Wie sind Frauen und Männer von der Evolution geprägt? Welche Rolle spielen Sexualität, Geburt und Verwandtschaft? Welche Familienverhältnisse gab es in prähistorischer Zeit? Diese Fragen sind nicht unerheblich, wenn wir gute Vorschläge zur Verbesserung heutiger Verhältnisse machen wollen. Der vorliegende Überblick beschreibt einige wichtige Stationen der abendländischen Theoriebildung und regt an, ausstehende Fragen so besonnen und ideologiefrei wie möglich anzugehen. Die wichtigsten hier verwendeten Fachbegriffe sind in einem Glossar im Anhang erklärt.

Beginnen wir mit Jean-Jacques Rousseau (1712-1778), dessen Vorstellungen aus heutiger Sicht nicht überzeugen: Einerseits ging Rousseau davon aus, dass Menschen Einzelgänger seien und sich selbst entwickeln könnten; er übersah, dass Kinder niemals isoliert aufwachsen können, und dass Bildung ohne sichere Bindung niemals gelingen kann. Zweitens nahm er an, Frauen seien nicht fähig, geistige Leistungen zu erbringen, daher müsse man sie bei der Bildung einer fortschrittlichen Gesellschaft auch nicht als gleichberechtigt berücksichtigen. Er vertrat – ohne dies auszusprechen – das patriarchalische Kleinfamilienmodell (Kernfamilie = Nuklearfamilie) mit dominanter Rolle des Mannes. Diese Vorstellung kontrastiert wiederum mit seinen Äusserungen zu Sexualität und Fortpflanzung. Rousseau war der Auffassung, dass Menschen im Urzustand keine Konventionen betreffend Fortpflanzung kannten; auch nahm er an, dass es keine Bindung zwischen Mutter und Kind gegeben habe.

Der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin (1809-1882), sah die Menschen als Ergebnis einer langjährigen Entwicklung. Wie andere Tierarten auch, waren Menschen nach Darwins Vorstellung das Resultat von Selektionsprozessen. Zwei Mechanismen sah er auf die Lebewesen wirken: Die natürliche Selektion (sie führt zur Anpassung der Körper an die jeweiligen Umweltbedingungen) sowie die sexuelle Selektion. Die Entdeckung des Mechanismus’ der sexuellen Selektion ist wohl Darwins überragendste Leistung: Entgegen der Ende des 19. Jahrhunderts grassierenden Ideologie, dass weibliche Wesen inferior seien, dass sie bei keinem Entwicklungsschritt in der Geschichte irgendeine Rolle spielten, behauptete Darwin, dass es in der Regel die weiblichen Tiere sind, die ihre Geschlechtspartner aussuchen («female choice») und damit einen Beitrag zur Evolution der Art leisten. Heute ist diese auf Darwin zurückgehende Idee fester Bestandteil der synthetischen Theorie der Evolution. Die Evolutionstheorie Darwins hatte einen enormen Einfluss auf alle Wissenschaften. Einige Denker aus den Geisteswissenschaften missdeuteten jedoch Darwins Theorie und postulierten einen allgemeinen «Evolutionismus», das heisst, die Vorstellung, die Menschheitsgeschichte verlaufe vom primitiven Urzustand notwendigerweise zu hoher Zivilisation. Damit verbunden war auch die Idee, die Zivilisation der Weissen sei der Endpunkt der Entwicklung und den Kulturen andersfarbiger Menschen überlegen. Darwin selbst war zudem – entsprechend dem Zeitgeist – überzeugt, dass die Konkurrenz unter den Männern der entscheidende Faktor in der menschlichen Evolution gewesen sei.

Als einer der ersten Wissenschaftler entdeckte Johann Jakob Bachofen (1815-1887), dass es in der europäischen und vorderasiatischen Geschichte und Sprache klare Hinweise auf frühere Gesellschaftsformen gibt. In seinem 1861 erschienenen Buch «Das Mutterrecht» vertrat Bachofen die These, dass die ursprünglichste Form der Gesellschaft keinerlei Ehe kannte und keinerlei Gesetze, sie gründete seiner Meinung nach in der natürlichen Produktivität der Frauen. Der Jurist Bachofen entwickelte die theoretische Vorstellung von Gesellschaften, in denen die Abstammung nach der Frau gerechnet werde und die Frauen einflussreicher seien als die Männer. Teile seiner Entdeckungen wurden durch spätere Forschungen bestätigt, so z.B. die Erkenntnis, dass die patriarchale Gesellschaftsordnung später entstand als die mutterrechtliche Ordnung.

Der Mitbegründer der Ethnologie, Henry Lewis Morgan (1818-1881), ein US-amerikanischer Rechtsanwalt, erforschte die Sozialstruktur der Irokesen und entwickelte den sogenannten Evolutionismus1, also die These, dass alle menschlichen Gesellschaften notwendigerweise eine Entwicklung vom Urzustand (Urkommunismus, Wildbeutertum) über die Barbarei (Ackerbau und Viehzucht) bis zur Zivilisation (Schrift, Geschichtsschreibung) durchlaufen würden. Morgan postulierte, dass zu Beginn der Menschheitsentwicklung alle Völker matrifokal und mit Kollektiveigentum gelebt hätten, womit er mit Bachofens Ansichten übereinstimmte. Sein Wissen stammte aus seiner Forschung zur Lebensweise der matrifokal (matrizentrisch; matriarchal) organisierten Irokesenvölker. Das Patriarchat mit seinen Gesetzen zum Schutz des Privateigentums sei mit dem Erreichen der letzten Entwicklungsstufe gleichzusetzen, der Zivilisation. Seiner Theorie nach ging die matrifokale Kulturstufe einher mit kollektivem Eigentum.

Die Erkenntnisse von Morgan inspirierten Friedrich Engels (1820-1895). In der 1884 veröffentlichten Schrift: «Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats» vertrat Engels die These, dass menschliche Gesellschaften sich (notwendigerweise) von der Urgesellschaft (die er ähnlich sah wie Morgan) über die Sklavenhaltergesellschaft zum Feudalismus und Kapitalismus entwickelten, wobei die fünfte Phase, der Kommunismus, die höchste Entwicklungsstufe sei. Mit Bachofen und Morgan war Engels der Meinung, dass man heutige und in der Vergangenheit liegende matrifokale Kulturen ernst nehmen müsse. Engels ging noch einen Schritt weiter: Er bewertete die Urgesellschaft, die kein Privateigentum und keine Ehe im patriarchalen Sinn kannte, als menschlicher als die patriarchale Gesellschaftsordnung seiner Zeit.

Der polnische Sozialanthropologe Bronislaw Malinowski (1884-1942) kam bei seinen Feldstudien auf den Trobriand-Inseln zum Schluss, dass die dortigen Menschen nur die Verwandtschaftsrechnung nach der Mutter kannten (Matrilinearität), dass der biologische Vater unwichtig war, dafür der Bruder der Mutter die Vaterrolle einnahm. Allerdings versuchte Malinowski als erklärter Gegner von Morgan und Engels alles, um die Theorien von der bevorzugten Stellung der Frauen in der Frühphase der Menschheit als falsch hinzustellen. Weil Engels die Kenntnis von der Matrilinearität mit Kommunismus verband, war es nach Chris Knight relativ leicht, die Theorie über die «matriarchale» Frühzeit der Menschheit in Verruf zu bringen, obwohl es viele Belege für deren Richtigkeit gab.

Der britische Mediziner Robert Briffault (1876-1948), der sich in der zweiten Hälfte seines Lebens mit Sozialanthropologie befasste, veröffentlichte 1927 drei Bände über die zentrale Stellung der Mütter in allen menschlichen Gesellschaften: The Mothers. A study of the origins of sentiments and institutions, 3 Bände. Er bestätigte darin die Existenz von Matriarchaten.

Wilhelm Reich (1897-1957), Mediziner und Psychoanalytiker aus Wien, schloss sich den Ansichten von Friedrich Engels an und sah (Zitat): «den ersten Klassengegensatz in der Geschichte in dem Antagonismus zwischen Mann und Weib in der Einzelehe und die erste Klassenunterdrückung mit der des weiblichen Geschlechts durch das männliche.» Nach Auffassung von Reich dient die sexualfeindliche Erziehung der Kinder und Jugendlichen in der modernen patriarchalischen Gesellschaft letztlich der Vorbereitung des von ihm «Zwangsmonogamie» genannten Regimes in der Ehe2.

Der Psychoanalytiker Erich Neumann (1905-1960) verband in seiner Bewusstseinsgeschichte des Menschen die individuelle psychologische Entwicklung mit der kollektiven Menschheitsentwicklung3. Neumanns Verdienst war, dass er die Welt der Märchen, Mythen und Träume einbezog und so einen indirekten Nachweis auf die matriarchale (matrizentrische, matrifokale) Frühzeit der Menschheit erbrachte.

Der Sozialphilosoph und Psychoanalytiker Erich Fromm (1900-1980) bemühte sich um eine Sicht auf die Menschheitsgeschichte ohne eurozentristische Vorurteile und verband seine psychologischen Einsichten mit dem Wissen über die Frühzeit und über die Soziale Organisation anderer Völker. Er anerkannte die matrizentrische Frühphase der Menschheit und postulierte, «die männliche Identitätsfindung» sei ein schwierigerer Prozess als die weibliche. Fromm bezog sich damit auf das Phänomen der Individuation und auf deren Ablauf im Rahmen der Kernfamilie = Nuklearfamilie.

Die Anthropologin Margret Mead (1901-1978) brachte etwas Neues in die Diskussion: Nach ihrer Auffassung konnte empirisch gezeigt werden, dass die Geschlechterrollen kulturell bedingt und nicht angeboren sind.

Die litauisch-amerikanische Archäologin Marija Gimbutas (1921-1994) grub Tausende von Kunstgegenständen und Gräber auf dem Gebiet der heutigen Ukraine und auf der Balkanhalbinsel aus (Goddesses and Gods of Old Europe, Myths and Cult Images, 1982). Sie wies nach, dass vorpatriarchale Kulturen mit der Verehrung von Göttinnen jahrtausendelang existierten, nicht nur in Westasien, sondern auch in Europa. Die von Gimbutas als matristisch oder matrifokal bezeichneten neolithischen Hochkulturen gingen zugrunde, nachdem patriarchalische Völker aus der pontischen Steppe mehrmals in Osteuropa eingefallen waren.

Eleanor Leacock (1922-1987), beschäftigte sich als Ethnologin/Anthropologin aus den USA mit der Stellung der Frau und mit der Organisation egalitärer Gesellschaften, insbesondere auch bei Völkern der beiden Amerikas. Sie schrieb ein vielbeachtetes neues Vorwort zu Engels Buch «Der Ursprung der Familie, des Privateigentums und des Staats». Wie Margret Mead nahm sie dezidiert gegen patriarchale Mythen rund um die Frauenrolle Stellung.

Carola Meier-Seethaler (1927-1922), Philosophin und Psychotherapeutin griff in ihrem Werk von 1988/2011 (Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie) sowohl die Arbeiten von Erich Neumann, Erich Fromm als auch diejenigen von Robert Briffault und Marija Gimbutas auf. Sie beschäftigte sich mit der Bedeutung der Geburt und mit der Identitätsfindung von Mann und Frau. Sie postulierte, dass Frauen nicht bloss biologisch und historisch das erste Geschlecht seien, sondern auch psychologisch. Der Mann habe sich im Laufe der Menschheitsgeschichte als der «Andere» erlebt. Sie übernahm die These von Gerhard Bott betreffend Wissen der frühen Menschen um den Zeugungsakt und ergänzte damit ihre eigene Theorie zur Entstehung patriarchaler Herrschaft.

Der Jurist und Journalist Gerhard Bott (1930-2018), Autor von «Die Erfindung der Götter», 2009, nahm an, dass die Menschen in der Altsteinzeit sowie des frühen Neolithikums den Zusammenhang zwischen sexuellem Akt und Geburt eines Kindes noch nicht kannten. Erst die spätneolithischen Rinderzüchter beachteten die Rolle des Stiers diesbezüglich genau, was mit dazu beitrug, die männliche Rolle aufzuwerten. Später nutzten die Hirten ihre neue gesellschaftliche Wichtigkeit und errichteten zwecks Sicherung ihrer Interessen patriarchale Strukturen.

Die US-amerikanische Anthropologin Sally Slocum (geb. 1939) zwang die Wissenschaft mit ihrem 1975 veröffentlichten Text «Woman the Gatherer: Male Bias in Anthropology», sich mit den männlichen Vorurteilen in der Wissenschaft auseinanderzusetzen.

Die deutsche Philosophin Heide Göttner-Abendroth (geb. 1941) begründete eine von Universitäten unabhängige Matriarchatsforschung, dokumentierte zusätzlich heutige nicht-patriarchale Völker und schrieb zahlreiche Bücher.4 Sie ruft dazu auf, eine matriarchale Revolution zu wagen.

Der Anthropologe Kirk Michael Endicott (geb. 1942) befasste sich intensiv mit mehreren Wildbeuter Gesellschaften in Südostasien und fand dort geschlechteregalitäre Verhältnisse vor. Egalitär organisierte Völker sind nach Endicott nicht in jedem Fall auch geschlechteregalitär: so behandeln wettbewerbsorientierte egalitäre Gesellschaften Frauen nicht ebenbürtig, nicht wettbewerbsorientierte Wildbeuter dagegen schon. So belegte Endicott, was Leacock vermutet hatte: Es gibt egalitäre und sogar geschlechteregalitäre Gesellschaften.

Chris Knight (geb. 1942) hatte bis vor kurzem an der University of East London eine Professur für Anthropologie inne. Er zeigte in einem wissenschaftshistorischen Aufsatz, wie die frühen Erkenntnisse von Bachofen und Morgan über Verwandtschaftsverhältnisse, Sexualität und die Stellung der Frauen aus ideologischen Gründen beiseitegeschoben oder als falsch hingestellt wurden5. Er bezeichnet sich selber als «Darwinian Anthropologist» und vertritt eine evolutionsbiologisch fundierte Theorie der menschlichen Verwandtschaftsverhältnisse. Knight zufolge war (und ist) es im Interesse der Frauen, dass die Hilfe beim Aufziehen der Kinder sowohl von ihren eigenen Verwandten (Mutter, Schwester, Bruder) kommt als auch vom Sexualpartner, der via Konventionen dazu gebracht wird, Jagdbeute und andere Ressourcen an seine «Braut» abzugeben. Knight sieht es als erwiesen an, dass die Frühzeit der Menschheit durch Matrilinearität geprägt war und dadurch, dass der «Bräutigam» zum Wohnsitz der Frau zog (uxorilokale «Ehe»).

Der Anthropologe David Graeber (1961-2020) und der Archäologe David Wengrow (geb. 1972) behandelten in ihrem 2022 erschienenen Werk «Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit» die Familienstrukturen nicht explizit. Sie verwiesen jedoch auf Eleanor Leacock und Marija Gimbutas und zeigten sich einigen feministischen Thesen gegenüber offen.

Der Verhaltensforscher und Primatologe Frans de Waal (1948-2024), der für seine Forschung an Schimpansen bekannt wurde, veröffentlichte auch zahlreiche Beiträge zum menschlichen Verhalten; schrieb ausführlich und in Anlehnung an feministische Autorinnen zur Geschlechterfrage6, formulierte jedoch keine Hypothese zur sogenannten «Ursprungsfamilie».

Carel van Schaik (geb. 1953), Zoologe und Anthropologe, erforschte die Monogamie bei grossen Primaten und veröffentlichte mehrere Bücher, die sich explizit mit dem Ursprung der Frauenunterdrückung und der Entstehung des Patriarchats befassen.7 In seinen Büchern hat er sich bisher jedoch ablehnend gegenüber Thesen zu einem «Matriarchat» geäussert. Van Schaik stellt die egalitäre Organisation ausgestorbener und heute noch lebender Jäger-Sammler-Gruppen an den Anfang seiner Analysen.

Aus meiner Sicht gilt es nun, die verschiedenen Ansätze aus Biologie, Psychologie, Mythologie, Kulturanthropologie, Ethnologie, Soziologie, Geschichte und Archäologie zusammenzuführen.

Anmerkungen

[1] Morgans Hauptwerk “Ancient Society, Or: Researches in the lines of human progress from savagery through barbarism to civilization” erschien 1877 und wurde 1891 ins Deutsche übersetzt.

[2] Wilhelm Reich (1931): Der Einbruch der sexuellen Zwangsmoral. Zur Geschichte der sexuellen Ökonomie

[3] Erich Neumann (1974): Die Grosse Mutter. Die weiblichen Gestaltungen des Unterbewussten

[4] z.B. Heide Göttner-Abendroth (2019): Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats, Band III, Westasien und Europa

[5] Chris Knight (2008): Early Human Kinship Was Matrilineal. In N. J. Allen, H. Callan, R. Dunbar and W. James (eds.) Early Human Kinship. Oxford: Blackwell, pp. 61-82.

[6] Frans de Waal (2022): Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können

[7] Carel van Schaik & Kai Michel (2020): Die Wahrheit über Eva. Die Erfindung der Ungleichheit von Frauen und Männern sowie Carel van Schaik & Kai Michel (2023): Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.