Es wäre wünschenswert gewesen, die bahnbrechenden Erkenntnisse aus der feministischen Forschung und Patriarchatskritik in alle Wissenschaftsdisziplinen zu integrieren. Von der Archäologie bis zur Kunstgeschichte, von der Biologie bis zur Philosophie, von der Anthropologie bis zur Geschichtswissenschaft hätte der neue Blick auf die Menschheitsgeschichte geholfen, destruktive Narrative zu überwinden und sinnvolle Forschung aufzugleisen. Doch es lief in der Wissenschaft ganz anders: Forscherinnen und Forscher, die patriarchale Dogmen hinterfragen, werden kaum gehört. Dabei ist die Frauenforschung leider keine Ausnahme: Sie wurde innerhalb kürzester Zeit durch die Gender Studies ersetzt, die jeden Bezug zur patriarchatskritischen Frühgeschichtsforschung ablehnt.

Forscherinnen und Forscher, die am Thema dranbleiben, sind – wenigstens in den deutschsprachigen Ländern – allesamt Aussenseiter/innen. Dies hat den Vorteil, dass ihre Unabhängigkeit erhalten bleibt. Der Nachteil für den Fortgang der Wissenschaft ist jedoch erheblich: Wertvolle Erkenntnisse drohen verloren zu gehen. Und jede Generation von Studentinnen und Studenten muss praktisch wieder bei Null beginnen.

Auch innerhalb der sozialen Bewegungen ist viel Wissen verlorengegangen. In der Frauenbewegung existiert wenigstens noch ein Netzwerk, in dem darüber, was wir aus den matrizentrischen Kulturen lernen können, diskutiert wird, z.B. im MatriArchiv[51] oder an den Online-Seminaren des Maternal Gift Economy Movements[52].

Anmerkungen

[1] Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. Eine moderne Hexenjagd. Hrsg. von Claudia v. Werlhof, Carola Meier-Seethaler, Christa Mulack, Heide Göttner-Abendroth, Charlene Spretnak, Joan Marler und Kurt Derungs, edition amalia, 2003

[2] v. Werlhof, Claudia: Ebenda, S. 27

[3] Spretnak, Charlene in: «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. Eine moderne Hexenjagd». Hrsg. von Claudia v. Werlhof u.a., edition amalia, 2003, S. 88-93.

[4] Marija Gimbutas sagte bewusst nicht matriarchal, sondern wählte die neutralen Begriffe matristisch oder matrifokal

[5] Haak, Wolfgang and others: «Massive Migration from the steppe was a source of Indo-European Languages in Europe», Nature 522, 2015, p. 207-211

[6] vgl. Memorial Lecture zu Ehren von Marija Gimbutas, 2018 (auf youtube).

[7] Gimbutas, Marija: «The Civilization of the Goddess. The World of Old Europe», 1991

[8] Gould, Stephen Jay: «Zufall Mensch», 1994, S. 308

[9] Röder, Brigitte/Hummel, Juliane/ Kunz, Brigitta: «Göttinnendämmerung. Das Matriarchat aus archäologischer Sicht», 1996, S. 298

[10] Meller, Harald/Michel, Kai: «Das Rätsel der Schamanin», 2022

[11] Patou-Mathis, Marylène: «Weibliche Unsichtbarkeit. Wie alles begann, 2021

[12] Bojs, Karin: «Die Mütter Europas. Die letzten 43’000 Jahre», 2024

[13] ebenda, S. 13.

[14] Eren Yüncü et. al: Female lineages and changing kinship patterns in Neolithic Çatalhöyük, 26.6.2025, Science. Zitat: “Comparing genetic ties within and between buildings, we found that the maternal lineage had a key role in connecting Çatalhöyük household members, as represented by burials within each building. We estimated that 70 to 100% of the time, female offspring remained connected to buildings, whereas adult male offspring may have moved away. We also discovered preferential treatment of female infant and child burials, with five times more grave goods offered to females than to males.”

[15] Graeber, David/Wengrow, David (2022): «Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit»

[16] Zitat aus der Originalausgabe von Graeber/Wengrow (2021): The Dawn of Everything. A New History of Humanity, S. 1: «Were we always like that, or did something, at some point, go terribly wrong?»

[17] Meller, Harald/Michel, Kai/v. Schaik, Carel (2024): «Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte»

[18] z.B. Meier-Seethaler, Carola: «Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster. Darin der Essay «Zur Pathogenese des Krieges und zum Mythos vom Krieger», S. 29-43

[19] Meller, Harald/Michel, Kai/v. Schaik, Carel (2024): «Die Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen. Eine Menschheitsgeschichte», S. 194.

[20] Kurt Derungs ist unabhängiger Wissenschaftler. Er leitet die Akademie der Landschaft (vgl. Website dielandschaft.org) und ist Autor zahlreicher Bücher, z.B. «Geheimnisvolles Bern. Sakrale Stätten an der Aare», 2016

[21] Derungs, Kurt in: «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. Eine moderne Hexenjagd». Hrsg. von v. Werlhof C. et al. edition amalia, 2003, S. 133.

[22] https://www.dielandschaft.org/amalia

[23] mündliche Mitteilung, Okt. 2025

[24] vgl. Gimbutas, Marija: «The Goddesses and Gods of Old Europe», 19741; auf Deutsch: «Göttinnen und Götter im Alten Europa. Mythen und Kultbilder 6500-3500 v. Chr. Herausgegeben von Joan Marler, 20101

[25] Derungs wendet meiner Meinung nach die von Gimbutas vorgeschlagene Methode der Archäomythologie in exzellenter Weise an.

[26] auch in seiner korrekten Deutung als Gesellschaftsform, in der die Familien matrilinear organisiert sind und die Mütter/Frauen im Zentrum stehen

[27] Ehrenberg, Margaret: «Die Frau in der Vorgeschichte», 1992

[28] Knight, Chris: «Blood Relations. Menstruation and the Origins of Culture», S. 3

[29] Fromm, Erich: «Anatomie der menschlichen Destruktivität», 1974; Erich Fromm: «Liebe, Sexualität und Matriarchat. Beiträge zur Geschlechterfrage». Herausgegeben von Rainer Funk, dtv Taschenbuch, 1994

[30] Meier-Seethaler, Carola: «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie», vollständig überarbeitete Neuauflage von 2011, S. 15

[31] Bott, Gerhard: «Die Erfindung der Götter. Essays zur politischen Theologie», 2009, S. 132ff.

[32] Meier-Seethaler schreibt, dass sie James Frazers Theorie des «sakralen Königtums» für nicht mehr gültig erachte, denn sie sei mit der historischen Realität nicht zu vereinbaren, Meier-Seethaler, Carola: «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie», vollständig überarbeitete Neuauflage von 2011. S. 13 und 14.

[33] Ebenda, S. 13

[34] Meier-Seethaler, Carola: «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie», vollständig überarbeitete Neuauflage von 2011, S. 13

[35] Ebenda, S. 15

[36] Zum gleichen Schluss waren auch Marija Gimbutas und Joan Marler gekommen. Sie schreibt in «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung», hrsg. von v. Werlhof C. et.al. (2003) auf S. 112:

«Obwohl deutsche Forscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth bewusst den Begriff Matriarchat verwenden (…), weisen (…) Marija Gimbutas und die meisten amerikanischen Wissenschaftler seine Verwendung als Beschreibung frühgeschichtlicher Kulturen zurück, eben weil er in der anglo-amerikanischen Diskussion die Idee von einer Sozialstruktur impliziert, die in spiegelbildlicher Analogie Frauen über Männer herrschen lässt.» Joan Marler ist übrigens die Biografin von Marija Gimbutas, vgl. Marler, Joan: «Myths and History», Book on Demand, 2022

[37] Meier-Seethaler, Carola (2001): Jenseits von Gott und Göttin. Plädoyer für eine spirituelle Ethik, S. 192

[38] Göttner-Abendroth, Heide: «Die Göttin und ihr Heros», 1986; Göttner-Abendroth, Heide: Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats, Band III, Westasien und Europa, 2019

[39] Göttner-Abendroth ist regelmässig zu Gast bei den Salons des «Maternal Gift Economy Movements»

[40] Vgl. Website matriarchiv.ch sowie die Website von Göttner-Abendroth, Heide: goettner-abendroth.de

[41] Am MutterGipfel von 2008 kommt ein Mann zu Wort, der zum matriarchalen Volk der Mosuo zählt. Er erzählt, wie die 300 Familien in seinem Dorf leben und dass er sich wohl fühlt. Vgl. Wengji Wang: «Muttersohn im Mutterclan» in: «Die Ordnung der Mutter – Wege aus dem Patriarchat», Dokumentation des Internationalen MutterGipfels 2008, hrsg. von Uschi Madeisky, 2010

[42] https://blog.gabriele-uhlmann.de/patriarchat

[43] Das Massaker von Talheim gilt als eines der frühesten Massaker in Mitteleuropa. Es wird heute auf 5100 v. Chr. datiert. Gabriele Uhlmann analysiert die Behauptungen zu diesem Ereignis im ihrem Buch:

Uhlmann, Gabriele: «Archäologie und Macht. Zur Instrumentalisierung der Ur- und Frühgeschichte», 20124

[44] Eisenhauer, Ursula: «Matrilokalität in der Bandkeramik? Ein ethnologisches Modell und seine Implikationen», 2003

[45] Uhlmann, Gabriele: «Der Gott im 9. Monat. Vom Ende der mütterlichen Gebärfähigkeit und dem Aufstieg der männlichen Gebärmacht in den Religionen der Welt», 20152

[46] Peschlow, Anneliese: Frühe Menschenbilder. Die prähistorischen Felsmalereien des Latmos-Gebirges, 2003

[47] Uhlmann, Gabriele: Vom Matrifokal zum Matridurat – der Unterschied zwischen freiem Leben und dem Überleben im Patriarchat. In: Artemisia/Künstlerinnen des Projektes Artemisia (Hrsg.). Die Spiele des Eros – Eine fröhliche Betrachtung der Natur. Katalog anlässlich der gleichnamigen Ausstellung vom 22.02.2026 bis 26.04.2026 im Frauenmuseum Bonn. Köln, 2026, S. 88-95.

Vgl. auch: https://blog.gabriele-uhlmann.de/vom-matrifokal-zum-matridurat-der-unterschied-zwischen-freiem-leben-und-dem-ueberleben-im-patriarchat

[48] Imhof, Agnes: Feminismus – Die älteste Menschenrechtsbewegung der Welt. Von den Anfängen bis heute, 2024

[49] Köchli, Yvonne-Denise: «Eine kurze Geschichte der Frauen. Von 1791-2024», 2024

[50] Meier-Seethaler, Carola: «Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster», 2007

[51] Das von Christina Schlatter gegründete MatriArchiv in St. Gallen besitzt eine Sammlung an Literatur zur Matriarchatsforschung unterschiedlichster Autorinnen und Autoren. Es steht allen offen, vgl. www.matriarchiv.ch. Die DenkBar in St. Gallen organisiert auch entsprechende Anlässe.

[52] www.maternalgifteconomymovement.org/

Martina C. Meier

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.