A
Abstammung: Dieser Begriff wird meist verwendet, um die genetische = biologische Herkunft eines Individuums zu beschreiben. Weil es in vielen Völkern Traditionen der Aufnahme von Nicht-Blutsverwandten gibt, sollte man nicht voreilig Schlüsse ziehen. Dies gilt z.B. für die Analyse von Knochen in Gräbern: Sollte z.B. festgestellt werden, dass ein mit den übrigen Menschen genetisch nicht verwandtes Individuum in einem «Clangrab» liegt, heisst dies nicht unbedingt, dass diese Gemeinschaft die Matrilinie (oder die Patrilinie) nicht beachtet hat. Es kann auch sein, dass ein Mensch adoptiert wurde – aufgrund seiner Eigenschaften, seines spirituellen Lebens oder aus anderen Gründen, vgl. auch kinship und Verwandtschaft.
Ahnfrau: Mit diesem Begriff aus der Symbolforschung und Kulturanthropologie wird die Frau bezeichnet, aus der eine Matrilinie/ein Clan hervorgegangen ist. Die Ahnfrau kann auch ausschliesslich symbolisch verstanden werden, dann bezeichnet sie nicht die älteste Vorfahrin eines Clans, sondern die Mutter alles Lebendigen an einem bestimmten Ort bzw. in einer bestimmten Landschaft. Man kann den Begriff Ahnfrau synonym zu Muttergöttin, Landschaftsgöttin oder einfach «Göttin» verwenden.
Autorität: Im ursprünglichen Sinn bedeutet Autorität, dass Menschen innerhalb einer Gruppe einen hohen Status besitzen. Dieser Status bezieht sich auf Fähigkeiten, die diese Menschen mitbringen oder ihre soziale Funktion. In nicht-hierarchischen, nicht-patriarchalen Gesellschaften haben Menschen ausschliesslich aufgrund ihrer Weisheit und Erfahrung Autorität und werden ehrfürchtig angehört. Sie besitzen keine Befehlsgewalt, ihnen wird bloss viel zugetraut, was darauf hinausläuft, dass sie – ganz im Sinne der Definition von Hannah Arendt – Macht zugesprochen erhalten.
B
Bilinearität: Es gibt menschliche Gesellschaften, die zur Charakterisierung der biologischen Abstammung eines Kindes sowohl die biologische Mutter als auch den biologischen Vater angeben. Falls beide Abstammungen kulturell eine Rolle spielen, spricht man von einem bilinearen System. Ein in der Ethnologie synonym gebrauchter Ausdruck ist die kognatische Verwandtschaftsrechnung. Viele egalitär organisierte Wildbeuter-Völker kennen dieses System.
Blutsverwandtschaft: umgangssprachlich für genetische Verwandtschaft. Wie unter Abstammung erklärt, können Menschen in bestimmten traditionellen Gesellschaften sich als verwandt betrachten, obwohl sie nicht genetisch verwandt sind. Deshalb verwende ich alle diese Begriffe jeweils mit einem Zusatz, der anzeigt, welche Verwandtschaft gemeint ist: Die biologische (=genetische) oder die spirituelle/geistige.
C
Clan: Unter Clan versteht man eine unilineare Abstammungsgruppe (engl. lineage), deren Mitglieder sich als Nachfahren einer gemeinsamen Vorfahrin, eines gemeinsamen Vorfahren betrachten, ohne die genaue genealogische Verbindung zur Gründerin/zum Gründer angeben zu können1. Peggy Schneider berichtet, das Navajo-Wort für Clan bedeute: «die durch eine Kette von Geburten miteinander verbunden sind»2 Je nachdem, wie die Verwandtschaftslinien gezogen werden (matrilinear, bilinear, patrilinear) sind die Clans anders strukturiert und heissen die Verwandtschaftsgrade anders. Je nach Tradition kann ein Clan auch Individuen von ausserhalb adoptieren.
E
egalitär: Dieser Ausdruck wird unterschiedlich verwendet. Grundsätzlich ist gemeint, dass es innerhalb einer menschlichen Gemeinschaft keine Unterdrückung gibt noch gibt es unterschiedliche Klassen. In egalitären Gesellschaften sind die Unterschiede in Ansehen und Status auf eigene Leistungen zurückzuführen. Ausgeklügelte Regeln helfen, dass die Unterschiede klein bleiben und auch relativ erfolglose oder durch Krankheit gezeichnete Individuen von der Gesellschaft mitgetragen werden. Eleanor Leacock war eine der ersten Forscherinnen, die fand, es gehe nicht um Gleichheit, sondern um Freiheit (Autonomie). Eine Gesellschaft, in der Frauen und Männer frei über ihre Beziehungen, über ihre Mitarbeit an einer Unternehmung entscheiden können, ist egalitär. Diese Definition schliesst ein, dass es zwischen Mitgliedern eines Volkes oder zwischen den Geschlechtern grosse Unterschiede betreffend Arbeitsfeldern oder betreffend persönlichem Ansehen geben kann.
Kirk M. Endicott konnte zeigen, dass es Wildbeuter Gesellschaften gibt, die nicht nur innerhalb des Geschlechts egalitär funktionieren, sondern auch explizit über Geschlechtergrenzen hinweg. Solche Gemeinschaften nennt Endicott «geschlechtsegalitär» Matriarchatsforscherinnen wie Heide Göttner-Abendroth betonen, dass egalitäre Beziehungen zwischen den Geschlechtern nicht bloss in Wildbeuter Gruppen, sondern auch in hochentwickelten, matriarchalen Gartenbau-Kulturen üblich waren. Carel van Schaik lässt nur für Wildbeuter gelten, sie seien egalitär organisiert (gewesen).
Ehe: Die Ehe als formal abgesicherte Institution ist eine patriarchale Erfindung. Die frühesten Eheformen hatten den Hauptzweck, dass Männer ihre Söhne als Erben einsetzen konnten. Frauen verloren ihre sexuelle Freiheit, ihre Bewegungsfreiheit und die Unterstützung ihrer Herkunftsfamilie. Sie galten sowohl in monogamen als auch in polygynen Ehen als Besitz des Mannes. Paarbindungen, die formal nicht abgesichert sind, sollten strenggenommen nicht als Ehen bezeichnet werden. Die Feierlichkeiten im Zusammenhang mit einer Paarbindung oder einer formalen Ehe, werden als Heirat bezeichnet. In vielen nicht-patriarchalen Gesellschaften haben die Heirat bzw. die Abmachungen im Zusammenhang mit der «Ehe» wirtschaftliche und organisatorische Bedeutung – die sexuelle Freiheit der Partner wird durch eine solche Heirat jedoch nicht eingeschränkt.
Exogamiegebot: Vergleichende Studien ergaben, dass die allermeisten Völker Regeln kennen, die sicherstellen, dass sehr nahe Verwandte nicht zusammen Nachkommen zeugen. Da empirisch erwiesen ist, dass Menschen, die gemeinsam aufgewachsen sind, kaum erotische Anziehung zueinander verspüren, ist davon auszugehen, dass die Exogamieregel eine biologische Basis hat. Sie sorgt dafür, dass sogenannte Inzucht vermieden wird. Es gibt sowohl Regeln, die besagen, eine junge Frau solle sich einen Partner von ausserhalb suchen, als auch Regeln, die verlangen, dass ein junger Mann seine Gruppe verlässt, um eine Paarbeziehung einzugehen.
Anmerkung: Regeln, die den Kontakt zu den eigenen Verwandten verbieten, gehören nicht zum Exogamiegebot (sie dienen bloss der Unterdrückung der Frauen).
F
Familie: Dieser Begriff bezeichnet in der modernen westlichen Welt meistens die Kernfamilie (= Nuklearfamilie = Kleinfamilie) bestehend aus Vater, Mutter und deren Kindern. Nuklearfamilien gab es in der menschlichen Frühzeit nicht. Die Kernfamilie, die heute über den ganzen Globus verbreitet vorkommt, war bis vor sehr kurzer Zeit eindeutig patriarchal: Der Mann hatte Befehlsgewalt über die Frau; die Kinder trugen den Nachnamen des Vaters; die Frau wurde in den privaten Raum verbannt (der als unwichtig galt). In Europa entwickelte sich die Nuklearfamilie mit Sicherheit aus der patriarchalen Grossfamilie, bestehend aus einem männlichen Haushaltsvorstand, seiner Gattin, seinen Kindern und Enkelkindern, evtl. seiner alten Eltern und seinen unverheirateten Geschwistern. Zusätzlich gehörten zur Grossfamilie Tanten und Onkel und/oder Arbeitskräfte (unverheiratete Knechte und Mägde). Die Ethnologie seit den 1970er Jahren, spätestens seit den Publikationen von Eleanor Leacock, betrachtet alle Berichte über nicht-weisse /nicht-industrielle Kulturen kritisch betreffend Familiensystem und Geschlechterrollen. Heute unterscheidet man matrilineare, patrilineare und bilineare Familiensysteme.3 Das matrilineare gilt als das älteste Familiensystem.
unvollständige Aufzählung von nicht patriarchalen Paarbindungs- und Familiensystemen:
- zeitlich beschränkte Monogamie; matrilineares System: Der Mann bindet sich für eine bestimmte Zeit an eine Frau, die Kinder wachsen unter der Obhut und Pflege der Frau und ihrer weiblichen Verwandtschaft auf. Die Frau (aber auch der Mann) kann sich ohne Formalitäten aus der Partnerschaft verabschieden. Weil die Frau in ihrem Clan lebt, ist es der Mann, der weggeschickt wird, falls sich die Frau trennen will.
- Polyandrie; matrilineares System: Eine Frau wählt zwei Männer (oft zwei Brüder): Die Frau bestimmt, wann sie mit welchem Mann Kontakt hat. Ihre Kinder schauen beide Männer als Väter an, die Männer selbst akzeptieren alle Kinder aus diesem Familiensystem als die eigenen Kinder.
- zeitlich beschränkte Monogamie; bilineares System: Die Kinder aus dieser Verbindung werden sowohl nach der mütterlichen als auch der väterlichen Linie benannt.
G
geschlechtsegalitär: Kirk M. Endicott4 definiert geschlechtsegalitäre Gesellschaften als solche, die trotz eventueller geschlechtlicher Arbeitsteilung keine Kontrolle des einen über das andere Geschlecht kennen (keine Macht oder Kontrolle über Sexualität, Fortpflanzung, Arbeit oder Sonstiges).
Gott: In monotheistischen Glaubenssystemen gibt es bloss einen Gott (meist männlich oder als abstrakte, geistige Instanz gedacht), in polytheistischen Religionen gibt es mehrere Götter und Göttinnen, die menschenähnlich oder tierähnlich dargestellt werden. Waren männliche Götter in prähistorischen Zeiten sehr selten, so werden sie am Ende des Neolithikums häufiger. Auffallend ist, dass viele männliche Götter, z.B. der griechische Gott Zeus, als Erzeuger oder gar als Gebärer dargestellt werden. Dies muss damit zusammenhängen, dass man den männlichen Göttern die mütterlichen/weiblichen Eigenschaften zuschreiben wollte, um die weiblichen Gottheiten zu entmachten.
Göttin: Marija Gimbutas und andere ForscherInnen haben die kunstvollen Zeichnungen, Skulpturen und Keramikfiguren, die stilisierte Frauen darstellen, als Göttinnen oder Muttergöttinnen bezeichnet. Zurzeit der Archäologie und Ethnografie im 20. Jahrhundert war es üblich, Bezeichnungen wie Gott oder Göttin anzuwenden, sobald Figuren oder Bilder auftauchten, die ganz offensichtlich mit einem Kult in Zusammenhang standen. Einige Religionswissenschaftler/innen warnen davor, diese Bezeichnungen unüberlegt zu verwenden – es sei anzustreben, zuerst das ganze Symbolsystem eines rezenten oder ausgestorbenen Volkes zu verstehen. Die moderne Forschung hat jedoch die meisten Ergebnisse und Thesen von Gimbutas bestätigen können. Die Tatsache, dass die «Venus von Willendorf» – wie hunderte ähnlicher Kunstwerke der Frühzeit – nicht realistisch, sondern mit verzerrten Proportionen dargestellt ist (übermässige Betonung der Vulva, des schwangeren Bauchs, der nährenden Brüste) zeigt, dass es sich um Symbole oder eben Göttinnen handelt. Solche Frauendarstellungen verkörpern das mütterliche Prinzip und den Glauben an Geburt und Wiedergeburt (aller Geschöpfe, nicht nur des Menschen)
Grossfamilie: In der patriarchalen Tradition eine Familie, die neben den Mitgliedern der Kernfamilie auch noch weitere Verwandte (patrilinear gerechnet) umfasst. Gelegentlich spricht man auch von matrilinearen Grossfamilien, obwohl diese anders organisiert sind und der Begriff «erweiterte Mutterfamilie» wohl besser geeignet wäre.
H
Heirat: Mit der Heirat wird eine Paarbindung öffentlich. In nicht-patriarchalen Gesellschaften sind damit gewisse Erwartungen und soziale Konventionen verbunden, aber keine formalen Rechte, die einen der Partner sexuell oder wirtschaftlich einschränken. Strenggenommen dürfte man nicht von Heiraten sprechen, da es in egalitären und matrifokalen (=matrizentrischen) Gesellschaften keine Eheverträge gibt. Es hat sich jedoch eingebürgert, die Zeremonie zur Feier und Öffentlichmachung einer Paarbeziehung in jedem Fall als Heirat zu bezeichnen. In patriarchalen Verhältnissen wird mit der Heirat die Ehe besiegelt, also das Verfügungsrecht des Mannes über seine Frau/en und Kinder.
Heiratsregeln: In den meisten Gesellschaften gibt es Konventionen, für deren Befolgung gewisse Clanmitglieder sorgen. Eine Regel, die weltweit gefunden wird ist das sogenannte Exogamie-Gebot. Es besagt, Menschen aus der gleichen Verwandtschaftsgruppe sollten nicht heiraten.
Herrschaft: Wie im deutschen Ausdruck Herrschaft bereits angelegt, handelt es sich um ein Machtverhältnis von Männern (Herren) über Frauen und Kinder sowie über andere, in der Hierarchie tiefer stehende Männer. Herrschaftsverhältnisse wurden im Lauf der Geschichte stets mit Gewalt eingerichtet.
Hierarchie: Menschliche Gemeinschaften, die ihren Mitgliedern je nach Herkunft, Geschlecht oder Reichtum unterschiedliche Rechte einräumen und sie unterschiedlich gut behandeln. Eine Gesellschaft mit Hierarchien ist nach Auffassung vieler Autorinnen und Autoren eine Gesellschaft mit patriarchaler Struktur oder eine Gesellschaft mit beginnender Patriarchalisierung. Hierarchien sind meist rechtlich abgesichert. Sie unterscheiden sich von Verhältnissen, in denen Menschen aufgrund ihrer persönlichen Erfahrung, ihrer Leistungen oder ihres Alters mehr Autorität, ein höherer Status und damit mehr Macht zugesprochen wird. Gesellschaften, die zum Beispiel den Ältesten eine wichtige Rolle geben, wenn es um Beschlüsse geht, sind nicht hierarchische Gesellschaften. Denn diese Ältesten haben keine Befehlsgewalt.
I
Inzest: Ausdruck aus der Sozialanthropologie und Psychologie. Sexueller Kontakt zwischen Vater und Tochter, Bruder und Schwester oder Mutter und Sohn. Solche Kontakte werden in den meisten Gesellschaften mit einem Tabu belegt. Es ist möglich, dass diese Tabus die natürliche Neigung zu Exogamie verstärken sollen. Es ist aber auch denkbar, dass diese Tabus weitere soziale Funktonen erfüllen sollen. Als heute widerlegt gelten die Ansichten von Sigmund Freud, der postulierte, der inzestiöse Wunsch des Kindes (Ödipuskomplex) stehe am Beginn der Kultur.
Inzucht: Ausdruck aus der Zoologie. Finden Paarungen innerhalb von genetisch nah miteinander verwandten Menschen statt, steigt die Wahrscheinlichkeit, dass die Nachkommen mit einer Behinderung oder Krankheit zur Welt kommen. Bei Menschen (und auch bei einigen anderen Tierarten) ist deshalb ein natürlicher Mechanismus zur Vermeidung von sexuellen Kontakten innerhalb der Blutsverwandtschaft entstanden. Man geht heute davon aus, dass Menschen, ähnlich wie Schimpansen, natürlicherweise Exogamie praktizieren, das heisst, ihre Geschlechtspartner ausserhalb der eigenen Familie suchen.
K
Kernfamilie= Kleinfamilie= Nuklearfamilie: gemeint sind die biologischen Eltern und ihre Kinder. Die kleinstmögliche Nuklearfamilie besteht aus Mutter, Vater und einem Kind.
Kinship: englisch für Verwandtschaft. Wie auch im deutschen Ausdruck muss bei jedem Text mitgedacht werden, dass sowohl Blutsverwandtschaft gemeint sein kann als auch mehr als das. Die Kriterien, mit der ein Individuum zum Clan oder zur Familie gezählt wird, sind sehr oft nicht bloss biologische, sondern auch soziale und spirituelle. Die Ethnografie hat hunderte verschiedener Varianten von Verwandtschaftssystemen feststellen können. Dass man alle Verwandtschaftssysteme zurückführen könne auf ein universales, monogames Mann-Frau-Verhältnis ist eine irrige Annahme, wie Chris Knight gezeigt hat.
kognatisch: Abstammungsrechnung nach beiden Elternteilen (anderes Wort für bilinear)
Klassengesellschaft: In der marxistischen Theorie und nachfolgend in vielen soziologischen Werken bezeichnet man eine Gesellschaft, die unterschiedliche Schichten mit unterschiedlichen Rechten und/oder unterschiedlichen wirtschaftlichen Möglichkeiten aufweist, als Klassengesellschaft. Solche Gesellschaften können nur mit struktureller und physischer Gewalt aufrechterhalten werden: Die herrschende Klasse unterdrückt die unteren Klassen und beutet sie aus.
L
Langhaus: In vielen matriarchalen und matrifokalen (=matrizentrischen) Gesellschaften vorkommender Haustyp, in dem mehrere, meist miteinander über die mütterliche Linie miteinander verwandte Frauen einen Haushalt führen. Die Kinder dieser Frauen sind hier zuhause. Die (Ehe)Männer dürfen nicht in alle Bereiche eintreten; falls sie unerwünscht sind, können sie von den Frauen weggeschickt werden.
Lineage (engl.): Fachausdruck für Clan oder Klan, siehe dort.
Lineares Weltbild: Vorstellung, dass die Welt einen Anfang hat und sich alles linear entwickelt. Vorstellung von einem Anfang und einem Ende: das individuelle Leben endet mit dem Tod.
M
Macht: Jede menschliche Gesellschaft kennt das Phänomen, dass nicht alle Mitglieder gleich viel Einfluss haben. Die Wertschätzung, die zum Beispiel einer erfahrenen Person zu teil wird, beruht auf Vertrauen. Dieses Vertrauen kann von der Person mit hohem Status missbraucht werden. In nicht-hierarchischen Gesellschaften verliert jemand, der seine Macht missbraucht, ziemlich schnell an Einfluss. In hierarchisch aufgebauten Gesellschaften dagegen kann Machtmissbrauch systemisch sein.
Matriarchat: Ausdruck aus der Urgeschichtsforschung. Nach Heide Göttner-Abendroth sind bei einem vollständigen Matriarchat drei wesentliche Bedingungen erfüllt, Zitat Website Matriarchiv5:
- Die Erbfolge läuft in der weiblichen Linie (sog. Matrilinearität)
- Der Wohnsitz ist matrilokal, d.h. die weiblichen und männlichen Nachkommen bleiben ein Leben lang in der Muttersippe wohnen
- Die lebensnotwendigen Güter wie Land, Häuser, Tiere und Feldfrüchte sind in Frauenhand, in der Regel bei der Clanvorsteherin oder Matriarchin.»6
Es gibt Forscherinnen, die den Ausdruck matristisch vorziehen (Marija Gimbutas) andere sprechen von matrifokalen (Eleanor Leacock), oder matrizentrischen Gesellschaften (Carola Meier-Seethaler). Im Prinzip sind die gleichen gesellschaftlichen Bedingungen gemeint, die Göttner-Abendroth matriarchal nennt. Matrizentrische, matristische und matrifokale Gesellschaften erfüllen jedoch nicht in jedem Fall Punkt 2 der Matriarchatsdefinition von Göttner-Abendroth. Diese Ausdrücke werden also offener verwendet als der Ausdruck matriarchal.
Bis heute wird oft unterstellt, ein Matriarchat sei ein Gesellschaftssystem, in dem die Frauen die Männer beherrschten – obwohl moderne Forscher/innen klar dargelegt haben, dass genau dies weder gemeint noch der Fall ist.7 Es ist belegt, dass es ein solches System nie gegeben hat. Alles, was man über die Menschen in prähistorische Zeit und über heutige, nicht-patriarchale Völker weiss, zeigt: Es gab Gesellschaftsformen, in denen Mütter und Frauen zwar im Zentrum standen – Männer waren jedoch keineswegs unterdrückt. Sie spielten höchstens spirituell und evtl. auch gesellschaftlich und wirtschaftlich eine etwas geringere Rolle als Frauen.
matrifokal: Ausdruck aus der Ethnografie und Frauenforschung. Eine Gesellschaft kann als matrifokal bezeichnet werden, wenn die Abstammung nach der Mutter (Matrilinearität) ein hohes Gewicht hat, wenn alle Werte im Zusammenhang mit Gebären, Leben hervorbringen und Leben erhalten im Zentrum der Kultur stehen. Matrifokalität ist verbunden mit einem zyklischen Weltbild und einer entsprechenden Spiritualität: Es gibt Ahnfrauen oder Göttinnen und Frauenfigurinen und weitere Zeichen für die Verehrung des «mütterlichen Prinzips». Dieses Prinzip schliesst die Vorstellung von Wiedergeburt ein. Diese Merkmale treffen auch auf Matriarchate im Sinne Göttner-Abendroths zu. Einige Autor/innen benutzen den Ausdruck matrifokal synonym zu matrizentrisch und matristisch.
matrilinear: Ausdruck aus der Ethnografie. Die Abstammung eines Gruppenmitglieds wird nur nach der Mutter angegeben, die Abstammung vom Vater spielt kulturell keine Rolle. Bei sesshaften matrilinearen Gesellschaften kann auch die Vererbung von Nutzungsrechten oder Besitz über die mütterliche Linie erfolgen.
matrilineare Familiensysteme:
Als der Beitrag des Mannes zur Zeugung eines Kindes noch nicht bekannt war, galt nur die Abstammung von der Mutter. Für die Erziehung der Kinder war ein Bruder der Frau zuständig. Zu matrilinearen Familiensystemen kann es gehören, dass die väterliche Linie gar nicht erwähnt wird. Alle männlichen Mitglieder werden nach ihrer Verwandtschaft zu ihren Müttern und Schwestern benannt. Matrilineare Familiensysteme gehen stets mit einer grossen Autonomie einher: Weder Frauen noch Männer werden in ihren sexuellen Beziehungen eingeschränkt, Ehen sind nicht formalisiert und die Versorgung der Kinder funktioniert unabhängig davon, ob die Paarbindung hält oder auseinandergeht.
matrilokal: Wenn der Wohnsitz eines Paares im (Lang)haus der Mutter der Frau bezogen wird oder beim Clan der Frau, nennt man diese Organisation matrilokal.
Mutterrecht: Ausdruck, der von J. J. Bachofen in seinem Buch «Mutterrecht» von 1861 geprägt wurde. Damit meinte der Jurist Bachofen ein System, in dem Frauen ihre Sexualpartner frei wählten, wo es keine formalisierte Ehe gab, der Status der Frauen sehr hoch war und Namensgebung sowie Vererbung über die Mutterlinie erfolgten. Heute ist der Begriff Mutterrecht nicht mehr üblich. Die Erkenntnisse Bachofens, wie er sie aus der kritischen Lektüre griechischer Texte erschloss, sind jedoch vielfach bestätigt worden.
Mutterfamilie: Ausdruck, der die Frau (in der Tierwelt: ein Weibchen) mit ihren Nachkommen bezeichnet. Es kann sich dabei um 2 Generationen handeln, in Ausnahmefällen auch um 3 Generationen, die zusammenleben. Es handelt sich dabei um einen Begriff, der hauptsächlich in der Zoologie verwendet wird. In der Ethnografie ist eher von Matrilinearität oder Matrilokalität die Rede.
P
Patriarchat: Ausdruck aus der Sozialanthropologie und der Rechtswissenschaft für ein von Männern aufgebautes Herrschaftssystem. Ein Patriarchat ist nach dem Vater strukturiert. Dies bezieht sich auf das Familiensystem, in dem der biologische Vater Befehlsgewalt über seine Partnerin und über seine Kinder hat, bis zur spirituellen Welt, die als eine Welt von Vatergottheiten dargestellt wird. Patriarchale Systeme gehen meist mit kodifizierten Rechtssystemen einher und wurden nach bisherigen Forschungsergebnissen mit Gewalt erzwungen. Frauen ordneten sich nicht freiwillig unter, sie gaben nur unter Androhung von Gewalt oder unter Verhältnissen von Krieg und Sklaverei ihre Autonomie auf. Gerda Lerner und Heide Göttner-Abendroth verweisen auf mögliche ökologische Katastrophen, die Männern in Westasien die Möglichkeit zur Zerstörung matriarchaler Verhältnisse erleichtert haben. Carel van Schaik sieht die Errichtung patriarchaler Systeme als Resultat von Veränderungen menschlicher Gesellschaften im Zusammenhang mit Sesshaftigkeit, Bevölkerungszunahme und Kriegführung. Carola Meier-Seethaler diskutiert neben ökologischen auch die psychologischen Bedingungen, die die Errichtung von patriarchaler Herrschaft begünstigt haben. Eleanor Leacock sah die Entstehung des Patriarchats eng verknüpft mit der Verdrängung der Frauen aus dem öffentlichen Bereich, der aus wirtschaftlichen und aus politischen Tätigkeiten bestand. Gilt in einer Gesellschaft die Arbeit, die Frauen tun, nicht mehr als Wirtschaftstätigkeit, können Frauen systematisch entrechtet werden. Leacock vermutete, dass die Nuklearfamilie die Grundeinheit patriarchaler Systeme gewesen sei und ohne die Unterdrückung der Frauen in der Nuklearfamilie auch keine Klassengesellschaften hätten entstehen können. Weltweit gibt es viele verschiedene Patriarchate, die z.T. unabhängig voneinander entstanden sind bzw. auf Kosten von egalitären oder matrifokalen Gesellschaften errichtet wurden. Zurzeit hat das mit dem kapitalistischen Wirtschaftssystem verknüpfte Patriarchat die grösste Ausdehnung.
patrilokal: Wenn der Wohnsitz des Paares beim Vater des Mannes lokalisiert ist oder in unmittelbarer Nachbarschaft des Vaters ein neues Haus für die neue Nuklearfamilie erstellt wird, nennt man diese Organisationsweise patrilokal.
S
Stamm: Begriff, der zuweilen verwendet wird, um eine Volksgruppe zu bezeichnen. Es kann aber auch ein Clan gemeint sein.
U
uxorilokal: Falls der Mann zu seiner Partnerin zieht, spricht man von Uxorilokalität. Dabei lebt die Frau nicht im Haus ihrer Mutter (wie in matrilokaler Organisation), sondern hat – meist in der Nähe – ein eigenes Haus. Uxorilokalität ist in den meisten Fällen verbunden mit einer matrizentrischen, matrifokalen oder matriarchalen Gesellschaft. Einige Autoren subsumieren Uxorilokalität unter Matrilokalität, was allerdings nicht ganz korrekt ist.
V
virilokal: Falls die Sexualpartnerin in den Clan des Mannes zieht, spricht man von Virilokalität. Dabei ist es möglich, dass der Mann noch in seinem Mutterclan zuhause ist. Das soziale System ist also nicht patriarchal, deshalb darf man eine virilokale Organisation auch nicht als patrilokal bezeichnen!
W
Wiedergeburt: Die Vorstellung, dass alles Leben von der Erde / von einer Muttergöttin / von einem göttlichen weiblichen Tier oder Landschaftselement geboren wird, ist vermutlich eine der frühesten Formen von Spiritualität, die indirekt über die Analyse von Felsmalereien, Sitten bei der Beerdigung, Statuetten und Mythen rekonstruiert werden kann. Dabei ist zentral, dass jedes Lebewesen, ob Pflanze, Tier oder Mensch, auch wiedergeboren werden kann – durch eben diese gleiche Muttergöttin, die die Welt hervorgebracht hat. Bei Menschen mit dieser Form von Glauben ist das Zeitverständnis ist nicht linear (wie das christliche oder das moderne), sondern zyklisch.
Z
Zyklisches Weltbild: Die Vorstellung, dass alle Zeitabschnitte wiederkehren und es im Prinzip weder Anfang noch Ende gibt. In dieser Vorstellung ist der individuelle Tod eines Menschen weniger tragisch als im linearen Weltbild, denn im zyklischen Weltbild gibt es die Vorstellung der Wiedergeburt.
Anmerkungen
- Gisela Völger und Karin v. Welck: Die Braut. Zur Rolle der Frau im Kulturvergleich, Band 2, Glossar, S.889
- Schneider, Peggy (1977): Children of Changing Woman: Myth, Symbol and Navajo Women; zitiert nach Christa Mulack in: Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung, Eine moderne Hexenjagd, S. 58
- Schneider, David M. & Gough, Kathleen (1974): Matrilineal kinship; Eleanor Leacock (1981): Myths of Male Dominance; Knight, Chris (2008). Early Human Kinship Was Matrilineal. In N. J. Allen, H. Callan, R. Dunbar and W. James (eds.), Early Human Kinship. Oxford: Blackwell, pp. 61-82.
- zitiert nach Monika Oberhuber (2009) «Geschlechtsegalitäre Gesellschaften oder «Same, same but different»»
- https://www.matriarchiv.ch/matriarchatsforschung/matriarchatsdefinition/
- Heide Göttner-Abendroth: Das Matriarchat. Stuttgart, Kohlhammer 1988 ff.
- «Die Diskriminierung der Matriarchatsforschung. Eine moderne Hexenjagd», 2003, edition amalia, herausgegeben von Claudia von Werlhof, Christa Mulack, Carola Meier-Seethaler, Heide Göttner-Abendroth, Charlene Spretnak, Joan Marler und Kurt Derungs
Martina C. Meier