Weshalb wir das biologische Geschlecht ernst nehmen sollten

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Einleitung

In den letzten Jahren hat sich die Diskussion um Geschlechter und ums gesellschaftlich Wünschbare stark verändert. Die heutigen Ansätze sind von einer Missachtung des menschlichen Körpers und einer neuen Abwertung von Frauen gekennzeichnet. War ich noch 2010 der Meinung, dass sich die akademisch geprägte Debatte um „gender“ mangels Bodenhaftung selber in Luft auflösen würde, sehe ich heute, dass dies nicht der Fall ist, und sich alle Engagierten sehr ernsthaft bemühen müssen, wieder fruchtbaren Boden zu finden. Mein Aufsatz soll ein Kontrapunkt sein zu Judith Butlers neuestem Buch „Who‘s afraid of gender?“ (2024), welches ich als neuen Tiefpunkt in einer vergifteten Debatte empfinde[2].

Ich möchte zu den Fragen rund um die Geschlechtlichkeit des Menschen sowohl als Biologin Stellung beziehen als auch als linke Feministin und Engagierte in Sachen Nachhaltigkeit.

Tove Soiland[3] argumentierte bereits 2003, dass der „Genderansatz“ der Sache der Frauen nicht diene, denn um Frauen politisch zu verteidigen, sei es bestimmt falsch, die Kategorie „Frauen“ abzuschaffen. Patricia Purtschert[4] stellte sich der Auseinandersetzung, verteidigte den Ansatz jedoch unter anderem mit dem Argument, es gelte, die herrschenden Geschlechternormen in Frage zu stellen. Die Revision im Schweizerischen Personenregister, die am 1. Januar 2022 in Kraft trat[5], die Verabschiedung eines neuen Gleichstellungsgesetzes im Kanton Basel-Stadt[6] sowie das sogenannte Selbstbestimmungsgesetz, das vom bundesdeutschen Parlament 2024[7] beschlossen wurde, sind weitere Gründe, diesen Essay zu verfassen.

Zuerst gehe ich kurz auf die Geschichte der Frauenbewegung ein. Ich werde dabei beleuchten, dass es nicht erst heute, sondern auch schon in früheren Phasen der Frauenbewegung Missverständnisse in der Rezeption biologischer Forschungsergebnisse gab. Von zentraler Bedeutung für meine Argumente ist die feministische Kritik an patriarchalischen Denkmustern in der Wissenschaft, an der ich stets mitgewirkt habe. Die biologischen Grundlagen, die für meine Argumentation eine Rolle spielen, sind in Kästen dargestellt, die man auf den Seiten 37-43 findet (oder auf meiner Website direkt anklicken kann). Dasselbe gilt fürs Glossar (S.34-36).

In diesem Essay geht es mir sowohl ums Wissenschaftliche als auch ums Politische: Was ist in den vergangenen Jahrzehnten im akademischen Diskurs gelaufen? Wer profitiert, wenn das „biologische Geschlecht“ aufgegeben wird? Gerne mache ich am Schluss Vorschläge für konstruktive Lösungen.

„Sex“ and „Gender“

In den 1980er Jahren wurde es in Nordamerika und Teilen Europas üblich, zwischen dem „biologischen“ und dem „sozialen Geschlecht“ eines Menschen zu unterscheiden. Mit dem biologischen Geschlecht („sex“) war der Körper/die Anatomie gemeint, mit dem sozialen Geschlecht („gender“) bezeichnete man die Geschlechterrolle bzw. das, was Männern und Frauen kulturell zugeschrieben wurde. Die Unterscheidung von „sex“ und „gender“ wurde von Gleichstellungsfeministinnen begrüsst, denn sie erlaubte, Vorurteile über Frauen- und Männerrollen sowie die daraus abgeleiteten Ungerechtigkeiten, z.B. bei Lohnfragen, zu entlarven. Ökofeministinnen warnten jedoch schon damals, dass mit der Einführung des Begriffs „gender“ bzw. der Aufgabe der Begriffe „Frau“ und „weiblich“ ein wichtiger Teil der Patriarchatskritik aufgegeben werden könnte.[8]

Bis Ende der 1970er Jahre gab es die verbreitete Ansicht, Frauen seien von Natur aus für Kinder, Pflege und Hausarbeit bestimmt.  Deshalb vermuteten Gleichstellungsfeministinnen gleich einen sogenannten „Biologismus“, wenn sich die Diskussion um Unterschiede zwischen Männern und Frauen drehte. Unter Biologismus versteht man eine Ideologie, nach der alles Gesellschaftliche auf angeborene Fähigkeiten zurückgeführt wird. Gewisse biologistische Ansichten sind seit der Zunahme ideologiekritischer WissenschaftlerInnen stark zurückgegangen. So behauptet heute kaum mehr jemand, dass Frauen von Natur aus geeigneter seien, die (unbezahlte) Haus- und Familienarbeit zu erledigen.

Die internationale Frauenbewegung

An der ersten UN-Weltfrauenkonferenz 1975 in Mexiko-Stadt wurde deutlich, wie verschieden die Lebensverhältnisse der Frauen auf den verschiedenen Kontinenten aussahen, und wie leicht Regierungsmitglieder die Schlussdeklaration beeinflussen konnten (so wurde z.B. auf Antrag einiger Staaten Zionismus mit Rassismus gleichgesetzt, der Begriff Sexismus kam jedoch nicht vor). Für die internationale Frauenbewegung war es eine grosse Belastung, dass Regierungsvertreter den Diskurs mitbestimmten (um ganz andere als Fraueninteressen zu verfolgen), und dass es noch keine demokratisch organisierte Kommunikation zwischen Frauen aus unterschiedlichen Kontinenten gab. Dies änderte sich erst ab den 1980er Jahren.

Frauenanliegen, Systemkritik und Ökologie

Zu den folgenden UNO-Frauenkonferenzen und weiteren internationalen Zusammenkünften wurden auch Nichtregierungsorganisationen eingeladen, was den Einfluss von Regierungen zurückband und die basisdemokratische Meinungsbildung förderte. Die wahrscheinlich grössten Erfolge für die Sache der Frauen wurden am Umweltgipfel in Rio de Janeiro 1992 sowie an der 4. UN-Weltfrauenkonferenz in Peking 1995 erzielt. Für diese Konferenzen engagierten sich neben nationalen Behörden auch zahlreiche NGOs.

Tausende von Frauen erarbeiteten in Tausenden von Arbeitsstunden Forderungen, die die Welt verändern sollten: politische und rechtliche Gleichstellung der Geschlechter, gleiche Bildungschancen für Frauen, Anerkennung des Rechts auf einen Schwangerschaftsabbruch, Zugang zu Verhütungsmitteln, Formulierung von Kriterien für eine gerechtere Wirtschaftspolitik und eine nachhaltigere Entwicklung.

Auch die Friedens- und Ökologiebewegungen vieler Länder bezogen Geschlechterfragen mit ein. Man versuchte die Zusammenhänge zwischen der aktuellen Weltwirtschaftsordnung und den Kriegen in der Welt zu verstehen. Ebenso wurde nach Gründen gesucht, weshalb die Industrieländer ihre natürlichen Ressourcen derart übernutzten. In diesen bewegten Jahren wurde viel soziologische und ethnologische Forschung betrieben und die Hinweise verdichteten sich, dass patriarchal definierte Geschlechterrollen, Gewalt und Ausbeutung eng zusammenhingen.[9]

Neben Friedensfrauen, kulturkritischen Forscherinnen und Ökofeministinnen gab es auch die Gleichstellungsfeministinnen, welche hofften, dass eine angemessene Frauenvertretung in allen politischen Gremien und Machtpositionen die entscheidende gesellschaftliche Wende bringen werde. Als Teil der technikkritischen Bewegung in der Schweiz konnte ich an der internationalen Frauenkonferenz gegen Gen- und Reproduktionstechnologien teilnehmen, die im Oktober 1991 in Rio de Janeiro stattfand. So erlebte ich hautnah, wie wertvoll der Austausch unter Frauen war. Wir hatten zum Teil sehr unterschiedliche Erfahrungen und mussten zuerst das Gemeinsame sehen lernen: Wir alle wurden qua Geschlecht – weil wir Frauen sind – unterdrückt oder nicht ernstgenommen. Wir diskutierten in Rio, weshalb wir die aufkommende Reproduktionsmedizin als frauenfeindlich einstuften und weshalb wir die Befürchtung hegten, dass die pränatale Diagnostik negative Folgen haben werde. (Wie wir heute wissen, haben diese Methoden wesentlich dazu beigetragen, dass in gewissen Regionen Asiens auf 100 Männer bloss noch 80 Frauen kommen.)

Wir fragten auch stets nach der Motivation der Forscher, die so unnötige Dinge wie eine künstliche Gebärmutter kreieren wollten: Es musste sich nach unserer Auffassung um den Wunsch, Frauen zu übertreffen bzw. um Gebärneid[10] handeln. Länder wie Brasilien hatten damals eine hohe Rate von unfreiwillig sterilisierten Frauen zu beklagen (in erster Linie unter schwarzen Arbeiterinnen), andererseits sollte eine reiche Schicht Zugang zu künstlicher Befruchtung und Embryotransfer erhalten. An solchen Beispielen zeigten sich die zwei Seiten der Bevölkerungspolitik, wie sie anstelle einer gerechten Wirtschaftspolitik seit Jahrzehnten betrieben wurde: Statt etwas gegen Armut zu unternehmen, sollten die Armen dezimiert werden; die Reichen sollten dagegen mehr und nur „gesunde“ Kinder auf die Welt zu bringen.

Dass wir immer wieder auf die patriarchalisch definierten Geschlechterrollen zu sprechen kamen, war auf diesen Konferenzen sehr hilfreich, denn so konnten wir die aktuellen Phänomene als veränderlich begreifen: Männer waren nicht von Natur aus gewalttätig oder ungerecht – es waren die kulturellen Vorurteile und die Machtverhältnisse, die sie dazu machten. Konsequenterweise nahmen Feministinnen vieler Länder dann auch die Fragen der Geschlechterklischees in ihre Analysen auf. Die Idee jedoch, dass das biologische Geschlecht kulturell bedingt sein sollte, spielte damals in keiner Frauenbewegung der Welt eine Rolle, denn die Aktivistinnen waren mit praktisch arbeitenden Frauen verbunden und kannten deren Nöte. Und diese Nöte hatten damals und haben heute sehr viel mit dem Frauenkörper zu tun.

Nachhaltigkeit

In die Diskussion um Nachhaltigkeit konnten wir Anfang der 1990er Jahre endlich die Ergebnisse unabhängiger Wirtschafts- und Sozialforschung einbringen: Es sind in praktisch allen Ländern des globalen Südens die Frauen, die die Ernährung sicherstellen, Frauen leisten mehr Arbeit als Männer und Frauen übernehmen deutlich mehr Verantwortung für Gesundheit und Familienplanung. Aber die arbeitenden Frauen wurden und werden bis heute bei wirtschaftspolitischen Entscheiden nie gefragt!

Am Umweltgipfel in Rio wurden diese Erkenntnisse erstmals international anerkannt: Sie flossen in die Definition nachhaltiger Entwicklung ein. Eine nachhaltige Entwicklung sollte gleichzeitig die ökologischen Grenzen des Planeten, die wirtschaftliche Machbarkeit und die soziale Gerechtigkeit berücksichtigen. Zur sozialen Dimension gehören auch die Geschlechtergerechtigkeit und die Respektierung der Menschenrechte. Endlich anerkannte man die reproduktiven Rechte der Frauen und ging auf Distanz zur bisher üblichen „Bevölkerungskontrolle“. Diese wurde von uns Aktivistinnen als frauenfeindlich und rassistisch entlarvt; zudem zeigten wir, dass sie völlig nutzlos war.[11]

Die postmoderne Wende

Judith Butler[12] schlug 1990 vor, den Diskurs über Geschlechter ins Zentrum der feministischen Analysen zu stellen, wobei sie sich an poststrukturalistischen und postmodernen Theoretikern orientierte. Die VerfechterInnen der sogenannten Gendertheorie und später der Queertheorie, die sich u.a. auf Judith Butler berufen, fassten in der Folge nicht bloss das soziale, sondern auch das biologische Geschlecht als eine Art kulturelles Konstrukt auf.

Zwar akzeptierten die wichtigsten Vertreterinnen der feministischen Theorie und Praxis den Ansatz Butlers ausdrücklich nicht,[13] dennoch setzte sich diese Art des Denkens durch: An Universitäten, in Menschenrechtsdiskursen, bei vielen Aktivistinnen und Aktivisten. Weshalb wohl?

Die postmodernen Ansätze wurden in einer Zeit formuliert, in der der Kapitalismus in seine heutige, in die sogenannt neoliberale und globalisierte Form, überführt wurde. Diese ideologische Veränderung innerhalb des bestehenden Wirtschaftssystems hatte auch auf das gesellschaftliche Leben grossen Einfluss. Alles wurde privatisiert und liberalisiert, das Individuum überhöht, jeder Gedanke ans Gemeinwohl als altmodisch und ineffizient abgetan.

Die Frauenbewegung erzielte gleichzeitig kleine Erfolge: Viele Menschen versuchten, Frauen nicht mehr abzuwerten. Auch versuchten viele Paare ganz ernsthaft, ihre Liebesbeziehungen partnerschaftlich zu gestalten. Es gab auch mehr Frauen in hohen politischen Ämtern. Verbände halfen, Lohnklagen durchzuziehen, um die schlechtere Bezahlung von Frauen zu bekämpfen.

Dass an den Universitäten, wo ja Frauen als Dozierende stark in der Minderheit waren, dann ausgerechnet die Verfechterinnen von Judith Butlers Ansatz als Professorinnen gewählt wurden, ist auf den ersten Blick nicht nachvollziehbar. Macht man sich damit vertraut, welchen Teilen der Gesellschaft die Gendertheorie nützt, kommt man schon eher darauf, was da eigentlich passiert ist. Bevor ich diese politischen Zusammenhänge weiterverfolge, möchte ich nun einige biologische Grundlagen ausführlich darstellen.

Das biologische Geschlecht ist ein Ergebnis der Evolution

Das biologische Geschlecht ist aus wissenschaftlicher Sicht eindeutig keine „kulturelle Konstruktion“; es ist ein Ergebnis der Evolution, vgl. Kasten 1 (S. 37). Im Lauf der Evolution passte sich jede Lebensform, ob einzellig oder vielzellig, ob zwittrig oder in zwei Geschlechtern existierend, ihrer Umgebung an. Bei sehr vielen Lebewesen, darunter bei den meisten Wirbeltieren, ist das Vorkommen von Weibchen und Männchen die Regel. Daraus meinten gewisse BeobachterInnen ableiten zu können, dass es allgemeingültige „weibliche“ und „männliche“ Prinzipien gebe. Alle Fortpflanzungsformen sowie Verhaltensweisen im Zusammenhang mit der Fortpflanzung lassen sich jedoch nur im Zusammenhang mit dem Lebensraum und der Evolutionsgeschichte eines Lebewesens richtig einordnen. Insofern gibt es weder ein universell weibliches noch ein universell männliches Verhalten, das über alle Tiere hinweg als Prinzip gelten würde. Feministische Wissenschaftlerinnen haben sehr früh auf diese Vorurteile innerhalb der zoologischen Forschung hingewiesen. Auch die Philosophie, die Psychologie und die Soziologie wurden einer entsprechenden Kritik unterzogen.

Interessanterweise gab es bereits im 19. Jahrhundert Forscher, die in ihren Untersuchungen die ideologische Brille des Patriarchats ablegen konnten, so auch der Begründer der Evolutionstheorie, Charles Darwin. Gegen den damaligen Zeitgeist postulierte er, dass weibliche Tiere ihre Geschlechtspartner wählen und so aktiv an der sogenannt sexuellen Selektion teilnehmen. In den Kästen 2 und 3 gebe ich eine Übersicht über die evolutionären Selektionsmechanismen (S. 37-39).

Die sogenannten „Geschlechterrollen“ aus der Sicht der Biologie

Im Zusammenhang mit der Bedeutung der Biologie für den Menschen gibt es – wie nicht anders zu erwarten ist – auch wissenschaftlich überholte oder durch bestimmte Ideologien verzerrte Darstellungen. So schrieb der einflussreiche Verhaltensforscher I. Eibl-Eibesfeldt, dass Menschen von Natur aus in Kleinfamilien lebten und die Geschlechterrollen stammesgeschichtlich fixiert seien.[14] Zu einer allfälligen biologischen Dimension von menschlichen Geschlechterrollen nehme ich später noch Stellung, vgl. auch Kästen 4, 5 und 6 (S. 40-43). Auch Feministinnen behaupteten zum Teil Falsches: Zum Beispiel, das weibliche Prinzip sei das stärkere, weil das X-Chromosom viel grösser sei als das Y-Chromosom – und dies gelte für alle Organismen[15]. Die Autorin dieser Schrift hatte einfach falsch recherchiert: Bei Fischen, Reptilien und Vögeln gibt es z.B. kein Y-Chromosom und die biologischen Geschlechter kommen bei diesen Tiergruppen nicht durch die Kombination von XX bzw. XY zustande.

Verhaltensökologie

Was kann man nun von der Verhaltensökologie her (dem modernsten Teil der Evolutionsbiologie) zum biologischen Geschlecht und zu den biologischen Geschlechterrollen sagen?

Jede Tierart kennt ein arttypisches Fortpflanzungssystem (mit dem dazugehörigen Paarungssystem und Brutpflegeverhalten). Je nach Umwelt und je nach evolutionärer Vorgeschichte einer Art kann es dann zu Unterschieden in Aussehen und Verhalten, dem sogenannten Geschlechtsdimorphismus kommen. Im Kasten 4 (S. 40) werden Beispiele für biologisch bedingte Geschlechterrollen im Tierreich vorgestellt. Bei Wirbeltieren, insbesondere bei Vögeln und Säugetieren, sind sehr viele Arten gut erforscht. Weil Menschen Säugetiere sind, werde ich besonders auf diese Tiergruppe zu sprechen kommen. Grundsätzlich geht man in der Biologie davon aus, dass jedes Geschlecht sein Verhalten im Verlauf der Evolution hinsichtlich Fortpflanzungserfolg optimiert hat. Fortpflanzungserfolg stellt sich dann ein, wenn eigene Gene an die nächste Generation weitergegeben werden können. Für Männchen ist die physische Investition für die Herstellung von Spermien relativ gering, da Spermien sehr kleine Zellen sind. Für Weibchen bedeutet dagegen jede Eizelle eine vergleichsweise hohe energetische Investition. Deshalb erwartet man, dass sich weibliche Tiere nur dann paaren, wenn ihre Chancen auf überlebensfähige Junge intakt sind. Bei Männchen erwartet man, dass sie weniger wählerisch sind, denn sie haben energiemässig weniger zu verlieren. Je nach Tierart ist dieser Unterschied zwischen den Geschlechtern grösser oder kleiner. Für die Etablierung eines Paarungs- und Fortpflanzungssystems ist letztlich die Ökonische, in der eine Art in den letzten Jahrzehnten oder Jahrhunderten lebte, entscheidend. Die in der Ökonische vorhandenen Selektionsfaktoren (Nahrungsverfügbarkeit, Feinddruck, Klima etc.) entscheiden im Lauf der Evolution darüber, welches Geschlecht welche Rolle einnimmt. Die biologischen Geschlechterrollen sind in dem Sinne Anpassungen an eine bestimmte Umwelt. Dabei spielen die anatomischen und physiologischen Grundvoraussetzungen einer Tiergruppe ebenfalls eine Rolle: Vögel legen Eier, höhere Säugetiere besitzen eine Gebärmutter und ernähren ihre Jungen mit Muttermilch. Weil bei Säugetieren anatomisch und physiologisch Grenzen des väterlichen Beitrags in die Jungenaufzucht existieren (für ein weibliches Säugetier ist die Investition immer deutlich höher), gibt es keine Säugetierart, bei der die Geschlechter exakt gleich aussehen und sich exakt gleich verhalten. Bei Vögeln ist dies in Bezug auf äussere Merkmale und das Engagement im Brutverhalten möglich, da sich der unüberwindliche Geschlechterunterschied nur auf die Produktion der Eier bezieht.

Die Erforschung der Geschlechterrollen im Tierreich war keineswegs einfach und vorurteilsfrei. Männliche Biologen gingen bis in die 1980er Jahre davon aus, dass weibliches Verhalten stets durch Unterordnung unter das Männchen gekennzeichnet sei. Auch nahmen sie an, dass männliche Tiere immer die grösseren und kräftigeren seien, und demzufolge jedes Sozialsystem dominierten. Dies ist, wie die empirische Forschung zeigt, klar nicht der Fall.

Ab den 1980er Jahren verstärkte sich die Aktivität der ForscherInnen: Man strebte nach einer Überwindung der Geschlechterideologie in allen Teilen der biologischen Forschung.

Primatenforschung

„Gender“ kann ausschliesslich als kulturelle Zuschreibung von Eigenschaften verstanden werden oder aber als etwas, dem sowohl eine biologische Grundlage als auch eine kulturelle Zuschreibung zugrunde liegt. Wer sich nicht von vornherein der Erforschung möglicher biologischer Grundlagen verschliesst, wendet sich mit Vorteil der Primatenforschung zu: Will man eine mögliche biologische Grundlage von Geschlechterrollen beim Menschen finden, muss man sich unbedingt mit den Bonobos und den Gewöhnlichen Schimpansen und deren Anatomie und Verhalten beschäftigen, denn sie sind unsere nächsten Verwandten. Hierzu siehe auch Kästen 5 und 6 (S. 41-43).

Durch ForscherInnen wie Jane Goodall, Nancy Tanner, Frans de Waal und vielen andern konnten grosse Fortschritte in der Primatologie verzeichnet werden. Wenn wir die menschliche Sexualität und allfällige biologische Grundlagen menschlicher Geschlechterrollen evolutionär besser verstehen wollen, müssen jedoch noch viele Anstrengungen unternommen werden. So fehlen etwa Daten zur gegenseitigen Partnerwahl, zur Entwicklung des Immunsystems aufgrund der Neukombination von Erbgut, zu den Funktionen sexueller Aktivität, zur Orgasmusfähigkeit der beiden Geschlechter, zur Bedeutung der Menopause bei der Frau und zur Evolution der sekundären Geschlechtsmerkmale.

Die biologischen Grundlagen des sozialen Geschlechts beim Menschen

Nach naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zeichnet sich ab, dass das soziale Geschlecht (gender) beim Menschen durchaus eine biologische Grundlage hat. So sind die Verhaltensweisen des Gebärens und Stillens nur bei der Frau vorhanden, da nur sie über eine Gebärmutter und über funktionierende Milchdrüsen verfügt. Ein ganz kleiner Unterschied im Bau des Gehirns ist dafür verantwortlich, dass aggressives Verhalten beim Mann leichter mit sexuellen Verhaltensweisen gekoppelt werden kann[16]. Vermutlich spielt bei der Frau der Geruchssinn bei der Partnerwahl eine grössere Rolle als beim Mann. Möglicherweise sind Jungen durchschnittlich motivierter, sich Bewegungsspielen zuzuwenden als Mädchen. Mädchen wiederum scheinen motivierter zu sein, miteinander zu sprechen und Rollenspiele zu spielen[17]. Alles andere, z.B. Fürsorglichkeit, Aggressivität, Kreativität, Abstraktionsvermögen, soziale Kompetenz, Feinfühligkeit usw. sind individuelle menschliche Eigenschaften, die bei beiden Geschlechtern in gleichem Masse ausgebildet sein können. Dass Frauen angeborenerweise fürsorglicher seien, weil sie einen Mutterinstinkt haben, ist widerlegt. Mütterliches Verhalten sowie Fürsorge ist bei Menschenaffen und Menschen erlernt. Die Fähigkeit, empathisch zu sein und fürsorgliches Verhalten lernen zu können, gehört zum genetisch fixierten Erbe des Homo sapiens und kann von beiden Geschlechtern erwartet werden.

Der Mythos vom „Jäger“

Man weiss, dass bei vielen Menschengruppen, auch bei den ausgestorbenen Neandertalern, Männer und Frauen zur Jagd gingen. Die populäre Setzung „Mann = Jäger“, „Frau = Näherin und Köchin“ ist also ein Mythos. Jedenfalls können keine typisch männlichen psychischen Eigenschaften ererbt von einem „Urjäger“ abgeleitet werden, sowenig wie es eine „Urfrau“ gab, die vom Kochen her – oder noch schlimmer – vom Beschütztwerdenwollen her eine „weibliche Psyche“ ausgebildet haben muss.

Die Frage, wie weit Männer von ihrer Natur her geeignet sind, Kleinkinder zu betreuen, ist zentral. Geht es doch darum, wie weit Männer geeignet sind, einen angemessenen Beitrag in der Erziehung zu leisten. Nach bisherigen Erkenntnissen werden Männer, die ein Neugeborenes während der Geburt erleben oder gleich nach der Geburt sehen und später sein erstes Lächeln erleben, in ähnlicher Weise auf das Kind geprägt wie Frauen. Es scheint durch die Kommunikation mit dem Neugeborenen eine Freisetzung von Hormonen zu geben, die die Motivation, das Kind zu schützen und zu füttern, enorm verstärkt. Zusätzlich kann jedes männliche und weibliche Wesen ganz praktisch die Betreuung und Pflege eines Kleinkindes lernen, insbesondere, wenn gute Vorbilder vorhanden sind. Interessanterweise übernehmen in der freien Wildbahn zuweilen auch männliche Schimpansen Betreuungsaufgaben, zum Beispiel, wenn ein Geschwister seine Mutter verliert. Dies klappt jedoch nur, wenn das verwaiste Schimpansenkind bereits entwöhnt ist.

Körper und Seele gehören zusammen

Nicht nur in der Verhaltensforschung, auch in der Neurobiologie und der Hormonforschung hat es grosse Erkenntnisgewinne gegeben: Man kann heute zeigen, dass Lernvorgänge und Reaktionen auf Hormone beim Menschen nach den gleichen Regeln ablaufen wie bei anderen Säugetieren. Emotionen und Gefühle haben für Menschen eine überragende Bedeutung, und: in dieser Hinsicht gibt es nur graduelle Unterschiede zwischen Menschenaffen und Menschen. In der Neurobiologie hat man nicht nur die Gefühle und Motivationen für das menschliche Denken neu bewertet, man hat auch den Dualismus überwunden: Die Ausbildung der Psyche ist eng verbunden mit körperlichen Vorgängen. Man konnte Umwelteinflüsse, z.B. Gewalterfahrungen, bis auf die Ebene des Zellkerns nachweisen. So betrachtet gibt es keine vom Körper unabhängige Seele.[18]

Die Festlegung des biologischen Geschlechts beim Menschen

Die Festlegung des biologischen Geschlechts kann unterschiedlich organisiert sein: So entwickelt sich ein Vogel mit zwei verschiedenen Geschlechtschromosomen (XZ) zu einem Weibchen, einer mit zwei gleichen Geschlechtschromosomen (XX) zu einem Männchen. Bei Säugetieren ist das biologische Geschlecht genetisch, chromosomal und hormonell festgelegt. Trägt ein Individuum Zellen mit einem X und einem Y-Chromosom, dann entwickelt es Hoden und wird zum Männchen, trägt es Zellen mit XX, wird es zum Weibchen, bildet Eierstöcke aus und kann in seiner Gebärmutter Jungtiere austragen. Auf dem viel kleineren Y-Chromosom, das sich im Lauf der Evolution aus einem X-förmigen Chromosom entwickelt hat, befinden sich einige Gene, die ausschliesslich für den Aufbau eines männlichen Körpers und für die Produktion des männlichen Geschlechtshormons Testosteron zuständig sind. Auf dem X-Chromosom dagegen befinden sich – ausser den Erbinformationen für die Ausbildung des weiblichen Körpers und der weiblichen Geschlechtshormone – auch noch viele andere, nicht geschlechtsspezifische Gene. Wie bei allen Genen spielt auch bei geschlechtsspezifischen Genen die Genregulation eine grosse Rolle. Eine Mutation auf einem Regulatorgen kann grosse Auswirkungen haben; ebenso ein mit der Nahrung aufgenommener Stoff, der mit den Faktoren, die Gene regulieren, interagiert.

Die Steuerung der Entwicklung und somit auch der Ausbildung des biologischen Geschlechts ist bei vielen Tieren und auch beim Menschen sehr komplex: Hormone des Muttertieres, Stoffwechselprodukte und andere Umgebungsfaktoren beeinflussen schon die Entwicklung des Embryos. Später kann es ebenfalls noch sensible Phasen geben, in denen Umgebungsfaktoren wirken können.

Bei aller Komplexität: Bisher wurde noch nie beobachtet, dass die Art, wie ein junger Mensch erzogen wird, das biologische Geschlecht verändert.[19] Empirisch ist also widerlegt, dass kulturelle Zuschreibungen einen direkten Effekt auf das biologische Geschlecht haben.

Geschlechtervarianten beim Menschen (DSD)

Das biologische Geschlecht beim Menschen wird letztlich morphologisch und anatomisch definiert, auch wenn die körperlichen Merkmale natürlich von genetischen und chromosomalen Voraussetzungen abhängen. Menschen, deren Körper bei der Geburt oder später Abweichungen aufweist, werden als Intergeschlechtliche bezeichnet oder als Personen mit Störungen in ihrer Geschlechtsentwicklung (Disorders of sex development DSD). Diese Störungen können durch viele verschiedene Faktoren bedingt sein: Durch genetische, zellbiologische, chromosomale und /oder hormonelle Ursachen. Viele Personen mit DSD sind unfruchtbar. Die Forschung zu dieser Frage hat viel Erstaunliches zu Tage gefördert: Es scheint z.B. relativ viele Frauen zu geben, die neben den für sie typischen XX-Zellen auch einzelne XY-Zellen besitzen und dasselbe bei Männern (neben XY-Zellen kommen auch XX-Zellen vor).[20] Je nachdem, in welchen Geweben die Zellen des anderen Geschlechts vorkommen und je nachdem, welche Gene abgelesen werden, kann dies einen spürbaren Einfluss auf das betroffene Individuum haben oder aber völlig unbemerkt bleiben.

Auch wenn wir heute sehr viel mehr Betroffene kennen, bleibt doch festzuhalten, dass die Zahl der Menschen mit DSD im Verhältnis sehr klein ist.[21]

Im Zusammenhang mit der Zunahme der Unfruchtbarkeit in vielen Ländern kam die Vermutung auf, dass die Zunahme von Geschlechtervarianten durch Umweltgifte verursacht sein könnte[22]. Diese Hypothese wurde jedoch bisher nicht breiter untersucht; vermutlich aus denselben Gründen wie bei der Erforschung von Unfruchtbarkeit: Weil der Rückgang der Zahl beweglicher Spermien im Ejakulat von Männern mit deren Pestizid-Exposition korreliert ist, hatte plötzlich kein Staat mit einer Chemieindustrie mehr Interesse daran, der Sache nachzugehen. War doch schon nur das Verbot von eindeutig gesundheitsschädlichen Pestiziden ein politischer Kraftakt, der bisher nur in westlichen Ländern durchgesetzt und auch nur dank Nicht-Regierungsorganisationen überhaupt versucht worden ist.[23]

Generell stellt man fest, dass es bisher wenig verlässliches Zahlenmaterial zu Geschlechtervarianten gibt, denn die meisten Staaten führen keine Register und unabhängige Erhebungen fehlen ebenfalls.

Geschlechtsinkongruenz/Geschlechtsdysphorie

Neben Personen, die eine angeborene Geschlechtsentwicklungsstörung aufweisen, gibt es auch Menschen, die einen normal ausgebildeten männlichen oder weiblichen Körper haben und angeben, sich mit ihrem Körper und /oder dem eigenen biologischen Geschlecht nicht identifizieren zu können. Bei diesem Phänomen, das in den letzten 20 Jahren stark zugenommen hat, spricht man von Geschlechtsinkongruenz und, falls ein Leiden damit verbunden ist, von Geschlechtsdysphorie. Die Queertheorie geht davon aus, dass nicht nur das soziale, sondern auch das biologische Geschlecht von kulturellen Zuschreibungen abhängig sei. In Ratgebern von Transgender-Netzwerken steht, es sei ein Menschenrecht, sein Geschlecht selber zu definieren. Es zähle einzig und allein die gefühlte „Geschlechtsidentität“. Diese beiden Setzungen, nämlich „Kulturelle Zuschreibungen beeinflussen das biologische Geschlecht“ (1) und es sei „ein Menschenrecht, sich selber zu definieren, denn man könne ja nichts für seine Natur“ (2) sind theoretisch nicht miteinander vereinbar – der Widerspruch wird aber offenbar von gewissen VertreterInnen der Psychologie und Philosophie nicht bemerkt!

«Geschlechtsidentität» («gender identity»)

Dieser Begriff wird in den letzten Jahren oft verwendet, gerade auch unter SozialwissenschaftlerInnen. Darunter wird die Identifizierung mit seinem eigenen biologischen Geschlecht verstanden.

Über mögliche Ursachen von „Transidentität“ bzw. Nicht-Übereinstimmung des biologischen mit dem für sich selbst als richtig empfundenen Geschlecht weiss man wenig, aber immerhin so viel ist bekannt: Die Grundlagen zur Ausbildung der Geschlechtsidentität werden beim menschlichen Fötus gelegt. Geschlechtshormone steuern die Entwicklung der Geschlechtsorgane im Fötus und gleichzeitig beeinflussen sie die Entwicklung bestimmter Hirnregionen geschlechtsspezifisch. Normalerweise zeitlich miteinander gekoppelte Prozesse können, so postulieren NeurobiologInnen, in seltenen Fällen entkoppelt werden[24]. Wenn diese Hypothese zutrifft, hätte man eine Erklärung dafür, dass es Menschen gibt, die sich bereits im Alter von 3 Jahren (wo kulturelle Einflüsse noch schwächer wirken als später) als „im falschen Geschlecht geboren“ empfinden. Es gibt offenbar in allen menschlichen Gesellschaften solche Fälle, ganz gleich ob patriarchal organisiert oder nicht, gleichgültig, ob es moderne oder eher traditionelle Gesellschaften sind. Diese Fälle sind jedoch ausgesprochen selten. Auch Menschen, die homosexuelle Beziehungen bevorzugen, haben in der Regel kein Problem, sich mit dem eigenen biologischen Geschlecht zu identifizieren. Während der deutsche Ausdruck Geschlechtsidentität offen zu lassen scheint, ob es um die Geschlechtsrolle oder um die Wahrnehmung der biologischen bzw. leiblichen Gegebenheiten geht, suggeriert der englische Begriff «gender identity», es gehe um die Identifikation mit der Geschlechterrolle. Nichtsdestotrotz kommt die Bestrebung, «Geschlechtsidentität» als etwas zu betrachten, das biologisch bedingt sei und operativ angepasst werden könne/müsse, von angelsächsischen Queers. Mit anderen Worten: Einige AktivistInnen benützen das Wort «gender» obwohl sie eigentlich «sex» meinen.

Weshalb nun die sehr dezidiert vorgetragene Forderung der Transgender-AktivistInnen, den freien Eintrag des Geschlechts im Personenregister zu erreichen – ausschliesslich nach der selber deklarierten «Geschlechtsidentität», ohne jede medizinische oder psychologische Beurteilung? Weshalb die vehemente Ablehnung der Angabe von objektiven Kriterien? Weshalb die sofortige Verdächtigung, jemand, der hierüber anders denkt, sei transphob? Ich denke, das hat sehr viel mit Medizingeschichte und mangelnder Akzeptanz von solchen Menschen zu tun.

Eingriffe, die die Grundrechte verletzen

Viele Menschen mit uneindeutiger Geschlechtsentwicklung haben bis vor kurzer Zeit ethisch nicht verantwortbare Eingriffe in ihre körperliche Integrität erfahren, weil es in Medizin und Psychologie die Vorstellung gab, man müsse diesen Menschen durch Operationen bereits im frühen Kindesalter helfen. Diese Vorstellung ging davon aus, dass Menschen mit abweichenden körperlichen Merkmalen grundsätzlich kein glückliches Leben führen könnten. Und, wie sehr oft in patriarchalen Verhältnissen, hielt man es nicht für nötig, die Betroffenen zu fragen – ja, man informierte sie nicht einmal darüber, was für ein medizinisches Syndrom vorlag. Auch Eltern betroffener Kinder wünschten zum Teil, dass man operierte – auch bei ihnen gab es die kulturell bedingte Vorstellung, wenn jemand keine konventionelle Sexualität ausleben könne, sei dies unzumutbar. (Pikant ist, dass bei Frauen unbedingt eine Dehnung der Vagina gemacht oder eine Vaginaplastik eingesetzt werden musste – dahinter stand die patriarchalische Vorstellung, ein zukünftiger männlicher Partner müsse doch penetrieren können, sonst fehle etwas.)[25]

Zu Recht weist man vehement auf diese Menschenrechtsverletzungen hin, die im Namen der Medizin begangen wurden. Es ist auch richtig, dass man sich ausführlich damit beschäftigt, wie man die Rechte Betroffener wirksam schützen kann. An erster Stelle sollte das Akzeptieren des Faktums stehen, dass es Menschen mit einer Abweichung in der Ausbildung der Geschlechtsteile gibt. Und Operationen sollten nur dann am Kind vorgenommen werden, wenn sie medizinisch indiziert sind – zum Beispiel, um einem Infektionsrisiko vorzubeugen[26]. Operieren ist immer mit Schmerzen und Narben verbunden – so ist es zwingend, dass man das Kind offen und ehrlich über alles informiert – es reicht nicht, die Zustimmung der Eltern einzuholen. Möglicherweise lebt dann ein Kind viele Jahre, ohne dass es biologisch gesehen eindeutig weiblich oder männlich ist. Zu Recht fordern Betroffene sowie die Schweizerische Akademie der medizinischen Wissenschaften,[27] dass es möglich sein muss, in solchen Fällen den Eintrag ins Personenstandsregister erst nach 30 Tagen zu machen. Im Laufe ihres Lebens sollten betroffene Menschen meines Erachtens dann selber entscheiden dürfen, ob ihr Eintrag „Frau“, „Mann“  oder „Inter“ lautet. Es sollte für Intergeschlechtliche auch möglich sein, den Geschlechtseintrag zu ändern, nämlich dann, wenn sich erst im Lauf des Lebens herausstellt, dass man sich mit Hormonen behandeln oder operieren lassen will.

Kulturelle Erwartungen an Frauen und Männer

Die stereotypen Frauen- und Männerrollen in Europa und Nordamerika sind seit 40 Jahren erfolgreich thematisiert worden und es hat sich einiges bewegt. Insbesondere wird heute kein Mann mehr als unmännlich beschimpft, wenn er Pfleger oder Kindergärtner wird; Frauen, die nicht gerne kochen oder nicht gerne Kinder hüten, haben nicht mehr zu befürchten, dass man ihnen ihre Weiblichkeit abspricht. Die Erweiterungen der Geschlechterrollen haben viel Druck von den Menschen weggenommen. Wäre 1960 in der Schweiz eine Frau mit dem Wunsch aufgetreten, sich zum Mann umwandeln zu lassen, hätte eine mögliche Erklärung gelautet: Diese Frau will einfach die gleichen Rechte wie ein Mann, sie ist es leid, dass sie als Frau nicht abstimmen gehen darf. Glücklicherweise ist hinsichtlich rechtlicher und gesellschaftlicher Gleichstellung viel passiert und es leuchtet von den heutzutage viel lockereren Rollenvorstellungen her nicht unbedingt ein, dass sich Frauen zu Männern oder Männer zu Frauen umwandeln lassen wollen. In den letzten 30 Jahren ist auch die Toleranz gegenüber anderen Lebensformen und anderer sexueller Orientierung gewachsen.

Sexuelle Orientierung

Die Faktoren für die Ausbildung der sexuellen Orientierung sind teilweise bekannt. Vermutet wird, dass es eine sensible Phase in der Zeit vor und eine während der Pubertät gibt, in der eine Art Prägung auf ein Geschlecht stattfinden kann. Sicher ist, dass die Geschichte der emotionalen Entwicklung bzw. das Verhältnis eines jungen Menschen zu Familienmitgliedern und Bezugspersonen eine grosse Rolle spielt.

Bis etwa in die 1970er Jahre wurde Homosexualität in westlichen Ländern als Störung oder Krankheit betrachtet. Dank der amerikanischen Psychologin Evelyn Hooker, die nachwies, dass sich homo- und heterosexuelle Männer in ihrer psychischen Gesundheit nicht unterschieden[28], sowie dank der Lesben- und Schwulenorganisationen wird dies heute anders gesehen. Aber homo- und bisexuelle Menschen werden dennoch in vielen Ländern der Welt verachtet oder sogar verfolgt. Betrachtet man die Länder mit der aggressivsten Homophobie, so sind es patriarchalische und oft religiös fundamentalistische Staaten, in denen die Geschlechtergerechtigkeit in keiner Art und Weise realisiert ist. Wird das System gerechter gegenüber Frauen, steigt auch die Toleranz gegenüber Homosexuellen. Von daher ist es verständlich, dass die Gay-Organisationen auch den Kontakt mit Frauenorganisationen gesucht haben. Allerdings gibt es zwischen den Interessen von homosexuellen Männern und denjenigen von Frauen (gleich welcher sexuellen Orientierung) immer noch grosse Unterschiede. Frauen sind Männern in der unbezahlten und bezahlten Arbeit zum Beispiel noch längst nicht gleichgestellt. Homosexuelle Männer haben in modernen Gesellschaften dagegen ökonomisch und betreffend Arbeit alle Privilegien, die auch heterosexuelle Männer besitzen.

Geschlecht ist als Kategorie immer dual konzipiert

Die Geschlechterrollen sind in den verschiedenen Kulturen höchst unterschiedlich

Die Transgenderbewegung spricht von der Existenz eines dritten Geschlechts bzw. von der Existenz vieler Geschlechter. Dabei wird oft auf spezielle Geschlechterrollen und rechtliche Praktiken in anderen Kulturen verwiesen. Die Ethnologin Susanne Schröter hat sich vertieft damit befasst und ist zu folgendem Schluss gelangt: „Geschlecht ist eine merkwürdige Kategorie. Es gibt keine Kultur, die sich ihrer nicht bedient, und auch keine, die sie nicht dual konzipiert, die Kinder nicht bereits bei der Geburt entweder dem Männlichen oder dem Weiblichen zuordnen würde.“ [29]

Heide Göttner-Abendroth kommt nach ihrem Studium der nicht-patriarchalen Völker zum Schluss, dass es «Transmenschen» schon immer gab, dass dies aber kein Problem darstellen muss[30]: Ein Junge, der sich „weiblich“ fühlt, kann zur Arbeitssphäre der Frauen wechseln, das ist akzeptiert und bedeutet nicht, dass sich dieser junge Mann körperlich verstümmelt oder behauptet, auch körperlich eine Frau zu sein. Dasselbe gilt für Mädchen, die sich „männlich“ fühlen; auch sie können ohne weiteres die Sphäre wechseln. Dies ist in nicht-patriarchalen Völkern deshalb möglich, weil es prinzipiell keine Hierarchien zwischen den Geschlechtern gibt und betreffend Identität und Sexualität keine Unterdrückungsmechanismen ausgebildet wurden. Die menschlichen Gesellschaften zeigten in der Vergangenheit tatsächlich eine ungeheure Vielfalt, insbesondere auch betreffend Organisation der Frauen- und der Männerbereiche (diese Vielfalt ist erst seit der Etablierung patriarchaler Herrschaft weltweit verschwunden). Dennoch sind überall auf der Welt „Frau“ und „Mann“ kulturelle Kategorien, deren Verankerung in der Natur gesehen wird. VertreterInnen der Gendertheorie behaupten jedoch, dass schon die Vorstellung von Zweigeschlechtlichkeit unterdrückerisch sei, deshalb haben sie auch Ausdrücke wie „Zwangsheterosexualität“, „Heteronormativität“ und „binäres System“ in die Diskussion gebracht. Sie argumentieren damit, dass das Verhältnis der Geschlechter stets als ein hierarchisches konstruiert wurde; nur wenn man die „Binarität“ aufbreche, sei eine Befreiung möglich. Diese Analyse verkennt jedoch, dass es Heterosexualität längst vor der Etablierung patriarchaler Herrschaftsverhältnisse gab. Auch hat die Tatsache, dass so etwas wie eine männliche bzw. weibliche Geschlechtsidentität existiert, primär noch gar nichts mit Hierarchien zu tun (auch wenn sie sich in patriarchalen Gesellschaften oft dahin entwickelt). Meines Erachtens verkennen Judith Butler und normierungskritische Feministinnen wie Andrea Maihofer nicht nur biologische Tatsachen, sondern ignorieren auch alles, was die vergleichende Ethnologie erforscht hat. Ferner unterschätzen sie das Befreiungspotential aller Unterdrückten dieser Welt.[31]

Es ist ohne weiteres möglich, herrschende Vorstellungen von Geschlechterrollen, von Sexualität, Familie, Ehe etc. in Frage zu stellen, ohne dass dies die Annahme von mehr als zwei biologischen Geschlechtern erfordern würde. Ein Beispiel hierfür finden wir in Juchitán, Mexiko: Innerhalb dieser grossen indigenen Gemeinschaft gibt es die gesellschaftlich anerkannten Marimachas (Frauen, die als Männer leben) und die Muxe’s (Männer, die als Frauen leben). Das soziale Geschlecht wird durch die Tätigkeit bestimmt, was voraussetzt, dass die Aktionssphären bzw. Arbeitsbereiche nach den biologischen Geschlechtern getrennt sind.[32] Somit bedeutet das selbstverständliche Akzeptieren und Benennen eines „dritten“ und „vierten“ sozialen Geschlechts keineswegs das Leugnen der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit.

Schwangere Männer?

Einige AktivistInnen der Trans-Communitiy behaupten, es könnten auch Männer schwanger werden. In der Zeitschrift „Gen-ethischer Informationsdienst“[33] erzählt jemand, wie sie ihre Brüste wegoperieren und sich zum Mann umwandeln liess. Als dieser „Transmann“ mit seiner Partnerin ein Kind haben wollte, entschied er sich, eine entsprechende Hormonbehandlung machen zu lassen und das durch Spermienspende gezeugte Kind in seiner Gebärmutter (die er noch besass), auszutragen. Während der Schwangerschaft wurde der „Transmann“ stets als Frau angesprochen, was diesen sehr störte. Die Tatsache, dass – aus rechtlichen Gründen – im Geburtsschein des Kindes sein früherer weiblicher Name zu stehen kam und er als „Mutter“ bezeichnet wurde, bereitete ihm grosse seelische Schmerzen, wie er im Interview berichtet. Spätestens bei diesem Beispiel wird klar, dass die sogenannt freie Wahl nicht nur des sozialen, sondern auch des biologischen Geschlechts neue Probleme erzeugt. Probleme, die es meines Wissens in matriarchalen Völkern, die „genderfluide“ und „Transmenschen“ sozial völlig akzeptieren, nicht gibt. Grund dafür ist wohl, dass es bei den genannten Völkern kein Problem ist, Mutter genannt zu werden. Denn Mutter ist dort nie und in keinem Zusammenhang eine falsche oder abwertende Bezeichnung, dies im grossen Gegensatz zu patriarchalen Verhältnissen.

Sehr wichtig scheint mir auch, dass wir die Entwicklung in reichen Ländern kritisch sehen: Hier wird ein Kind zum Projekt, dass jede/r mit allen medizinisch-technischen Mitteln realisieren kann. Ist das wirklich ein Weg hin zur Befreiung der Menschen? Ist das ein gangbarer Weg in Richtung Nachhaltigkeit? Wäre es nicht viel hilfreicher, sich von nicht-patriarchalen Völkern inspirieren zu lassen, die gangbare Wege gefunden haben, „Transmenschen“ gesellschaftlich anzuerkennen, ohne diese Lebensweise zu „biologisieren“?

Ich möchte ferner daran erinnern, dass es beim Thema Kinder nicht nur ums individuelle Befinden der Eltern geht, sondern auch darum, dass nach heutiger Auffassung jedes Kind das Recht hat zu erfahren, wer seine biologischen Eltern sind. Der Gesetzgeber muss sicherstellen, dass jedes Kind seine biologische Mutter und seinen biologischen Vater finden kann. Dies ist juristisch eigentlich klar, wird jedoch im Zusammenhang mit Adoptionen und Kinderhandel sehr oft nicht (mehr) respektiert. Und leider kann man auch in Ländern, in denen die sogenannte Leihmutterschaft verboten ist, nicht mehr verhindern, dass sich Paare ein Kind kaufen, das von einer Leihmutter ausgetragen wurde.

Die Postmoderne und ihr Verhältnis zur Wissenschaft

Bei der Lektüre verschiedener Vorschläge zur Aufhebung der Diskriminierung von „Transpersonen“ und „Nicht-Binären“ ist mir aufgefallen, dass auch amtliche Stellen und Universitäten Dinge publizieren, die wissenschaftlich nicht haltbar sind: Auf dem Genderportal[34] der Universität Duisburg wird eine Einführung in die Gender Studies gegeben. Dabei werden Begriffe, wie sie in sozialen Bewegungen definiert wurden, als aktueller Stand der Wissenschaft ausgegeben. Folgende Aussage zum Beispiel ist schlicht falsch: «Auch „sex“ lässt sich daher nicht einfach als etwas von der Biologie „gegebenes“ betrachten, sondern muss als Kategorie verstanden werden, die mit vergeschlechtlichten Bedeutungen versehen wird».

In der Stellungnahme der schweizerischen NEK (Nationale Ethikkommission im Bereich Humanmedizin) zur Frage des Geschlechtseintrags im Personenregister las ich die folgenden Sätze: «Die Vorstellung eines fundamentalen Unterschieds zwischen Frauen und Männern hat sich im europäischen Raum erst im 18. Jahrhundert entwickelt. Bis dahin galten Frauen und Männer als ein und dasselbe Menschengeschlecht, wobei der Mann als «vollkommener» verstanden wurde als die Frau.» Die Mitglieder der NEK haben hier eine wissenschaftlich höchst umstrittene Arbeit von Thomas Laqueur[35] zitiert, ohne dies sichtbar zu machen. Dies – und auch die Tatsache, dass der Genderansatz unhinterfragt übernommen wird – hinterlässt einen sehr schlechten Eindruck. Wenn es ums Geschlecht geht, wäre es auch für eine NEK unerlässlich, die dazu vorliegende Forschung zu rezipieren! Vielleicht wollten die AutorInnen obiger Sätze darauf hinweisen, dass es auch viele Mythen rund um Weiblichkeit oder Männlichkeit gibt. Das ist sicher richtig, aber soziales und biologisches Geschlecht gleichzusetzen ist weder zulässig noch wissenschaftlich anerkannt.

Unklare Begrifflichkeit

Ich bin schon Leuten begegnet, die das Wort „sex“ für das biologische Geschlecht nicht mehr brauchen, weil sie der Ansicht sind, alles sei sozial geformt, also sei der korrekte Ausdruck „gender“. Schon allein daran wird klar, dass an der ganzen Diskussion einiges schiefläuft. Wenn man sex und gender nicht mehr auseinanderhält, wird gender zum Begriff, der letztlich beliebig verwendet wird.

Auch Queer-AktivistInnen müssen sich diesem Einwand stellen, hierzu ein Beispiel: In einem Interview sagt Lovis Hoppmann «Das Wort queer beschreibt alles, was nicht hetero- und cisnormativ ist. Gleichzeitig entzieht es sich genauen Beschreibungen. Das ist das Schöne daran.» [36]

Die Beliebigkeit von Definitionen bzw. deren Auslegung nach Gutdünken oder subjektiver Befindlichkeit ist das Gegenteil dessen, was in einer aufgeklärten Gesellschaft angestrebt werden sollte. Mit Definitionen soll ja ermöglicht werden, dass ein Gegenüber nachvollziehen kann, was gemeint ist. Auch soll man dazu Stellung beziehen können, was wiederum intersubjektiv nachvollziehbar sein muss. Definitionen dienen in der Wissenschaft und in der Rechtsprechung stets der möglichst genauen Abbildung von objektiven Tatsachen oder intersubjektiv Nachvollziehbarem. Wer im Namen der Philosophie oder Wissenschaft Begriffe willkürlich verwendet, verunmöglicht eine sachliche Auseinandersetzung mit dem adressierten Gegenstand.[37]

Ich vermute, dass postmoderne Strömungen mitverantwortlich sind dafür, dass jede/r nach Gutdünken Definitionen schafft. Ein solcher Umgang mit Wissenschaft kann fatale Folgen haben: für die Wissenschaft selbst und für die die ganze Gesellschaft.

Willkür, Identitätspolitik und zerstörte Öffentlichkeit

Bernd Stegemann erklärt, wie der aktuelle Identitätsdiskurs den öffentlichen Raum und damit die demokratische Auseinandersetzung kaputtmacht[38]. Das Grundproblem ist der Ansatz, dass jemand seine Zugehörigkeit nach dem eigenen Empfinden definieren kann. Dieser Ansatz verhindert inhaltliche Streitgespräche; die Auseinandersetzungen führen nur noch zu bedingungsloser Anpassung ohne inhaltliche Überprüfung oder zu Cancel Culture. Dies liegt daran, dass die Denkfigur der Postmoderne keinen produktiven Streit zulässt. Ein Beispiel: Ein Mann teilt seiner Partei mit, er fühle sich als Frau und möchte gerne auf die Frauenliste kommen. Die Mitglieder dieser Partei können nun argumentieren, sie möchten diesen Mann bzw. diese Transfrau kennenlernen und eine Kandidatur prüfen. Sollte die Partei diesen Mann auf der Frauenliste nicht akzeptieren, erfolgt ein Blossstellen dieser Partei als transfeindlich. Sollte die Partei sagen, klar, wir nehmen dich auf die Frauenliste, dann entsteht die paradoxe Situation, dass Wählerinnen und Wähler getäuscht werden. Der Partei kann dann sowohl von WählerInnen als auch von Frauen auf der Frauenliste ein happiger Vorwurf gemacht werden. Was die Partei auch unternimmt, es ist immer falsch. Die Möglichkeit, das eigene Geschlecht selber zu definieren ohne jeglichen Bezug zu objektiv feststellbaren Gegebenheiten, muss zu nicht lösbaren Konflikten führen. In Deutschland hat ein Mann tatsächlich verlangt, auf eine Frauenliste gesetzt zu werden: Seine Motivation war, wie man in der EMMA[39] nachlesen kann, das Sichtbarmachen der problematischen Gender- und Sprachpolitik der GRÜNEN. Ein zweites Beispiel sind die Angriffe auf die Philosophieprofessorin Kathleen Stock durch Demonstrationen und Mobbing in England im Herbst 2021.[40] Bernd Stegemann erklärt in seinem Buch ebenfalls, welche Rolle der von den USA herkommende Trend des Woke-Seins spielt: Wenn eine öffentlich auftretende Person irgendein politisch nicht korrektes Wort braucht, wird sie von selbsternannten Wokes blossgestellt. Dieses an den Pranger stellen hilft kaum für einen fruchtbaren wissenschaftlichen Streit, ist jedoch mit den Mitteln der Social Media extrem effektiv geworden, wie z.B. auch Eva Menasse hervorhebt.[41]

Mögliche politische Folgen für die Sache der Frauen

Habe ich im obigen Abschnitt auf grundsätzliche Probleme im Wissenschaftsverständnis verwiesen und mit Bernd Stegemann einen Autor zitiert, der sich Sorgen macht um die Offene Gesellschaft und die Kommunikation zwischen Menschen, so möchte ich jetzt noch auf die Eingangsfrage zurückkommen: Wem nützt diese verwirrliche Debatte und was bedeutet dies alles für die Sache der Frauen?

Viele Feministinnen weisen zu Recht darauf hin, dass mehr über bestehende ökonomische Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen geredet werden muss. Dies funktioniert jedoch nur dann, wenn Frauen eine politische bzw. soziale Kategorie bleiben. Die Frauenbewegung hatte in den 1980er Jahren erfolgreich Daten gesammelt und analysiert, die zeigen, wie systematisch Frauen in der bestehenden Weltwirtschaft benachteiligt werden: Damals war es noch ein Thema, dass Frauen weltweit 2/3 aller Arbeiten (unbezahlte und bezahlte) verrichten, jedoch bloss etwa 1/10 der Einkommen erhalten und nur ca. 1/100 der Vermögenswerte besitzen.

Zwar wurden in vielen Ländern Daten zur Lohnungleichheit erhoben und zuweilen sogar ernsthaft politisch diskutiert: Verändert hat sich jedoch wenig – vermutlich, weil es sich bei diesen Ungleichheiten um systemimmanente Probleme handelt: Die neoliberale Wirtschaftsideologie geht davon aus, dass alles vom Markt geregelt wird. Würden sich die Frauen etwas rarer machen, würden sie schon mehr nachgefragt und dann auch besser bezahlt…Hatten Feministinnen im 20. Jahrhundert noch alle Zusammenhänge zwischen Anerkennung, Leistungsstreben, Bewertung von Erwerbsarbeit und Männlichkeit diskutiert, war es damals noch ein Thema, dass das Ganze reformiert werden müsse, nicht bloss die Frauenrolle, so geben sich viele Feministinnen heute hauptsächlich damit ab, Sprachregelungen vorzuschlagen und sich mit LGBTIQ-Communities zu solidarisieren. Damit zeigen sie, dass sie das neoliberale Denken, das jedes Problem privatisiert, verinnerlicht haben. Sie zeigen damit auch, dass sie weder die abendländische Philosophie mit ihrer inhärenten Mysogynie noch die Konstruktionen, die dem modernen Kapitalismus zugrunde liegen, durchschaut haben. Geschlechterforschung hätte viel zur Entlarvung patriarchaler Denkmuster zu sagen; mit der aktuellen Fixierung auf „gender“ kann sie diesen Beitrag meines Erachtens jedoch nicht leisten.[42]

Gewalt, Menschenrechtsdiskurs und soziale Kategorien

Beim Thema Gewalt sieht es zum Beispiel absolut deprimierend aus: Täglich werden Frauen ausschliesslich aufgrund ihrer Geschlechtszugehörigkeit umgebracht. Die Femizide haben in Lateinamerika ein absolut erschreckendes Ausmass angenommen und auch in Ländern wie der Schweiz passieren sie in brutaler Regelmässigkeit.[43] Gerade in diesem Zusammenhang sind die Bemühungen gewisser Akteure, die Bezeichnungen Frau und Mann zu streichen, direkt frauenfeindlich. Denn wenn die Kategorie Frau nicht mehr existiert, kann man die Herrschenden auch nicht mehr dazu verpflichten, die Frauenrechte besser zu schützen. Man muss in den meisten Ländern immer noch darum kämpfen, dass Morde an Frauen in der Statistik richtig erfasst und als das bezeichnet werden, was sie sind: Femizide. Das System, mit dem wir es zu tun haben, ist von seiner Konstruktion her prinzipiell frauenfeindlich. Alle sprachlichen Versuche, diese Frauenfeindlichkeit zu verschleiern, sind daher abzulehnen.

Es gibt auch AktivistInnen, die die Nichtakzeptanz von Transmenschen als „Rassismus“ bezeichnen. Auch hier sollte man historisch korrekt sein: Dass Menschen aufgrund ihrer Hautfarbe oder ihrer ethnischen Zugehörigkeit benachteiligt werden, kam und kommt immer noch vielerorts systematisch und als Ideologie vor. Das Staatsverständnis in den USA z.B. sah Native Americans und Schwarze grundsätzlich nicht als gleichberechtige BürgerInnen. Wenn People of Color also beanspruchen, als eigene soziale Kategorie zu gelten, ist dies sehr wohl begründet! Allerdings sollte man auch hier berücksichtigen, dass die Zugehörigkeit zu einer sozialen Kategorie nicht primär eine Frage der persönlichen Wahrnehmung ist, sondern etwas, das nach objektiven Kriterien festgestellt wird. Ein junger Weisser sollte zum Beispiel nicht nach eigenem Gutdünken sagen können, er fühle sich als Nachfahre von schwarzen Sklaven und beanspruche deshalb, dass er einen für Schwarze reservierten Studienplatz erhalte. Rechtsansprüche, die auf Selbstdeklaration oder Definition nach eigener Befindlichkeit setzen, können meines Erachtens auch ein Eigentor darstellen.

Wie konnte es soweit kommen?

Dass die theoretische Arbeit der Frauenbewegung praktisch flächendeckend vom Genderansatz überdeckt wurde, hat viele Gründe. Hier kann ich nur auf einige Punkte verweisen:

  • Der Umbau der marktwirtschaftlichen Systeme in die neoliberale Wirtschaftsordnung steht am Beginn der verhängnisvollen Entwicklung: Alles, was Individuen überschreitet, was als Gemeinsinn, Gemeinwohl oder gemeinsamer Besitz gilt, wurde von der neoliberalen Schule als nichtexistent erklärt. Der Umbau von Wirtschaft und Verwaltung sowie der politische Diskurs, bei dem es nie um Solidarität, sondern nur um individuelle Rechte ging, bereitete den Boden für einen Bewusstseinswandel in Richtung „Ego“ als Unternehmensform, bei der Selbsterfindung und Selbstdeklaration entscheidende Unterscheidungsmerkmale im globalen Konkurrenzkampf darstellen.
  • Die systemkritischen Kreise trafen mit ihren Vorschlägen auf harten Widerstand der Mächtigen: Änderungen, die das Wirtschaftswachstum, die Dogmen des Marktfundamentalismus und den Finanzkapitalismus in Frage stellten, wurden unterdrückt. Die Frauen- und Ökologiebewegung war nicht stark genug, um mehr zu erreichen als Zugeständnisse auf der Ebene der Sprache. So redeten ab 1992 fast alle von Nachhaltigkeit, man richtete z.B. moralische Appelle an die Bevölkerung, Energie zu sparen und liess gleichzeitig die Erdölfirmen unangetastet ihre menschen- und naturfeindlichen Praktiken fortsetzen. Dasselbe passierte mit Zugeständnissen im Bereich Gleichstellung von Frau und Mann.
  • Wissenschaft und Forschung wurden ab ca. 1995 noch stärker als bisher nach den Interessen der Mächtigen und Reichen gesteuert: Praktisch keine Grundlagenforschung kommt mehr ohne Drittmittel und Sponsoring aus, die Unabhängigkeit der Wissenschaft ist stark in Frage gestellt.[44]
  • Die Technikkritik des 20. Jahrhunderts wurde von der Politik nicht ernst genommen. Hatten die sozialen Bewegungen in den 1990er Jahren noch kleine Erfolge (weltweites Verbot der Keimbahntherapie; Verbot der Eizellenspende in wenigen Ländern, z.B. auch der Schweiz), so müssen wir heute konstatieren, dass die Akzeptanz der „Verbesserung des Menschen durch Technik“ enorm gestiegen ist. Die Hoffnung vieler Feministinnen, dass sich Frauen dieser Entwicklung widersetzen würden, erfüllten sich nicht.[45] Im Gegenteil: Feministinnen aus dem Bereich der Gender Studies sind an vorderster Front dabei, menschenfeindlichen Ideologien wie dem Transhumanismus Vorschub zu leisten[46]
  • Trotz des Einsatzes der Frauenbewegung, Frauen mit und Frauen ohne Kinder gleichberechtigt zu sehen, hat sich eine sakrale Vorstellung der Ehe gehalten und paart sich nun mit der Ideologie, Unfruchtbarkeit sei eine Krankheit und alle Individuen hätten ein Recht auf Reproduktionsmedizin bzw. ein Recht auf ein eigenes Kind.

Alle diese Faktoren sind direkt oder indirekt daran beteiligt, dass an Stelle der in den 1980er Jahren lancierten Frauenstudien die aus den USA stammenden Gender Studies traten. Wollte man zu Beginn durch das „Gendermainstreaming“ in allen Bereichen den Anteil der Frauen sichtbar machen (um mehr Gerechtigkeit herzustellen), so veränderte sich dies gründlich mit der Wahl der ersten Professorinnen im Bereich Gender Studies. Eine Feministin wurde dann zur Professorin berufen, wenn ihre Forschung für die Mächtigen ungefährlich war. Es ist naheliegend, dass Studiengänge, die mit dem Begriff Gender das weibliche Geschlecht neutralisieren, den Mächtigen weniger gefährlich werden können als Forschungen, die aufdecken, wie frauenfeindlich die Wirtschaftslehre konzipiert ist oder wie frauenfeindlich sich gewisse Technologien auswirken.

Ich gehe davon aus, dass die AkademikerInnen der Gender Studies[47] einen Beitrag zu einer besseren Welt leisten wollen. Leider hat ihre Tätigkeit eher den gegenteiligen Effekt. Dies liegt meiner Meinung nach sowohl an der falschen Analyse der aktuellen Herrschaftsstrukturen als auch dem problematischen Begriff „gender“ und seiner Auslegung.

Wir müssen über Sex reden

Das Konzept des „erweiterten Geschlechts“ bzw. des „inklusiven Geschlechterbegriffs“ ist weder theoretisch noch praktisch überzeugend. Es ist meines Erachtens unabdingbar, dass wir uns zunächst – bevor wir allenfalls den Sprachgebrauch und gewisse Gesetze ändern – mit dem biologischen Geschlecht (sex) befassen. In diesem Sinne schliesse ich mich dem Aufruf von Veronika Bennholdt-Thomsen[48] an: Reden wir wieder von Frauen und Männern, nicht mehr von „gender“!

Im Interesse der Gesundheit

Zuerst geht es um die Unversehrtheit des menschlichen Körpers und um eine angemessene Gesundheitsversorgung. Wird ein Mensch geboren, sind seine Geschlechtsmerkmale in aller Regel gut sichtbar. Sind sie dies nicht, liegt es im unmittelbaren Interesse des Neugeborenen selbst sowie im Interesse seiner Eltern, dass abgeklärt wird, ob eine anatomische oder physiologische Besonderheit vorliegt, die das Kind gesundheitlich beeinträchtigen kann. Es geht hier zum Beispiel um im Unterleib verbliebene, nicht abgestiegene Hoden oder um eine funktionsfähige Harnröhre.

Für die Gesundheitsversorgung eines Menschen ist das biologische Geschlecht wichtig. Diese Ansicht wird prominent von MedizinerInnen vertreten. In einem Interview äusserte sich zum Beispiel die Kardiologin Vera Regitz-Zagrozek, eine Pionierin der Gendermedizin in Europa, wie folgt: „Die ebenfalls von einigen Feministinnen vertretene Behauptung, auch die biologischen Grundlagen von Geschlecht seien sozial konstruiert, funktioniert für mich als Medizinerin nicht.“[49] Die beschreibende Kategorie „sex“ ist medizinisch zentral, ganz gleich, welche „Geschlechtsidentität“ vorliegt (und ob diese evtl. im Lauf des Lebens ändert). Deshalb ist an dem Eintrag „biologisches Geschlecht“ im Geburtsregister festzuhalten. Allerdings hat das Schweizerische Recht Mängel: Es braucht eine gute Lösung für Neugeborene, die intergeschlechtlich zur Welt kommen, wie bereits ausgeführt.

Nicht nur als Kinder, auch als Jugendliche und Erwachsene sind wir absolut darauf angewiesen, dass wir entsprechend unserer biologischen Ausstattung medizinisch versorgt werden. Ich verweise hier auf die Gendermedizin, eine Medizin, die bei Diagnosen und Therapien sowie bei der Entwicklung von Medikamenten die unterschiedliche Biologie von Frauen und Männern von Anfang an einbezieht. Auch der eventuell geschlechtertypische Lebensstil wird berücksichtigt, um Frauen und Männer möglichst adäquat zu behandeln. Die bis heute extrem männerzentrierte Medizin kann und soll durch eine geschlechtergerechte Medizin ersetzt werden. Eine solche Medizin würde sich meines Erachtens ebenso adäquat um Queers kümmern, denn auch in ihrem Fall würde der konkrete Leib und die Leiberfahrung ernst genommen.

Mädchen und Frauen, Jungen und Männer

Die Sprechweise „Frauen“ und „Männer“ ist durchaus mehrdeutig, wie GenderforscherInnen stets betonen, denn wer „Frau“ sagt, denkt dabei fast automatisch an ein durch die Kultur geprägtes Bild und entsprechende Geschlechterrollen. Noch stärker ist dies der Fall, wenn wir von männlichen und weiblichen Eigenschaften sprechen – was ich tunlichst vermeide! Aber: Es gibt eine beschreibende Ebene des biologischen Geschlechts, die nicht normativ ist. Selbst wenn wir bei der Nennung des biologischen Geschlechts unbewusst die Rollenzuschreibungen der eigenen Kultur mitdenken, heisst dies nicht, dass es keine von solchen Zuschreibungen unabhängige biologische Ausstattung gibt. Dies sieht man etwa daran, dass es in jedem Volk der Erde, in jeder uns bekannten menschlichen Gemeinschaft, üblich ist, das Geschlecht des Neugeborenen zu nennen. Und dies, obwohl sich die Ethnien bezüglich Geschlechterrollen sehr stark unterscheiden, und obwohl es zu allen Zeiten intergeschlechtliche Menschen gegeben hat. Die Angabe, es sei ein Mädchen oder ein Junge, ist somit keine willkürliche oder gar wertende Aussage zum Geschlecht, sondern zuallererst ein Hinweis auf den Körper des Neugeborenen. Als Biologin füge ich noch hinzu: Unterliesse man eine solche Beschreibung mit der konkreten Benennung Mädchen oder Bub, hätte man gar nichts gewonnen: Wir Menschen können das biologische Geschlecht auch unbewusst, ohne Sprechakt, feststellen – hier sind wir nicht anders als andere Primaten.[50]

Was ist wissenschaftlich haltbar?

Einige SozialwissenschaftlerInnen interpretieren die Tatsache, dass es Intergeschlechtliche und Transpersonen gibt, als Beleg dafür, dass das Konzept der natürlichen Zweigeschlechtlichkeit falsch sei. Diese Ansicht ist nicht haltbar. Das wissenschaftliche Konzept der zwei biologischen Geschlechter ist auch in Anbetracht neuerer Forschungsergebnisse (z.B. zu Transidentität) richtig, denn es bezieht sich darauf, dass weibliche und männliche Menschen ein Ergebnis der Evolution darstellen. Durch die beobachteten Ausnahmen (intergeschlechtliche Personen) wird das Prinzip, dass Frauen diejenigen sind, die Eizellen besitzen und gebären können, und Männer diejenigen, die Spermien beisteuern, nicht in Frage gestellt. Ganz grundsätzlich sind wissenschaftliche Denkkonzepte[51] nicht automatisch falsch, wenn es Ausnahmen gibt, denn wissenschaftliche Konzepte (und auch Erfahrungswissen) sind keine Hypothesen über Ursachen und Wirkungen. Somit darf eine gefundene Ausnahme nicht so interpretiert werden wie eine Beobachtung, die eine zuvor aufgestellte Hypothese widerlegt.

Eine völlig andere Frage ist, wie wir der gesellschaftlichen Diskriminierung von Menschen aufgrund ihrer Geschlechtsidentität, ihrer sexuellen Orientierung oder ihrer Lebensweise wirksam entgegentreten können.

Sprechakte

Philosophinnen wie Judith Butler[52] haben angeregt, darüber nachzudenken, ob wir den Begriff Geschlecht nicht vollständig dekonstruieren sollten, weil durch die Bezeichnungen „Frau“ und „Mann“ bereits ein hierarchisches, patriarchalisches Denken insinuiert werde. Weiter machte sich Butler Gedanken über die Wirkung der Sprache auf unser biologisches Geschlecht. Ihre Denkanstösse wurden in Fachkreisen ausführlich diskutiert, wie Herta Nagl-Docekal im Band „Feministische Philosophie“ dokumentiert[53]. Wäre es so (wie Butler postulierte), dass sich die Zuschreibung zu einem Geschlecht ganz tief auch auf das physische Leben einschreiben würde, dann könnte man dies empirisch nachweisen. Es müsste dann so sein, dass eine transidente Person, die von ihrem Umfeld auch entsprechend wahrgenommen und behandelt wird, körperliche Veränderungen aufwiese. Dies ist jedoch nicht der Fall.

Ein sehr wichtiges Argument gegen Butler lautet: Wenn man die Begriffe „Frau“ und „Mann“ als normativ versteht, kann man sie nicht gleichzeitig als „konstitutiv“ verstehen. Mit anderen Worten: Wenn ich etwas definiere, darf ich die „wertende“ Ebene (die normative) nicht verwechseln mit der „beschreibenden“ Ebene. Leider wurde dieses wissenschaftstheoretische Argument Nagl-Docekals von vielen SozialwissenschaftlerInnen nicht verstanden. Bei dieser Verwechslung der Ebenen spricht man auch von Kategorienfehler.

Kategorienfehler

Auch Andrea Maihofer passiert eine Art Kategorienfehler: Sie spricht von einer Dichotomie zwischen Mann und Frau und bezeichnet diese als „binäre Logik und als ein Phänomen des männlichen, hegemonialen Denkens der bürgerlichen Moderne“[54] und plädiert deshalb dafür, die Begriffe sex und gender zu dekonstruieren.[55] Tatsächlich haben viele patriarchalische Denker behauptet, dass die Biologie die Ursache sei für geschlechtsspezifische Rollen bzw. dass die Biologie die Geschlechterrollen vorgebe. Aber feministische Analyse bestünde ja gerade darin, solche patriarchalen Denkmuster zu durchschauen! Ein Beispiel: In der griechischen Philosophie wurde die Frau als passiv und in der Natur verharrend angeschaut, nur dem Mann wurde eine aktive, geistig-kulturelle und damit höherwertige Rolle zugeschrieben.[56] Diese Zuschreibung war verbunden mit einer Abwertung der weiblichen Kreativität, einer Abwertung der Naturkräfte sowie mit einer Arbeitsteilung, die auf Ausbeutung von Frauen und Sklaven beruhte, wie zahlreiche feministische Forscherinnen zeigen konnten.[57]

Wer will mehr als zwei Sexes?

In der Debatte um eine angemessene Berücksichtigung der Queer-Community wird der Begriff „Geschlecht“ oft in der Mehrzahl verwendet. Dabei denken die einen an „gender“, die anderen an „sex“, die dritten an beides…

  1. Derrida sagte zu diesem Thema: „Opposition ist two, opposition is man/woman. Difference, on the other hand, can be an indefinite number of sexes.“ [58] Wir dürfen vermuten, dass es den Queers und den TheoretikerInnen darum geht, Machtverhältnisse zu entlarven und Herrschaft zu überwinden. Diese Intention stimmt mit dem überein, was viele Feministinnen anstreben, aber der vorgeschlagene Weg überzeugt nicht. Denn: Die Benennung von Frau und Mann (als die beiden biologischen Geschlechter) ist keine Herrschaftsrede! Das Wortpaar ist, wenn wir es von den biologischen Gegebenheiten und von allen ethnologischen Erkenntnissen her betrachten, kein hierarchisch konstruiertes Oppositionspaar. Sondern eine Beschreibung eines Sachverhalts, der bereits existierte, bevor es die menschliche Spezies und die menschliche Sprache gab.

Ich möchte auch betonen, dass das Akzeptieren der natürlich gegebenen Zweigeschlechtlichkeit keineswegs bedeutet, Heteronormativität zu predigen. Auch hier wäre mehr Sorgfalt in der Argumentation nötig. Es wird auch oft behauptet, es bedeute eine Befreiung, die Geschlechter sogar ganz abzuschaffen.[59] Diese Sichtweise verkennt, welche Bedeutung der Eintrag ins Personenstandsregister zum Schutz von Frauen haben kann. Es mag in modernen Gesellschaften sehr wünschenswert sein, fixe Geschlechterrollen ganz zu überwinden. Dies bedeutet jedoch gerade keine Abschaffung des biologischen Geschlechts.

Hier lasse ich nochmals Herta Nagl-Docekal zu Wort kommen: „Demnach wäre das Begriffspaar sex/gender ein geeignetes Instrument, um herauszuarbeiten, dass gesellschaftliche Normen von leiblichen Bedingungen zu unterscheiden sind (…). Wenn ich auf dieser Differenzierung beharre, so geschieht dies im Hinblick auf markante Theoriedefizite der gegenwärtigen Debatte. Da es heute in den Augen vieler zum guten feministischen Ton gehört, auf Differenzierungen wie die hier vorgeschlagenen zu verzichten, ist ein Changieren zwischen zwei Formen von Reduktionismus gang und gäbe: Körper und Diskurs werden abwechselnd in den Rang monokausaler Erklärungsinstanzen erhoben.“[60]

Zusammenfassend halte ich fest, dass das Infragestellen der Begriffe „Frau“ und „Mann“ und das Dekonstruieren von „sex“ und „gender“ keinen Nutzen bringt. Es bringt bloss Verwirrung und verhindert, dass patriarchale Mythen entlarvt werden.

Technisierung, Ökonomisierung und Veränderung der Leiberfahrung

Die feministische Philosophie bewegt sich nicht im luftleeren Raum, sondern schliesst, wie dies in jeder Disziplin der Fall ist, an frühere Denktraditionen an. Bei den Theoretikerinnen der Dekonstruktion stelle ich einen grossen Einfluss von männlichen Philosophen fest, die den „Geist“ oder „das Denken“ höher bewerteten als „den Leib“ oder „die Natur“. Wie Simone de Beauvoir strebten auch Judith Butler und Donna Haraway eine Befreiung von Beschränkungen durch die Natur und damit eine Befreiung vom Leib an. Simone de Beauvoir hielt das Kinderkriegen für etwas, das die Frau knechte und sie von ihrer Befreiung oder ihrem Weg in Richtung Transzendenz abhalte. Indem Beauvoir den (männlichen) Geist als überlegen ansah sowie Leiblichkeit und Immanenz abwertete, war sie schliesslich (trotz ihrer enormen Verdienste zugunsten der feministischen Theorie und Praxis) keine Hilfe im Aufbau einer nicht androzentrischen Philosophie. Ebenso wenig bot Donna Haraway eine feministische Perspektive, sie verlor sich in Lobeshymnen auf technische Möglichkeiten und verwischte die Unterscheidung zwischen Natur und Kultur in unzulässiger Weise[61]. Die Innovationen auf dem Gebiet der Technik und Informatik haben jedoch in der Tat einen enormen Einfluss auf das Leben und Denken der heutigen Menschen. Da fast alles machbar ist, von der Befruchtung einer menschlichen Eizelle im Reagenzglas über den Embryotransfer bis zum Reparieren von Gendefekten im menschlichen Körper, muss man sich nicht wundern, dass laufend Tabus fallen. Die Inanspruchnahme von Reproduktionstechnik hat extrem zugenommen, gerade auch bei homosexuellen Männer- und Frauenpaaren. Dabei wurden auch ethische Grundsätze wie Kants Forderung, Menschen stets als Zweck, niemals bloss als Mittel zu gebrauchen, leichtfertig über Bord geworfen.

Was die internationale Frauenbewegung an der Gen- und Reproduktionstechnik kritisierte, war einerseits die absehbare Ausbeutung von Frauen in ärmeren Ländern; andererseits machte uns die Abkoppelung der Mutterschaft vom Frauenleib hellhörig: Wieder einmal ging es gegen die weibliche Kreativität und Produktivität… Gleichzeitig mit dieser schleichenden Entfremdung vom eigenen Leib hielt ein Schönheitskult und Leistungswahn Einzug, der es Frauen schwermacht, sich selbst positiv wahrzunehmen und ein Vertrauen in ihre leiblichen Fähigkeiten aufzubauen. Nicht nur ich habe den Eindruck, dass hier etwas aus dem Gleichgewicht geraten ist. Die Philosophin Ute Gahlings befasste sich eingehend mit der Pathologisierung des Frauenkörpers und den Schwierigkeiten zeitgenössischer Frauen, sich im eigenen Leib wohl zu fühlen. Gahlings schreibt: „Die Investition von Schmerz einerseits, z.B. bei Schönheitsoperationen, und die Ausblendung bestimmter weiblicher Schmerzen andererseits, z.B. bei gewünschtem Kaiserschnitt, sind alarmierende Signale dafür, dass der weibliche Körper-Kult von einer eklatanten Distanz zum Leibsein kündet. Diskursiv erzeugte, freiwillige Schmerzen werden akzeptiert, eigenleibliche dagegen nicht, weil sie unverfügbar erscheinen, nicht dem Willen unterworfen sind.“[62] In Gahlings Worten wäre von einem Verlust der Leiberfahrung zu sprechen, im Sinne einer Spaltung der eigenen Wahrnehmung in das seelische Ich und den zum Objekt gemachten Körper. Mit diesem Wandel verändert sich auch die Wahrnehmung betreffend Respekt vor der Natur und vor der Leiblichkeit anderer Menschen. Die Ethnologin Brigitte Hauser-Schäublin analysierte bereits 1991[63], dass die Entleiblichung der Frau mit der Modernisierung zusammenhängt. Traditionelle Gesellschaften gehen davon aus, dass alle Menschen von einer Mutter geboren werden, und dass es etwas Grösseres gibt, das Leben ermöglicht. Die Idee, dass jedes Individuum sich selber „herstelle“ oder, anders formuliert, das instrumentelle Verhältnis von Geist und Körper (unter Ausblendung des Leibes) ist eine neue Erscheinung und war vor der Kolonisierung indigener Völker beschränkt auf westliche Gesellschaften. Diese Forschungserfahrung bringt Hauser-Schäublin auch in die aktuelle Diskussion über Geschlechter ein[64]. Sie warnt davor, die „gefühlte Geschlechtsidentität“ dem Körper gegenüber zu stellen und mit diesem Spaltungsakt genau das zu tun, was man zu überwinden glaubte, nämlich die Fortführung eines problematischen instrumentellen Verhältnisses zum eigenen Körper. Ist man tief drin in dieser Mentalität der Entleiblichung, so vermute ich, werden Grenzüberschreitungen nicht mehr als solche wahrgenommen: Reproduktionsmedizin, Schönheitsoperationen, Geschlechtsanpassungen und Transplantationen werden zur akzeptierten Routine. Parallel zur Entleiblichung der Philosophie verstummt auch die Kritik an der technischen Zurichtung von menschlichen Körpern. Wenn wir heute beobachten, dass es betreffend Einschätzung der „Queerfrage“ Differenzen unter Feministinnen gibt, dann hat dies m. E. viel mit der ungeheuren Beschleunigung des digitalen und technischen Fortschritts zu tun und mit dem Angebot technischer „Lösungen“ für menschliche Fragen. Zudem sollten wir nicht unterschätzen, dass die Pharma- und Medizinbranche durchaus ein Interesse daran hat, ihre Pillen und Operationen zu verkaufen.

Es wäre möglich gewesen, innerhalb der Frauenbewegung andere, humanere Utopien zu entwickeln, denn seit der Neuen Frauenbewegung lagen genügend Analysen des natur- und körperfeindlichen Denkens im Patriarchat vor. Ebenso gab es sehr interessante Ansätze einer nicht-androzentrischen Wissenschaft und Philosophie, verbunden mit Vorschlägen für eine neue Gesellschafts- und Wirtschaftsordnung. Alle diese Vorschläge setzten auf die Überwindung von Geschlechterstereotypen. Die Gender Studies rezipierten diese reichhaltige und breitangelegte Forschung jedoch nicht, sondern verbündeten sich mit postmodernen und posthumanistischen Denkrichtungen.

Was können wir tun?

Die Entlarvung der Irrtümer postmoderner Denkansätze bedeutet nun aber keineswegs, dass Bündnisse verunmöglicht würden oder dass es für gesellschaftliche Fragen keine vernünftigen Lösungen geben kann. Im Folgenden beschreibe ich einige Voraussetzungen dafür, dass menschliche Lösungen möglich werden.

Kein Durchdrücken von neuen Sprachregelungen und Vorsicht mit Gesetzestexten

Die Transgender Community, die weltweit vernetzt ist, hat seit etwa 20 Jahren eine ganze Fülle von Begriffen in die Diskussion gebracht, z.B. die Vorsilben Cis und Trans. Daneben tobt eine Auseinandersetzung um die Schreibweise (Genderstern) und um die sogenannt „inklusive Sprache“. Dabei fällt auf, dass Menschen, die bewusst weder Genderstern noch das Kürzel „cis“ brauchen, nicht gefragt werden, weshalb sie dies nicht tun, sondern sofort sanfteren oder weniger sanften Vorwürfen ausgesetzt sind.[65]

Dass sich viele Feministinnen nicht cis-Frauen nennen, hat damit zu tun, dass sie den Begriff „Frau“ (und wie ihn die Frauenbewegungen immer verwendet haben) nicht aufgeben möchten, denn lange genug wurden Frauen in patriarchalen Gesellschaften durch Männer definiert. Es sollte grundsätzlich einleuchten, dass sich niemand gerne von aussen eine Definition aufdrücken lässt. Es würde ja genügen, dass sich Transgenderpersonen selber als „trans“ bezeichnen, die Vorsilbe „cis“ ist völlig unnötig. Weiter wird zu Recht argumentiert, es leuchte nicht ein, dass eine neue Definition von Geschlecht eingeführt werden soll, die explizit für eine kleine Minderheit, die Transmenschen, entwickelt wurde. Wenn nun jemand von seinem Gegenüber erwartet, die von den Queers vorgeschlagenen Termini (z.B. Genderidentität oder cis-Frau) zu verwenden, kann das als Übergriff oder zumindest als überzogene Erwartung angeschaut werden.

Weil die von Transgender-AktivistInnen vorgeschlagenen Begriffe stets eine bestimmte Ideologie mit sich bringen, ist es verfehlt, sie zur Voraussetzung eines respektvollen Gesprächs zu erklären. Es darf nicht erwartet und schon gar nicht staatlich vorgeschrieben werden, dass sich jemand der Queertheorie entsprechend ausdrücken muss.

Feministinnen haben tatsächlich in der Vergangenheit immer wieder Solidarität mit unterdrückten Minderheiten geübt. Im Unterschied zu gewissen Akteuren heutzutage haben diese Minderheiten jedoch nie die Definition des Frauseins auf eine Weise in Frage gestellt, die einer Auslöschung des politischen Subjekts Frau (und einer Auslöschung der Bedeutung von Mutter) gleichkam.

Auf der juristischen Ebene geht es um sehr viel: Hier sollten alle Beteiligten realisieren, dass Gesetzesänderungen, die nicht mehr auf der traditionellen Unterscheidung von Frau und Mann basieren, ausgesprochen negative Folgen haben, insbesondere in modernen patriarchalen Gesellschaften. Es gilt also, Vorschläge zur Besserstellung von Inter-, Trans- und „non-binären“ Menschen zu machen, die die zugrundeliegende biologische Realität nicht aufheben.[66]

Juristische Ebene

In der Schweiz sind verschiedene Bestrebungen im Gang, Gesetzesanpassungen vorzunehmen. Mit grossem Erstaunen stelle ich jedoch fest, dass das Wichtigste, nämlich die Unterstützung der Intergeschlechtlichen, in der ganzen Debatte untergeht.

Sandra Hotz geht in ihrem Fachartikel[67] zum Beispiel nicht auf Intergeschlechtliche ein, sondern diskutiert nur die Veränderung der Gleichstellungsgesetzgebung in der Schweiz. Sie ist dafür, den inklusiven Geschlechterbegriff zu implementieren oder die Nennung der Geschlechter abzuschaffen. Ihre Argumente überzeugen jedoch nicht: So äussert Hotz die haltlose Vermutung, dass das jetzige Gleichstellungsgesetz dazu beitrage, „das Geschlecht“ festzuschreiben im Sinne von „Geschlechterstereotypen festigen“. Sie kritisiert auch, dass homosexuelle Männer nicht wegen ihres Geschlechts nach dem Gleichstellungsgesetz klagen können. Hotz scheint nicht zu wissen, dass das Geschlecht und die sexuelle Orientierung unterschiedliche Dinge sind. Eine fundierte Kritik an den Vorschlägen von Hotz sowie konstruktive Vorschläge für eine Anti-Diskriminierungsgesetzgebung kann man nachlesen in einem 2023 erschienenen Fachartikel der Anwältin Susanne Bertschi.[68]

Die Juristin und Alt-Nationalrätin Margrith von Felten bilanzierte zum neuen Gesetz in Basel-Stadt, das im Januar 2024 angenommen worden war: Es ist bitter, dass niemand bemerken wollte, dass mit dem neuen Gleichstellungsgesetz des Kantons Basel-Stadt die Frauen juristisch ausgegrenzt wurden. «Dies wurde möglich, weil das Kernstück im Basler Gesetz – die Definition des Begriffs Geschlecht im §2 – auf einem Text beruht, der ausschliesslich für Transmenschen formuliert wurde.»[69]

Yogyakarta-Prinzipien

Für die Ausgestaltung von Gesetzen zum Schutz der LGBTI-Rechte berufen sich Fachleute auf die Yogyakarta-Prinzipien[70]. Diese internationalen Richtlinien wurden geschrieben, um Staaten zu beraten; es handelt sich jedoch nicht um einen verbindlichen Völkerrechtsvertrag, wie häufig behauptet, sondern um Empfehlungen. Angesichts der Tatsache, dass in zahlreichen Ländern Homosexualität unter Strafe steht, dass Pakistan bis vor kurzem Transmenschen keine politischen Rechte einräumte, ist es dringend, dass sich international auch auf der juristischen Ebene etwas tut. Diese Intention ist unbestritten. In den Yogyakarta-Prinzipien werden jedoch Formulierungen gebraucht, die missverständlich sind. Ist von einer Anerkennung von Transpersonen die Rede, heisst dies nicht, dass man diese als eigenes biologisches Geschlecht anerkennen muss. Die betroffenen Menschen müssen nach diesen Richtlinien in ihrer Eigenart anerkannt werden und haben den Anspruch auf entsprechende amtliche Dokumente. Dass dies nur realisierbar sei, in dem man das Konzept der „Selbstidentifikation“ einführt, ist meines Erachtens eine falsche Schlussfolgerung. Eine Änderung des Geschlechtseintrags nach einer angemessenen Prüfung verschiedener Faktoren wäre kompatibel mit den Yogyakarta-Prinzipien. Ebenso wäre es denkbar, neben dem Eintrag des biologischen Geschlechts eine Rubrik „Anrede“ einzuführen. Dort könnte bei „Transfrauen“ „Frau“ stehen, bei „Transmännern“ „Herr“. Oder die Rubrik könnte freigelassen werden. Den Eintrag „inter“ oder „divers“ einzuführen wäre auch kompatibel mit den Yogyakarta-Prinzipien. Die Schweiz könnte also ohne weiteres die Yogyakarta-Prinzipien berücksichtigen, ohne die gleichen Fehler zu machen, wie sie im baselstädtischen Gesetz gemacht worden sind.

Ich erinnere daran, dass die Schweiz das internationale, verbindliche CEDAW-Übereinkommen zur Beseitigung jeglicher Diskriminierung der Frau[71] unterzeichnet hat und somit zu dessen Umsetzung verpflichtet ist. Dieses internationale Abkommen führt klar vor Augen, dass eine Aufhebung der Frauendiskriminierung nur möglich ist, wenn die Frauen eine soziale Kategorie bleiben. Wie soll man sonst Gewalt und Diskriminierungen systematisch erfassen? Um auf die Gleichstellungsgesetzgebung zurückzukommen: Empirische Studien machten deutlich, dass Frauen in erster Linie im Zusammenhang mit Schwangerschaft und Mutterschaft systematische Benachteiligungen erfahren. Dies ist ein klarer Hinweis darauf, dass die Architektur der bisherigen Gesetzgebung beibehalten werden muss.

Selbstidentifikation und affirmative Herangehensweise

Bei Kathleen Stock[72] finden wir eine ausführliche Darstellung der Geschichte des Konzepts „Selfidentification“. Offenbar gab es auch Fachleute, die vor diesem Konzept warnten.[73] Allerdings wurden diese Fachpersonen mitunter als „transfeindlich“ bezeichnet. Ein Teil des medizinisches Fachpersonals scheint zudem Widerspruch anzumelden gegen ein rein affirmatives Konzept.[74] Mit affirmativ ist gemeint, dass man alles bedingungslos unterstützt, was die Betroffenen wünschen, sei dies eine Behandlung mit Pubertätsblockern, eine Hormonbehandlung oder einen rechtlichen Geschlechtswechsel. Mit dieser affirmativen Herangehensweise hielt auch die Sprache der Queertheorie Einzug in medizinische und andere beratende Gremien. Diese Sprache kann, wie ich erläutert habe, die Wirklichkeit nicht konsistent beschreiben. Offensichtlichster Irrtum: Einem Menschen werde bei der Geburt ein Geschlecht „zugewiesen.“

Ich möchte auch darauf hinweisen, dass es – wenn man natürliche Gegebenheiten und damit Unverfügbares akzeptiert – nicht sinnvoll ist, das Argument der Selbstbestimmung ins Feld zu führen. Das Selbstbestimmungsrecht umfasst kein „Recht“, sich als etwas Anderes auszugeben oder den eigenen Körper zu verstümmeln.

„Queer“ ist nicht automatisch feministisch!

Weshalb ist der Kampf der LGBTI-Community um Anerkennung nicht dasselbe sei wie das Streben nach Überwindung patriarchaler Strukturen? Man sollte die Entstehung patriarchaler Herrschaft nicht falsch einschätzen: Alle patriarchalen Mythen richteten sich primär gegen Frauen. Intergeschlechtliche und Transidente waren stets eine so kleine Minderheit, dass sie niemals als konstitutiv für eine Gesellschaft wahrgenommen werden konnten. Auch Homo- und Bisexuelle sind – obwohl zahlreich – nicht die primären Zielscheiben patriarchaler Konstruktionen und Zumutungen. Bei „Non-Binären“ gelten allfällige Anfeindungen auch nicht ihrem Körper, sondern ihrer Lebensweise.[75] Frauen werden dagegen nicht wegen ihrer Lebensweise oder ihres Verhaltens, sondern wegen ihres biologischen Geschlechts diskriminiert.

Sport

Weil das männliche Hormon Testosteron zu deutlichen Leistungssteigerungen führt, war es seit jeher so, dass Wettkämpfe stets nach biologischem Geschlecht getrennt organisiert wurden. Auch wenn Frauen heute viel besser gefördert und trainiert werden als noch in den 1970er Jahren, bleibt es dabei: Männer sind aufgrund ihres höheren Levels an Testosteron leistungsfähiger, vor allem auf dem Gebiet der Leichtathletik. Gerade bei diesen Sportarten gab es schon immer verhältnismässig viele intergeschlechtliche Menschen. Bei internationalen Wettkämpfen siegte nicht selten eine Frau, die gar nicht wusste, dass sie intergeschlechtlich war. Das wohl bekannteste Beispiel ist die mehrfache Olympiasiegerin über 800m, Caster Semenya.[76] Schaute man bis vor kurzem bloss auf mögliche Dopingsubstanzen bei SportlerInnen, ist es nun auch üblich geworden, in gewissen Fällen den Chromosomensatz und den natürlichen Testosteronspiegel zu untersuchen.

Im März 2023 fällte der Leichtathletik-Weltverband einen Entscheid, der für Aufsehen sorgte:

Intergeschlechtliche Frauen dürfen zwei Jahre vor einem Wettkampf nicht mehr als 2,5 Nanomol Testosteron im Blut haben und Transfrauen sind neu ganz von Frauenwettbewerben ausgeschlossen.

Diesem Entscheid gingen viele Jahre intensiver Diskussionen voraus. Als zu wenig informiert über die komplexe Vorgeschichte rund um die Mittelstreckenläuferin Caster Semenya, enthalte ich mich hier einer Stellungnahme. Aus ethischer Sicht scheint mir aber klar: Erstens müssen alle Personen, die an Wettkämpfen teilnehmen möchten, frühzeitig über die Teilnahmebedingungen informiert werden. Es geht nicht an, dass eine Person sich intensiv vorbereitet und dann von der Teilnahme ausgeschlossen wird. Zweitens müssen die Bedingungen so sein, dass es für eine weibliche XX-Sportlerin möglich ist, zu gewinnen. Ob es eine spezielle Kategorie für Frauen mit natürlicherweise höherem Testosteronspiegel geben soll, ist eine interessante Frage. Die Zukunft wird zeigen, in welche Richtung sich die Sportwelt bewegen wird. Wir können aus diesem Praxisfeld jedoch lernen, dass das biologische Geschlecht und damit die physische Ausstattung für viele Entscheide zentral sind.

Bildung und Aufklärung

Bildung ist ein weites Feld. Ich möchte hier nur einen Aspekt herausgreifen, nämlich die Tendenz, privaten Organisationen in der Schule eine inhaltliche Mitsprache einzuräumen. Wenn im Rahmen von regulärem Unterricht auswärtige Fachpersonen oder Betroffene eingeladen werden, ist dies natürlich bereichernd für die SchülerInnen. Falls bei einem Thema die Schulbehörden jedoch den Aufwand zur Herstellung eigener Schulmaterialien scheuen, kann es problematisch werden. Die Lehrmittel für den deutschsprachigen Raum, die ich bisher zu Gesicht bekam, sind von Interessengruppen wie dem Transgendernetwork Schweiz verfasst und können nicht als neutral gelten. Schulverlage und Schulen müssen bei allen Themen, auch beim Thema „queer“, Verantwortung übernehmen und eigenes Lehrmaterial produzieren.

Wie bei den Versuchen von evangelikalen Kreisen, Kreationismus und Schöpfungslehre in die offiziellen Schulbücher zu bringen,[77] gilt es auch gegenüber transaktivistischen Kreisen, wachsam zu sein.

Medizinische Eingriffe

Die Zahl der Geschlechtswechsel und der Operationen im Zusammenhang mit einer Geschlechtsumwandlung hat in vielen Ländern, auch in der Schweiz, deutlich zugenommen. Die stärkste Zunahme ist bei Umwandlungen von Frau zu Mann zu beobachten.[78] Mittlerweile werden bereuen viele Menschen, dass sie sich operieren liessen, die Zahl der sogenannten Detransitioners steigt. Auch gibt es Opposition von Eltern im Zusammenhang mit der Vergabe von Pubertätsblockern.[79] Eine Klinik, die sich der affirmativen Herangehensweise verschrieben hatte, musste wegen Vorwürfen, eigene medizinische Richtlinien nicht eingehalten zu haben, schliessen.[80]

Es wäre zu wünschen, dass sich Pflegende, PsychologInnen, medizinische Fachleute und auch Betroffene von der Begrifflichkeit der Queerideologie lösen könnten. Es soll in Europa nicht soweit kommen wie in den USA, wo potente Geldgeber das Thema pushen, um ihre Medikamente verkaufen zu können.[81]

Konstruktive Vorschläge

Es ist sinnvoll, an den Kategorien Frau und Mann festzuhalten, denn: Die beiden biologischen Geschlechter und ihr Potential zur Fortpflanzung sind die Grundlage des Fortbestands jeder menschlichen Gesellschaft. Ob und wie zusätzliche soziale Kategorien anerkannt werden sollten, ist keine rechtliche, sondern eine gesellschaftliche Frage. Für moderne Gesellschaften, die weder eine definierte weibliche und männlichen Sphäre kennen noch von Gleichwertigkeit der weiblichen mit der männlichen Sphäre ausgehen, ist diese Frage nicht leicht zu beantworten. Aber es wäre sinnvoll, sich von egalitären Gesellschaften, wie sie seit Jahrtausenden existiert haben und heute noch auf verschiedenen Kontinenten zu finden sind,[82] inspirieren zu lassen. Damit könnte auch eine Rückbesinnung auf eine leib- und sexualitätsfreundliche Haltung verbunden sein. Es wäre wünschenswert, Auswege zu finden aus einer eindimensionalen Vernunft, die uns seit der Moderne immer wieder in selbstverletzende Irrwege geführt hat.

GLOSSAR

  • Biologisches Geschlecht: Beim Menschen ist der Körper mit der Ausbildung der primären Geschlechtsorgane, also die Anatomie, für die Zuordnung zu einem biologischen Geschlecht entscheidend. Das biologische Geschlecht bei Säugetieren – und damit auch beim Menschen – wird genetisch, chromosomal und hormonell bestimmt. Das biologische Geschlecht ist letztlich ein Ergebnis der Evolution.
  • Binär: Die sexuelle Orientierung, die «Geschlechtsidentität» und auch die Geschlechterrollen gehen von der Zweigeschlechtlichkeit aus, deshalb könnte man auch abstrakt von einem «binären System» sprechen. Eine Person, die sich weder als Mann noch als Frau fühlt, kann sich selber als «non-binär» bezeichnen. Die Bezeichnungen «binär» bzw. «non-binär» werden hauptsächlich von AktivistInnen der Queerbewegung gebraucht; es handelt sich um Bezeichnungen, die beschreiben sollen, welche Rolle man spielen will oder wie man sich fühlt; damit wird kein Geschlecht beschrieben und auch keine sexuelle Orientierung.
  • «Drittes Geschlecht»: Ich verwende diese Bezeichnung nicht, denn sie suggeriert, dass – neben männlich und weiblich – im Lauf der Evolution noch ein weiteres biologisches Geschlecht entstanden sei. Dies ist jedoch nicht der Fall. Was oft mit dem Verweis auf ein «drittes Geschlecht» gemeint ist, sind religiöse Funktionen bzw. soziale Rollen, die Menschen – anstelle von Männer- oder Frauenrollen – einnehmen können. Diese zusätzlichen Rollen können einen akzeptierten Sozialstatus haben.

 

  • «Gender»: Begriff aus dem Englischen, mit dem ursprünglich die Geschlechterrolle, also das sogenannte «soziale Geschlecht», aber auch die «Geschlechtsidentität» bezeichnet wurde (in Abgrenzung zum biologischen Geschlecht, engl. Sex). Der Begriff wird heute sehr unterschiedlich gebraucht, vgl. Gendertheorie. Ich verwende den Begriff bewusst nicht mehr, da er nur Unklarheiten schafft.

 

  • Gender Studies: In den 1990er Jahren etablierte Lehrgänge an Universitäten, die sich im Sinne der damaligen Frauenbewegung der Bewusstmachung von mangelnder Gleichstellung zwischen Mann und Frau widmen. Heute werden auch viele Bemühungen von AktivistInnen der sogenannten Queerbewegung unter Gender Studies subsummiert. Gender Studies haben neben wissenschaftlichen Hintergründen auch Ansätze, die parteilich sind und von sozialen Bewegungen stammen.

 

  • «Gendertheorie»: Bei der «Gendertheorie» handelt es sich nicht um eine wissenschaftliche Theorie, sondern um einen vieldiskutierten philosophischen Ansatz aus der Frauenbewegung. Der zentrale Begriff «gender» ist nicht eindeutig definiert. «Gender» wird heute fast unterschiedslos für biologisches Geschlecht, «Geschlechtsidentität» und Geschlechterrolle gebraucht.
  • Geschlechtsidentität oder «Geschlechtsidentität»:
  1. Teil der Identität, die ein Mensch im Lauf seines Lebens entwickelt. Unbewusster Vorgang der Annahme der eigenen Leiblichkeit, der in sehr seltenen Fällen aus noch unbekannten Gründen schief gehen kann. In diesem Fall verwende ich den Begriff ohne Anführungszeichen, denn das Phänomen kann klinisch erfasst werden.
  2. gefühlte oder behauptete Identifizierung mit einer Geschlechterrolle, die nicht mit der gegebenen Leiblichkeit übereinstimmt – bewusster Vorgang. In diesem Fall setze ich «Geschlechtsidentität» in Anführungszeichen, denn er bezeichnet eine bewusste Setzung einer Person, nichts objektiv Feststellbares.
  • Geschlechtsinkongruenz (Geschlechtsidentitätsstörung, Geschlechtsdysphorie): Personen, die sich trotz ihres männlichen Körpers als Frau fühlen bzw. Personen, die sich trotz ihrer weiblichen Anatomie als Mann fühlen, haben eine Geschlechtsinkongruenz.
  • Geschlechterrolle (soziales Geschlecht): Die soziale Dimension des biologischen Geschlechts. Man spricht auch von kulturell geprägter Geschlechterrolle. Es gibt zwar auch beim Menschen eine biologische Grundlage für die Geschlechterrollen, aber diese ist von relativ geringer Bedeutung für die gesamte Ausprägung des sozialen Geschlechts.

 

  • Geschlechtervarianten: Empirischer Befund, dass ein kleiner Teil der Menschen, die jährlich geboren werden, anatomische Besonderheiten im Bereich der Geschlechtsorgane und /oder kein eindeutiges biologisches Geschlecht aufweisen. Man spricht auch von intersexuellen Menschen. Einige dieser Varianten werden erst in oder nach der Pubertät sichtbar. Bei vielen Varianten hat man Abweichungen im Bereich der Chromosomen, der Gene und/oder im Hormonhaushalt gefunden.
  • «Heteronormativität»: Dieser Begriff suggeriert, die Zweigeschlechtlichkeit beim Menschen sei letztlich eine Ideologie, die man überwinden müsse. Dies ist wissenschaftlich klar widerlegt. Dass sich die Mehrheit der Menschen eindeutig als Frauen oder Männer fühlen und heterosexuelle Beziehungen eingehen, ist keine Folge irgendeiner Ideologie, sondern eine Konsequenz der biologischen Grundlagen des Menschseins. Auch Kulturen, die besondere Geschlechterrollen kennen, haben keineswegs ein System, das die Zweigeschlechtlichkeit überwindet oder die Wichtigkeit der Kategorien «Frau» und «Mann» leugnet.

 

  • Matrizentrische Gesellschaften: In nicht patriarchalen Kulturen ist die Hierarchisierung und Ungleichverteilung von Macht schwach ausgeprägt. Sorgen Gesellschaften, in denen Mütter im Zentrum stehen, für ein Gleichgewicht zwischen männlichen und weiblichen Interessen, spricht man auch von Gesellschaften in Balance. Ethnologische und archäologische Forschungen weisen darauf hin, dass heutige Patriarchate aus nichtpatriarchalen Gesellschaften hervorgingen, wie Carola Meier-Seethaler in «Ursprünge und Befreiungen» 1988/2011 darlegt. Somit ist die Hypothese plausibel, dass die matrizentrische Organisation die ursprünglichere ist als die patriarchale. Nach allem, was wir bisher wissen, ist die Annahme, dass unsere menschlichen Vorfahren in einer Gesellschaft gelebt haben, in der die Abstammung nach der Mutter zählte und keine Dominanz durch Männer geherrscht hat, mit Befunden aus der Evolutionsbiologie vereinbar.
  • Patriarchat: Gesellschaftsordnung, bei der Männer mehr Rechte haben als Frauen und die Privilegien der Mächtigen mit Gewalt durchgesetzt werden. Meist sind in patriarchalen Kulturen alle Bereiche des Lebens hierarchisch organisiert, wobei die männliche Rolle als die überlegene gedacht wird und die sogenannt männlichen Eigenschaften als wertvoller gelten als die sogenannt weiblichen. Eine wichtige Unterdrückungsform in Patriarchaten besteht darin, abweichendes männliches Verhalten als «weibisch» abzutun. Die engen Geschlechterrollen in Patriarchaten werden oft mit dem Hinweis, sie seien von der Natur so vorgesehen, gerechtfertigt (Biologismus). Ethnologische und historische Forschungen zeigen, dass die sozialen Geschlechter sehr unterschiedlich ausfallen können, ebenso Vorstellungen von «typisch männlich» und «typisch weiblich».

 

  • Polarisierung der Geschlechterrollen: Die Behauptung, die Welt sei in einen männlichen und in einen weiblichen Pol gegliedert, ist eine patriarchale Ideologie, die in vielen patriarchalen Kulturen, so auch in den westlichen Gesellschaften, eine wichtige Rolle spielt. Diese Ideologie prägt sehr oft nicht nur die Theologie und das Recht, sondern ebenso die Philosophie und alle Wissenschaften. Oft sind Kulturen mit polarisierten Geschlechterrollen auch sehr intolerant gegenüber Abweichungen, insbesondere, wenn das weibliche Geschlecht männliche Rollen übernimmt oder wenn Machtverhältnisse in Frage gestellt werden.

 

  • Transpersonen: Erstens Menschen, die den Wunsch haben, ihr Geschlecht zu ändern und eine entsprechende Hormontherapie und/oder Operation machen lassen. Zweitens Menschen, die ihr Geschlecht ändern wollen, aber keine Operation wünschen. Frauen, die als Männer gelten möchten, nennen sich «Transmänner», Männer, die als Frauen gelten möchten, nennen sich «Transfrauen». Diese Bezeichnungen sind in modernen westlichen Gesellschaften üblich geworden. Andere Kulturen benützen andere Ausdrücke.

 

  • Transsexualität: Dieser Begriff bezeichnet das Phänomen, dass es sehr selten Personen gibt, bei denen der Wunsch, «im anderen Geschlecht» zu leben, sehr stark ist. Alexander Korte verwendet den Begriff im medizinischen Sinn. TransaktivistInnen lehnen den Begriff ab.

 

  • Queer: Sammelbegriff für Menschen, die sich in Bezug auf ihr Geschlecht, ihre Geschlechterrolle oder ihre sexuelle Orientierung als «divers» empfinden. Wie «gender» wird auch der Begriff «queer» nie genau definiert. Historisch geht der Ausdruck «queer» auf AktivistInnen aus den USA der 1960er Jahre zurück, die aus den mittelständischen Organisationen von Schwulen und Lesben ausgeschlossen wurden (weil sie People of Color, Transmenschen oder verarmte Obdachlose waren).

 

  • «Queertheorie»: Die BegründerInnen der «Queertheorie» erklärten, dass sie die Unzulänglichkeiten der «Gendertheorie» überwinden möchten. Auch bei der «Queertheorie» handelt es sich um einen parteilichen Ansatz – nicht um eine anerkannte, wissenschaftliche Theorie.

[1] Neufassung eines Aufsatzes, den ich am 2.12.2021 auf theoriekritik.ch veröffentlichte.

[2] Vgl. meine Buchrezension im Online Magazin INFOSPERBER vom 23.6.2024 https://www.infosperber.ch/frau-mann/gleichstellung/kontertext-judith-butler-geht-aufs-ganze/

[3] Vgl. Tove Soilands Position in WoZ, 21.4.2005 https://www.woz.ch/0516/gender-debatte/mehr-empirie und im Interview mit der WoZ vom 2.2.2012 https://www.woz.ch/1205/portraet/muessen-wir-frauen-uns-etwa-abschaffen

[4] Patricia Purtschert: Gerechtigkeit herstellen oder gegen Normierung angehen? In: Hilge Landweer et. al. Hrsg., Philosophie und Potentiale der Gender Studies, 2014

[5] Seit dem 1.1.2022 können sich in der Schweiz Männer als Frau, Frauen als Mann eintragen lassen, ohne bestimmte Kriterien erfüllen zu müssen. Entscheidend ist die sogenannte «Geschlechtsidentität».

[6] Im ersten Entwurf zu diesem Gesetz kamen die Begriffe «Frau» und «Mann» nicht mehr vor, vgl. Website der Gegnerinnen dieses Gesetzes: https://justitia-ruft.ch/justitia-informiert

[7] Das deutsche «Selbstbestimmungsgesetz» funktioniert ebenfalls nach dem Kriterium der Geschlechtsidentität». Sehr treffende Kritik an diesem Gesetz formulierte Alice Schwarzer: https://www.emma.de/artikel/alice-schwarzer-es-gibt-keinen-falschen-koerper-340969

[8] Veronika Bennholdt-Thomsen: Die „Würde der Frau» ist kein Überbauphänomen, Beiträge zur feministischen Theorie und Praxis“, Nr. 24, 1989, S. 119-132

[9] Grundlegende Werke sind u.a.: Claudia v. Werlhof, Maria Mies, Veronika Bennholdt-Thomsen: Frauen, die letzte Kolonie (1983); Gerda Lerner: Die Entstehung des Patriarchats (1986), Carolyn Merchant: Der Tod der Natur (amerik. Original 1980; dt. Übersetzung 1987)

[10] In «Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie» (2011) erläutert Carola Meier-Seethaler, wie in verschiedenen Völkern Männer Rituale begehen, um einen Beitrag an das Wunder der Geburt leisten zu können. Aus psychoanalytischer Sicht gibt es also keinen Penisneid (wie Freud vermutete), sondern eher einen Gebärneid. Dieser ist nach Meier-Seethaler oft auch Triebfeder für Technologieentwicklungen. Zum Gebärneid siehe auch Carola Meier-Seethaler: «Macht und Moral», 2007, S. 112-113.

[11] Die internationale Frauenkonferenz gegen Biotechnologie formulierte: «We resist population control policies and methods. They hide the true roots of poverty as exploitation of the rich.» Paragraf 3, Declaration of Comilla, Bangladesh, 1989. Vgl. auch: Maria Mies: Nicht Überbevölkerung – Konsumismus im Norden ist das Problem, in: «Wenig Kinder – viel Konsum», Broschüre der EvB, 1994

[12] Judith Butler, Gender Troubles: Feminism and the Subversion of Identity 1990

[13] Wichtige Kritik kam von Edith Badinter, Veronika Bennholdt-Thomsen, Herta Nagl-Docekal, Barbara Duden, Carola Meier-Seethaler, Maria Mies, Martha Nussbaum, Tove Soiland u.v.a.

[14] Irenäus Eibl-Eibesfeldt: Die Biologie des menschlichen Verhaltens, 1984

[15] Gerda Weiler: Ich verwerfe im Lande die Kriege, 1984

[16] Gerhard Roth, Nicole Strüber: Wie das Gehirn die Seele macht, 2020

[17] Vgl. Frans de Waal: Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können, 2022. Weil die Untersuchungen nicht systematisch bei allen menschlichen Kulturen gemacht worden sind, kann man keine sicheren Aussagen machen.

[18] Zu dieser Frage empfehle ich folgende Publikationen: Frans de Waal: Mamas letzte Umarmung (2021) sowie frühere Werke von de Waal über Bonobos und Schimpansen. Antonio Damasio: Der Spinoza-Effekt (2003) sowie Selbst ist der Mensch (2011); Carola Meier-Seethaler: Gefühl und Urteilskraft (1997/2001); Gerhard Roth: Über den Menschen (2021), Fabian Scheidler: Der Stoff aus dem wir sind. Warum wir Natur und Gesellschaft neu denken müssen (2021)

[19] Vgl. Frans de Waal: Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können, 2022

[20] Claire Ainsworth: Sex redefined, Nature, Vol. 518, 19.2.2015

[21] In der Schweiz kommen pro Jahr ca. 40 Babies mit uneindeutigem Geschlecht zur Welt. Die Häufigkeit ist etwa 1: 2500. Schweizer Fernsehen, Sendung Einstein vom 16.2.2023 «Körperlich weder Mann noch Frau».

[22] Shanna H. Swan; Stacey Colino: Count down. Was uns immer unfruchtbarer macht (2021)

[23] Vgl. Public Eye, Schweiz https://www.publiceye.ch/de/themen/pestizide/hochgefaehrliche-pestizide

[24] Frans de Waal: Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können, 2022. S. 83

[25] Intersex. Geschlechtsanpassung zum Wohl des Kindes? Michael Groneberg/Kathrin Zehnder (Hrsg.), 2008

[26] Die Vereinigung InterAction (Intergeschlechtliche Menschen Schweiz) fordert ein Verbot von «nicht verhältnismässigen medizinischen Eingriffen an intergeschlechtlichen Kindern», vgl. Website InterAction Schweiz, eingesehen im Juli 2024.

[27] Stellungnahme der SAMW und der Akademien: Änderung des Geschlechts im Personenstandsregister, 16.08.2018

[28] https://de.wikipedia.org/wiki/Evelyn_Hooker, eingesehen im Juli 2024.

[29] Susanne Schröter: FeMale. Über Grenzverläufe zwischen den Geschlechtern, 2002, S. 215.

[30] Heide Göttner-Abendroth am Thementag «Männerrollen jenseits des Patriarchats» vom 6.4.2024 in Zürich, vgl. https://www.matriarchiv.ch/fruehere-veranstaltungen/

[31] In diesem Punkt stimme ich mit Martha Nussbaum überein, die konstatiert, dass Butlers theoretisches Werk ausgesprochen dünn und widersprüchlich sei sowie keine Befreiung aus den gesellschaftlichen Verhältnissen ermögliche, sondern vielmehr defätistisch sei, vgl. The Professor of Parody. The hip defeatism of Judith Butler, in The New Republic, February 1999

[32] Veronika Bennholdt-Thomsen (Hg.): Juchitán – Stadt der Frauen, 1994, S. 192ff.

[33] «Reproduktion jenseits normativer Vorstellungen», Taleo Stüwe in Gen-ethischer Informationsdienst GID Nr. 256/2021, S. 6-8

[34] https://www.uni-due.de/genderportal/forschung.shtml

[35] Vgl. Stellungnahme Nr. 36/2020 der Nationalen Ethikkommission im Bereich Humanmedizin zur amtlichen Registrierung des Geschlechts, S. 7 https://www.nek-cne.admin.ch/de/nek-cne-startseite

[36] Zeitung «DER BUND», 28.10.2021, S. 8

[37] Sehr kritisch äusserte sich Martha Nussbaum zu den unklaren Formulierungen Butlers (und anderen TheoretikerInnen) in ihrem Artikel „The Professor of Parody“, The New Republic (1999). Dort steht wörtlich: „In this way obscurity creates an aura of importance. It also serves another related purpose. It bullies the reader into granting that, since one cannot figure out what is going on, there must be something significant going on (..)“

[38] Bernd Stegemann: Die Öffentlichkeit und ihre Feinde, 2021

[39] Zeitschrift EMMA Nr. 4/Juli, August 2021

[40] Kathleen Stock schrieb das Buch «Material Girls». Sie argumentiert, dass die Behauptung, Transfrauen seien Frauen, eine Fiktion darstelle.

[41] Eva Menasse: Alles und nichts sagen. 2023

[42] Ute Gahlings plädiert dafür, « (…) die Verschränkung von Leib und Diskurs sowie die leibliche Selbsterfahrung von Frauen neu aufzugreifen.» Ute Gahlings: Selbstkultivierung in den Geschlechterverhältnissen, S. 189. In: 3. Jahrbuch für Lebensphilosophie, Hg. Gahlings/Croome/Kozljanic, 2007

[43] In Brasilien werden pro Tag drei Frauen getötet, alle 8 Min. wird eine Frau vergewaltigt. WochenZeitung vom 5.8.2021. In der Schweiz waren in den letzten Jahren 75% der ermordeten Frauen Opfer von «häuslicher Gewalt», 2x pro Tag geschieht eine Vergewaltigung, Tagesschau SRF, 17.10.2021

[44] Marcel Hänggi: Cui bono – Wer bestimmt, was geforscht wird? 2013

[45] Vgl. Martina Meier: «Das Technopatriarchat braucht uns – aber es bekommt uns nicht» in EMANZIPATION, Oktober und November 1988; sowie Martina Meier: «Zur Verantwortung der NaturwissenschaftlerInnen in Spätkapitalismus und Patriarchat», in: Im Widerstreit mit der Objektivität, eFeF, 1991

[46] Unter Transhumanismus werden Denkrichtungen verstanden, die das «traditionelle» Subjekt der Philosophie, den Menschen, überwinden wollen. Feministinnen wie Donna Haraway plädieren dafür, alle Grenzen einzureissen, auch diejenigen zwischen Menschen und Maschinen.

[47] Es gab jedoch stets wichtige Ausnahmen, z. B. Barbara Holland-Cunz, Professorin für Politikwissenschaften und bis 2017 Leiterin der Arbeitsstelle Gender Studies an der Justus-Liebig-Universität Giessen. Sie entlarvte so manche Mode postmoderner Theoriebildung, vgl. B. Holland-Cunz: Die Natur der Neuzeit (2014)

[48] «Reden wir besser von Geschlecht, nämlich von Frauen und Männern, statt von Gender», Veronika Bennholdt-Thomsen in der Zeitschrift «Kultur und Politik» Nr. 3/2018

[49] Vera Regitz-Zagrosek im Interview mit Ayse Turcan, WochenZeitung, 10.06.2021. Die Kardiologin Regitz-Zagrosek erhielt am 30.04.2022 die Ehrendoktorwürde der Universität Zürich für ihre Pionierarbeit in Sachen Gendermedizin.

[50] Der Primatenforscher de Waal testete bei Schimpansen und Bonobos, ob eine Verkleidung bewirken konnte, dass Männer als Frauen eingeschätzt wurden oder umgekehrt. Dies war nicht der Fall. Stets erkannten die Primaten das biologische Geschlecht anhand der Bewegungen, vgl. Frans de Waal, Der Unterschied, Was wir von Primaten über Gender lernen können, 2022.

[51] Kathleen Stock legt dieses Argument ausführlich dar im Buch Material Girls. Warum die Wirklichkeit für den Feminismus unerlässlich ist, 2022.

[52] Judith Butler: Das Unbehagen der Geschlechter, 1991

[53] Herta Nagl-Docekal, Feministische Philosophie, 1999/2000, unveränderte Neuauflage 2016

[54] Andrea Maihofer, Geschlecht als Existenzweise, 1995, S. 74

[55] Andrea Maihofer: Geschlecht als Existenzweise, 1995, S. 69

[56] Carola Meier-Seethaler in: Praxis der Psychotherapie und Psychosomatik (1990), 35: 130-139: Abschied von den Polaritäts-Spekulationen in der Geschlechterpsychologie. Sowie: Carola Meier-Seethaler, Ursprünge und Befreiungen, eine dissidente Kulturtheorie, 1988, S. 363

[57] Ich denke hier z.B. an Veronika Bennholdt-Thomsen, die untersucht hat, was weshalb ökonomisch zählt oder nicht zählt.

[58] Jaques Derrida, zitiert nach Iris M. Young, Justice and the Politics of Difference, 1990.

[59] «Wem gehört der Feminismus?» NZZ am Sonntag, 26.3.2023. Auf der SP-Frauen-Versammlung zur Vorbereitung des Frauenstreiks sprach Sofia Fisch vom langfristigen Ziel, die Geschlechter abzuschaffen.

[60] Herta Nagl-Docekal, Feministische Philosophie. Ergebnisse, Probleme, Perspektiven, 2016 (Reprint), S. 67.

[61] Donna Haraway wird als feministische Naturwissenschaftlerin stark überschätzt. Frans de Waal hat ihr 1989 erschienenes Buch ‘Primate Visions’ treffend kritisiert (vgl. Frans de Waal: Der Unterschied, S. 134ff).

[62] Ute Gahlings: Selbstkultivierung in den Geschlechterverhältnissen, in: 3. Jahrbuch für Lebensphilosophie, Hg. Gahlings/Croome/Kozljanic, 2007. Vgl. auch Ute Gahlings: Phänomenologie der weiblichen Lebenserfahrungen, 2006 sowie Barbara Duden: Die Frau ohne Unterleib: Zu Judith Butlers Entkörperung, Feministische Studien, 1993

[63] Brigitta Hauser-Schäublin (Hrsg.): Ethnologische Frauenforschung, 1991, S. 306

[64] Brigitta Hauser-Schäublin schreibt in einem Gastkommentar in der NZZ vom 6.1.2023: «Was die Europäer uns gebracht haben», so erklärte ein Indigener in Neukaledonien dem Missionar und Ethnologen Maurice Leenhardt in der ersten Hälfte des 20.Jahrhunderts, «ist der Körper.» Er meinte damit, dass die Europäer ein ganz anderes Körperbild einführten, als sie selbst besassen, denn sie verstanden sich als verleiblichte Menschen, eine unauftrennbare Einheit menschlichen Daseins. (…) Bei der identitären Suche nach dem «richtigen» Körper oder dem Anspruch, sowohl «männlich» wie auch «weiblich» zu empfinden, dient der Körper als Bühne der Selbstinszenierung, die Stereotypen einer gesellschaftlichen Binarität als Mittel zum Zweck einsetzt. Die Leiblichkeit wird Opfer der Manipulierbarkeit und Performativität des Körpers.»

[65] Beispiel: Radiomoderator David Karasek griff eine Politikerin an, die sich weigerte, die «inklusive Sprache» zu verwenden. Er warf ihr vor, sie würde queere Menschen ausschliessen. SRF 1, Das Tagesgespräch, 15.6.2023

[66] Ein solcher Vorschlag könnte zum Beispiel sein, dass im Personenstandsregister und im Pass zusätzlich zum Geschlechtereintrag eine Angabe «inter», «trans» oder «non-binär» gemacht wird.

[67] Dr. Sandra Hotz: Auf dem Weg zur Gleichstellung der Geschlechter? Schweiz. Juristen-Zeitung, 1.1. 2020

[68] Susanne Bertschi: Gleichstellungsrecht in Bewegung, AJZ Aktuelle Juristische Praxis, 3/2023

[69] Justitia-ruft.ch Darum geht’s https://justitia-ruft.ch/

[70] http://yogyakartaprinciples.org/wp-content/uploads/2016/10/German_Translation.pdf

[71] CEDAW, https://www.fedlex.admin.ch/eli/cc/1999/239/de 5.4.2023

[72] Kathleen Stock, Material Girls, 2021

[73] Alice Schwarzer, Chantal Louis: Transsexualität, 2022, S. 126,127.

[74] Martina Frei berichtete im INFOSPERBER vom 26.4.2024 darüber, dass sich Fachleute gegen die neuen Leitlinien für Heranwachsende mit Geschlechtsdysphorie wehren. Das affirmative Konzept wird auch in der Schweiz aktiv vertreten, vgl. Hannes Rudolph et al.: «Von der Psychopathologisierung zum affirmativen Umgang mit Geschlechtervielfalt», Swiss Medical Forum, 2023

[75] Kim de l’Horizon schrieb in seinem Offenen Brief an Bundesrat Maurer in der NZZ vom 19.10.2022, er werde wegen seines Körpers angegriffen. Das ist nicht richtig. Gewalt ist indiskutabel, auch Anfeindungen anderer Art sind es, aber es handelt sich hier nicht um eine Diskriminierung wegen Kims Körper! Es sind intolerante Reaktionen gegenüber Kims Lebensweise, gegenüber seinem Auftreten oder seinen Äusserungen!

[76] Die südafrikanische Läuferin Semenya wuchs als Mädchen auf, hatte keine sichtbaren männlichen Geschlechtsorgane und wusste bis zu ihrem ersten Olympiasieg nichts über ihre Intergeschlechtlichkeit. Ihr Chromosomensatz ist 46, XY und ihr Testosteronspiegel fast so hoch wie derjenige von Männern. https://de.wikipedia.org/wiki/Caster_Semenya 5.4.2023. Die medizinische Diagnose dieser Form der Intergeschlechtlichkeit oder DSD heisst 5α-Reduktase-2-Mangel und geht auf eine Genmutation zurück.

[77] Im Jahr 2007 liess der Bernische Schulbuchverlag ein neues Naturkunde-Lehrmittel erstellen. Eine evangelikale Mitarbeiterin der AG, die das Lehrmittel konzipierte, drückte ihre Ideologie durch. Der Kanton reagierte erst, als ein Mitglied des Autorenteams Alarm schlug und Fachleute forderten, das Lehrmittel sei zurückzuziehen. Vgl. Zeitung «DER BUND», 20.12.2007.

[78] Sabine Kuster: Viel mehr Geschlechtsanpassungen – auch bei Minderjährigen, Basler Zeitung, 21.3.2023

[79] «Lebenslange Eingriffe- Eltern verlangen Stopp von Behandlungsleitlinie für Trans-Kinder», Anna Kröning in DIE WELT, 15.4.2024

[80] «Der britische Gesundheitsdienst schliesst eine umstrittene Genderklinik für Minderjährige», NZZ, 29.7.2022

[81] Kajsa E. Ekman: «On the meaning of sex», zitiert nach „Das ganz grosse Geschäft der Pharmabranche“, EMMA Nr. 5/2023, S. 30-33.

[82] Beispiele für nicht-patriarchale, weitgehend egalitäre Gesellschaften: Mosuo, Minankabau, Khond

Martina C. Meier

KASTEN 1: Gameten, Neukombination von Erbgut und biologisches Geschlecht

Ungeschlechtliche Fortpflanzung

Es gibt Lebewesen, die bilden keine Geschlechter aus. Alle Angehörigen der Art sehen gleich aus und besitzen die gleiche Art von Zellen. Es ist nicht nötig, Gameten (= Geschlechtszellen) herzustellen. Es genügt, eigene Zellen zu kopieren und in die Umwelt zu entlassen, oder Teile des eigenen Körpers abzuschnüren. Die Nachkommen besitzen die gleiche Erbinformation wie das elterliche Lebewesen. Ungeschlechtliche Fortpflanzung hat den Vorteil, dass sie schnell geht und mit wenig Energieaufwand verbunden ist. Allerdings kennen die meisten Arten, die sich ungeschlechtlich vermehren, auch noch die geschlechtliche Fortpflanzung. Hier ein Beispiel für eine Art, die sich im Lebensraum Mitteleuropa nur ungeschlechtlich fortpflanzt: Kanadische Wasserpest (Wasserpflanze).

Geschlechtliche Fortpflanzung

Die meisten Lebewesen kennen die geschlechtliche Fortpflanzung. Dazu ist es nötig, Gameten auszubilden, das sind Zellen, welche nur einen Teil des elterlichen Erbguts aufweisen (meist ist es genau die Hälfte), und die geeignet sind, mit einem anderen Gameten zu einer Zygote zu verschmelzen.

Die Neukombination von Erbgut bietet grössere Chancen der Anpassung an sich ständig ändernde Umweltbedingungen. Allerdings ist die geschlechtliche Fortpflanzung mit einem grösseren Energieaufwand verbunden als die ungeschlechtliche.

Im Pflanzenreich und auch bei Einzellern existiert das Phänomen, dass die Gameten zweier verschiedener Individuen äusserlich gleich aussehen (sogenannte Isogamie). Meistens werden jedoch zwei grundsätzlich unterschiedliche Gameten ausgebildet: Bei Tieren spricht man von Eizellen und Spermien, bei höheren Pflanzen von Eizellen und Pollenkörnern.

Weibchen, Männchen, Zwitter

Tiere, welche Spermien (kleine, bewegliche Gameten) herstellen, heissen Männchen, diejenigen, die Eizellen (cytoplasmareiche, unbewegliche Gameten) produzieren, nennt man Weibchen. Bei vielen Arten sind Männchen und Weibchen klar unterscheidbar. Die Männchen besitzen männliche Geschlechtsorgane (Hoden), die Weibchen weibliche Geschlechtsorgane (Eierstöcke). Die Ausbildung des Geschlechts kann genetisch, chromosomal und/oder physiologisch bestimmt sein. Es ist auch möglich, dass Umweltfaktoren die Ausbildung des Geschlechts bestimmen und dass ein Lebewesen im Laufe seiner Entwicklung das Geschlecht wechselt (je nach Umwelteinfluss). Zudem gibt es Arten, die zwittrig sind: Ein solcher Organismus besitzt sowohl weibliche als auch männliche Geschlechtsorgane.

Bei einigen Organismen gibt es noch ein weiteres Phänomen: Die Fortpflanzung ohne männlichen Beitrag, die Parthenogenese. Bei dieser Fortpflanzungsform können Eizellen z.B. die Chromosomenzahl verdoppeln und so wird aus einer Eizelle eine Zygote. Je nach Artengruppe ist die Parthenogenese anders organisiert. Von den vielen Mechanismen, die Parthenogenese erlauben oder induzieren, sind noch nicht alle bekannt.

Bei Schleimpilzen gibt es noch etwas Weiteres, nämlich das Phänomen, dass nicht bloss zwei, sondern viele unterschiedliche Gametensorten gebildet werden können. Es ergeben sich dann auch viel mehr Kombinationsmöglichkeiten. Allerdings kann man nicht davon sprechen, Schleimpilze existierten in vielen verschiedenen Geschlechtern. Es geht hier nur um die Bildung von unterschiedlichen Gameten.

Es ist wichtig, zwischen Gameten und Geschlechtern zu unterscheiden!

Ein Gamet ist kein eigenständiger Organismus, sondern eine einzelne Zelle, die nur dann weiterlebt, wenn sie mit einem passenden anderen Gameten zur Zygote fusioniert. Aus einer Zygote entwickelt sich dann der Embryo.

Ein vielzelliger Organismus, der Gameten herstellt, besitzt dagegen ein Geschlecht. Er ist entweder ein Weibchen, ein Männchen oder ein Zwitter.

Zweigeschlechtlichkeit

Biologische Geschlechter gibt es nach bisherigen Erkenntnissen nur zwei (immerhin sind über 1 Million Tiere und mehr als 400‘000 Pflanzenarten sowie Tausende von Pilzen genauer untersucht).

Ein drittes Geschlecht wurde bis heute bei keinem Lebewesen festgestellt.

KASTEN 2: Einblick in die Evolutionstheorie

Die natürliche Selektion

Darwin postulierte 1859 in seinem Werk „Die Entstehung der Arten“, dass die sogenannte „Selektion“ einen wichtigen Mechanismus der Evolution darstellt. Es geht dabei um die Frage, welche Individuen einer Art überleben und welche nicht. Wenn natürliche Faktoren (Umweltfaktoren) Individuen einen Nachteil verschaffen und diese deshalb weniger Nachkommen haben als besser angepasste Individuen derselben Art, spricht man von „natürlicher Selektion“. Die „natürliche Selektion“ wirkt auf beide Geschlechter gleich. So besitzen weibliche und männliche Beutetiere, deren Evolution durch einen bestimmten Beutegreifer geformt wurde, dieselbe gut ausgebildete Fähigkeit, rasch zu flüchten.

Die sexuelle Selektion

Weshalb sehen Weibchen und Männchen bei vielen Arten unterschiedlich aus? Darwin kam auf den Gedanken, dass es neben der „natürlichen Selektion“ zusätzlich eine „sexuelle Selektion“ geben müsse. Er stellte die Hypothese auf, dass weibliche Singvögel ihren Partner nach bestimmten Kriterien, z.B. Komplexität des Gesangs, auswählen. Männchen, deren gesangliche Fähigkeiten weniger ausgeprägt sind, werden seltener von Weibchen gewählt, sie haben weniger Nachkommen als solche mit besseren Gesangskünsten. Somit ist die Fähigkeit, komplex zu singen, ein Ergebnis der „sexuellen Selektion“. Bei vielen Vogelarten ist das Männchen besonders auffällig gefärbt, das Weibchen dagegen besitzt Tarngefieder und brütet das Gelege alleine aus. Auch bei diesen Arten, z.B. beim Pfau, postulierte Darwin die „Weibchenwahl“: Nur Hähne mit beeindruckender Schleppe (Schwanzfedern, die der Hahn zum Radschlagen einsetzt) werden regelmässig von Hennen gewählt. Zu Darwins Zeiten war diese Hypothese so revolutionär, dass niemand sich die Mühe machte, sie experimentell zu überprüfen. Auch Darwin selbst arbeitete zu dieser Frage nicht empirisch – aber heute sind die wissenschaftlichen Belege zu diesem Phänomen überwältigend: Sehr viele Unterschiede in Körperbau und Verhalten zwischen Männchen und Weibchen können inzwischen als Ergebnis der sexuellen Selektion erklärt werden. Dabei ist bemerkenswert, dass weder bei Säugetieren noch bei Vögeln „typisch weibliches“ oder „typisch männliches“ Verhalten gefunden werden kann. Das Verhalten der Geschlechter hängt davon ab, wer brütet, wer die Jungen füttert, wie die Umwelt beschaffen ist und bei welchem Energieaufwand im Lauf der Evolution welcher Fortpflanzungserfolg erzielt werden konnte.

Die evolutionäre Bedeutung der sexuellen Fortpflanzung

Darwin konnte seine Hypothese, dass die biologischen Geschlechter in ihrer Erscheinung und in ihrem Verhalten ein Resultat der Selektion seien, nur deshalb aufstellen, weil es ihm (und allen vor und zeitgleich neben ihm lebenden ForscherInnen) hinreichend gut gelang, zwischen männlichen und weiblichen Angehörigen einer biologischen Art zu unterscheiden. Bei einigen Arten ist dies leicht, da sie sich morphologisch und anatomisch gut unterscheiden lassen. Bei anderen Arten gestaltet sich die Unterscheidung schwieriger, z.T. auch deshalb, weil einige Arten im Lauf ihres Lebens das Geschlecht ändern können. Bei der Erforschung der biologischen Geschlechter fand man später, dass sie genetisch oder chromosomal oder physiologisch bestimmt sein können. Weiter entdeckte man, dass gewisse Pilze die Bildung von Fortpflanzungszellen anders angehen können: Es ist einigen Arten möglich, mehr als zwei unterschiedliche Gameten zu produzieren. In diesem Fall ist es nicht mehr sinnvoll, von „weiblichem“ und „männlichem“ Pilzkörper zu sprechen. Üblicherweise spricht man auch bei Bakterien, die „sexuelle Fortpflanzung“ kennen, nicht von Geschlechtern, sondern beschreibt einfach den Vorgang der Neukombination von Erbgut. Damit sind wir beim zentralen Punkt angelangt:

Im Lauf der Evolution entstand das Phänomen der biologischen Geschlechter, um die Neukombination von Erbgut zu ermöglichen. Sehr viele Tiere können sich ausschliesslich sexuell fortpflanzen, das heisst, es muss zur Verschmelzung von Eizelle und Spermium kommen. Nur ein Individuum mit einer neuen Kombination von Erbgut ist entwicklungsfähig.

Dieser Sachverhalt ist nur dadurch erklärbar, dass die Vorteile der Neukombination von Erbgut die Kosten für die Herausbildung zweier Geschlechter (und das aufwendige Zueinanderfinden der Geschlechter) aufwogen. In der Evolutionsforschung kennt man einige Tiere, die – je nach Beschaffenheit ihrer Umwelt – die aufwendigere sexuelle Fortpflanzung oder die asexuelle Vermehrung praktizieren. Bei solchen Arten kann man die Faktoren erforschen, die die sexuelle Fortpflanzung lohnend machen. Nach bisherigen Erkenntnissen sind dies: Erhöhte Widerstandskraft gegen Krankheiten und grössere Bandbreite der Anpassungsfähigkeit. Also lohnt sich die sexuelle Fortpflanzung dann, wenn sich die Umgebung schnell ändert oder aber, wenn ein hoher Selektionsdruck durch Krankheitserreger oder Parasiten herrscht.

KASTEN 3: Die wichtigsten Mechanismen der sexuellen Selektion

  • Männchen kämpfen untereinander um die Gunst der Weibchen bzw. um die Chance, sich paaren zu können. Dabei werden diejenigen Individuen ausgelesen, die sich im innermännlichen Konkurrenzkampf behaupten können. Beispiel: Gorillamännchen sind extrem kräftig und deutlich grösser als Weibchen, denn der innermännliche Konkurrenzkampf wird physisch ausgetragen.
  • Weibchen kämpfen untereinander um die Gunst der Männchen. Dabei werden diejenigen Weibchen ausgelesen, die sich im innerweiblichen Konkurrenzkampf behaupten. Beispiel: Rotstirn-Blatthühnchen sind kräftiger und angriffslustiger als Männchen, denn nur die kräftigsten können ein grosses Revier gegen andere Weibchen verteidigen und sich mit mehreren Männchen verpaaren, die dann die Eier ausbrüten und die Jungvögel aufziehen.
  • Männchen und Weibchen sind gleich kräftig, sehen gleich aus und verhalten sich praktisch gleich (es gibt also keinen Geschlechtsdimorphismus): Dies ist dann der Fall, wenn beide Geschlechter gleich viel beitragen zum Fortpflanzungserfolg bzw. zur Brutpflege und sich diejenigen durchsetzen, welche am besten mit dem anderen Geschlecht harmonieren. Beispiel: Haubentaucher.
  • Wahl des Geschlechtspartners durch das Weibchen: Diejenigen Männchen, die von Weibchen aufgrund ihres Aussehens oder ihres Verhaltens am häufigsten gewählt werden, setzen sich durch. Beispiel: Pfau.
  • Wahl des Geschlechtspartners durch das Männchen: Diejenigen Weibchen, die aufgrund ihres Aussehens oder ihres Verhaltens am meisten gewählt werden, setzen sich durch: Beispiel: Odinshühnchen.

KASTEN 4: Sozial- und Fortpflanzungssysteme bei Säugetieren

Eurasischer Luchs (Lynx lynx)

Beide Geschlechter leben in Revieren, die sie gegen Tiere des gleichen Geschlechts verteidigen. Das Territorium des Männchens (Kuder) ist etwas grösser als dasjenige des Weibchens. Beide Geschlechter leben einzeln (solitär) und jagen Rehe und Gämsen. Im Februar macht sich der Kuder auf, um paarungsbereite Weibchen zu suchen. Er macht entsprechende Geruchsmarkierungen und gibt charakteristische Rufe von sich. Weibchen, die sich paaren wollen, bleiben ca. eine Woche mit dem Männchen zusammen. Der Kuder zieht weiter. Die Luchsin bringt 3-4 Kätzchen zur Welt und ist für deren Schutz und deren Aufzucht alleine verantwortlich: Sie hat einen sehr grossen Energieaufwand für die Produktion von Milch und für die Ernährung und Führung der Jungen, bis diese 1 Jahr alt sind. Durchschnittlich sind weibliche Luchse erfolgreicher bei der Jagd als männliche, denn Luchsinnen können sich Energieverschwendung nicht leisten. Ihr Körper ist kleiner und weniger aufwendig gebaut, und sie verteidigen ein kleineres Territorium. All dies wird als Anpassung an die Situation, dass der Kuder sich nicht an der Aufzucht der Jungen beteiligt, gesehen.

Wolf (Canis lupus):

Wölfe jagen in Rudeln und können daher grössere Beute machen als Luchse. Wölfe verteidigen kein Einzel- sondern ein Rudelterritorium. Die Geschlechterrollen sind anders ausgeprägt als beim Luchs: Beide Geschlechter beteiligen sich an der Aufzucht der Jungen, der Vater bringt Beute zum Bau, alle Rudelmitglieder betreuen die Welpen und würgen Fleisch aus, um sie zu füttern. Weibliche und männliche Wölfe weisen sehr geringe Geschlechterunterschiede in Aussehen und Verhalten auf. Diese Situation kommt daher, dass Wölfe eine andere Ökonische bewohnen als Luchse. Nur Rudel waren erfolgreich. Und Rudel bilden geht nur, wenn beide Geschlechter ähnlich sind und zusammen Beute machen können. Erfolgreich im Sinne der Evolution waren wohl nur Vater- und Muttertiere, die gut harmonierten und ein – durch Hormone gesteuertes – ausgeprägtes Brutpflegeverhalten zeigten.

Tüpfelhyäne (Crocuta crocuta):

Hyänen bilden sehr grosse Gruppen. Sie sind Jäger mit extrem kräftigem Gebiss in einem Lebensraum, in dem harte Konkurrenz um Nahrung durch andere Raubtiere und Aasfresser herrscht. Die weiblichen Hyänen verhalten sich aggressiver als die männlichen und dominieren über diese. Der Anteil des Testosterons ist in weiblichen Hyänen so hoch, dass ihr Körperbau dadurch verändert ist: Sie besitzen eine verlängerte Klitoris und die Harnröhre ist mit dem Geburtskanal verwachsen. Dieser veränderte Körperbau erschwert sowohl die Begattung als auch die Geburt der Welpen. Offenbar war der Vorteil eines hohen Testosteronspiegels mit dem damit verbundenen kräftigen Körperbau und der Fähigkeit zu aggressivem Verhalten gerade auch für weibliche Hyänen grösser als der Nachteil der schweren Geburt (mit vergleichsweise vielen Totgeburten). Dies muss mit dem Lebensraum bzw. mit dem Verhalten der konkurrierenden Raubtiere zusammenhängen.

KASTEN 5: Einige Sozialsysteme mit unterschiedlichen Geschlechterrollen bei Primaten

Gewöhnliche Schimpansen (Pan troglodytes)

Gemischtgeschlechtlicher Sozialverband mit Promiskuität. Männliche Tiere dominieren über weibliche.

Weibliche und männliche Tiere bilden zusammen eine Horde, die ein Streifgebiet bewohnt. Es gibt nur unklar definierte Grenzen des Territoriums. Fortpflanzung kann in jeder Jahreszeit stattfinden. Jedes Weibchen, das in den Östrus kommt, wird von jedem Männchen umworben und potentiell gedeckt (= promiskes System). Ernährung und Aufzucht des Jungtiers erfolgt fast ausschliesslich durch die Mutter. Dominante Tiere haben einen höheren Fortpflanzungserfolg als rangniedere Tiere.

Sowohl innerhalb des eigenen Geschlechts als auch innerhalb der Gesamthorde wird eine Rangordnung erstellt. Männliche Tiere dominieren über Weibchen. Der Rang der Mutter ist entscheidend für den Rang des Jungtiers und damit für seinen späteren Status. Jungtiere weiblichen Geschlechts müssen abwandern. Männliche Jungtiere versuchen, in der angestammten Horde im Rang aufzusteigen.

Weibliche Tiere, die ein Kind haben, sind bei der Nahrungssuche benachteiligt, da sie langsamer vorankommen. Die Nahrung ist zerstreut vorhanden, oft auf Bäumen und nicht so üppig, dass sich das Bilden von Gruppen zur Nahrungssuche sehr lohnen würde. Deshalb ist Solidarität unter weiblichen Tieren bzw. gemeinsames Verteidigen weiblicher Interessen selten möglich. Allianzen unter männlichen Tieren sind dagegen sehr ausgeprägt. Sex steht praktisch immer im Zusammenhang mit dem Versuch zur Fortpflanzung. Dominante Männchen haben viel mehr Sex als rangniedere. Beide Geschlechter zeigen oft aggressive Verhaltensweisen.

Zwergschimpansen = Bonobos (Pan paniscus)

Gemischtgeschlechtlicher Sozialverband mit Promiskuität. Weibliche Tiere dominieren über männliche.

Bei den Bonobos ist die Sozialordnung ähnlich, aber die weiblichen Tiere haben weniger Stress aufgrund geringerer Nahrungskonkurrenz in ihrem Lebensraum. So können es sich weibliche Tiere leisten, miteinander auf Nahrungssuche zu gehen, relativ langsam voranzukommen und dennoch nicht im Nachteil zu sein gegenüber den Männchen, die keine Kinder herumtragen müssen. Im Lauf der Evolution hatten diejenigen Weibchen den grössten Fortpflanzungserfolg, die untereinander Allianzen bilden und über Männchen dominieren konnten. Bei den Männchen waren diejenigen am erfolgreichsten, die sich der Weibchengruppe anpassen konnten. Die Körpergrösse und die Körperkraft waren weniger wichtig – so wurde der Geschlechtsdimorphismus im Lauf der Evolution kleiner. Bonobos gelten als sehr friedlich, z.B. werden Konflikte durch sexuelle Handlungen entspannt, nicht durch aggressive Verhaltensweisen. Beim Sex, der nicht der Fortpflanzung dient, und das sind mehr als die Hälfte aller sexuellen Begegnungen, kommen alle Kombinationen vor: Frau mit Frau, Frau mit Mann und Mann mit Mann.

Flachlandgorilla (Gorilla gorilla)

Sozial- und Fortpflanzungssystem: Polygynie («Harem»)

Ein geschlechtsreifes Männchen lebt mit vielen Weibchen zusammen in einer festen Gruppe. Das männliche Tier ist aufgrund der sexuellen Selektion viel grösser als das Weibchen. Die grössten und kräftigsten Männchen setzten sich im Lauf der Evolution in Rivalenkämpfen durch. Zusätzlich spielt eine Rolle, dass Weibchen nur grosse, relativ alte Männchen zur Paarung auswählen.

Das polygyne System der Gorillas zeichnet sich dadurch aus, dass die Weibchen sich intern organisieren und jeweils die Initiative für die Paarung übernehmen, wenn sie im Östrus sind. Der Silberrücken übernimmt die Streitschlichtung zwischen den Weibchen und Jungtieren sowie die Verteidigung seines «Harems» gegen aussen. Dazu gehört auch die Abwehr von Konkurrenten oder Fressfeinden.

Krallenaffen (z.B. Weissbüscheläffchen, Lisztäffchen u. a.)

Sozial- und Fortpflanzungssystem: Polyandrie

Ein Weibchen lebt mit mehreren Männchen zusammen. Diese Männchen können miteinander verwandt sein oder auch nicht. Die Männchen übernehmen das Hüten der Jungtiere. Weil dadurch das Weibchen entlastet wird, kann es früher wieder schwanger werden. Eine polyandrische Einheit bildet mit anderen solchen Einheiten zusammen eine lose Gemeinschaft. Die Gruppengrösse richtet sich nach dem Nahrungsangebot und den Fressfeinden (gemeinsame Verteidigung). Die Kooperation erreicht ein hohes Niveau, die Aggressivität unter den Mitgliedern der Gemeinschaft ist gering.

KASTEN 6: Eigenschaften des Menschen als Resultat der Evolution

Biologischer Befund Vermutete Evolutionsfaktoren
Beim Menschen sind die anatomischen Unterschiede zwischen Mann und Frau sehr klein. Weder Männer noch Frauen besitzen Eckzähne, die bei einem Konkurrenzkampf nützlich sein könnten. Die Unterschiede in der Muskulatur sind sehr viel kleiner als beim Gewöhnlichen Schimpansen oder beim Bonobo.

Frauen und Männer haben ausgeprägte sekundäre Geschlechtsmerkmale und wählen ihre/n Partner/in u.a. aufgrund dieser visuellen Signale.

Frauen können während des Eisprungs Duftstoffe sehr genau wahrnehmen und scheinen – ihrem Zyklus entsprechend – einen männlichen Partner nach dessen Geruch zu wählen oder abzulehnen. Für Männer ist nichts Analoges bekannt.

Der innermännliche Konkurrenzkampf fand nicht in Form von körperlichen Auseinandersetzungen statt. Frauen haben Männer nach Ähnlichkeit und vermutlich nach der Qualität des kooperativen Verhaltens gewählt, bestimmt nicht in erster Linie nach körperlicher Kraft.

Männer haben vermutlich andere Formen der innermännlichen „Konkurrenzkämpfe“ als direkte körperliche Auseinandersetzungen gefunden. So könnten auch Leistungen im Bereich des Nahrungserwerbs oder Pflege des Nachwuchses die Partnerinnen überzeugt haben.

Man vermutet, dass Männer und Frauen sich gegenseitig wählen, dass der Beitrag der Frau zur Auswahl jedoch wichtiger ist.

Frauen mit feiner Nase müssen einen grösseren Erfolg in der Nachkommenschaft gehabt haben. Vielleicht haben Frauen mit Hilfe ihres Geruchsinns dafür gesorgt, dass ihre Nachkommen die genetische Basis für ein optimales Immunsystem erhielten.

Weil menschliche Frauen (wie andere weibliche Säugetiere auch) eine grössere Investition in den Nachwuchs leisten, ist es einleuchtend, dass sie wählerischer sind.

Menschliche Männer verfügen über relativ grosse Hoden mit einer ständig vorhandenen sehr grossen Zahl von Spermien. Der Penis ist grösser als bei anderen Primaten. Wie bei Bonobos und Schimpansen ist die grosse Spermienzahl ein Hinweis auf die Evolution eines promisken Fortpflanzungssystems: Männer, die pro Ejakulat viele befruchtungsfähige Spermien übergeben können, haben mehr Nachkommen bzw. ihre Spermien können allfällig vorhandene Spermien eines Rivalen im Geschlechtstrakt der Partnerin konkurrenzieren.
Beim Menschen dauert der Geschlechtsakt länger als bei Bonobos und Schimpansen. Menschen kennen das Phänomen der starken Bindung nach vollzogenem Geschlechtsakt.

Bei Menschen ist Sex wie bei den Bonobos ein Mittel zur Pflege der Beziehungen und dient nicht nur der Fortpflanzung.

Weiter ist beim Menschen Homo- und Bisexualität relativ häufig, was wiederum eine Verwandtschaft mit Bonobos aufzuzeigen scheint.

Nicht alle Säugetiere kennen das Phänomen des Orgasmus. Möglicherweise ist die Ausbildung eines grossen Penis im Zusammenhang mit der Orgasmusfähigkeit von Frau und Mann zu sehen. Wenn beide Geschlechter in ähnlicher Weise eine befriedigende Sexualität erleben, kann dies die gegenseitige Bindung verstärken, umso mehr, wenn dabei entsprechende Hormone ausgeschüttet werden. Vermutlich führte diese Bindungsfähigkeit dazu, dass Mann und Frau über längere Zeit zusammenblieben als dies bei Bonobos und Schimpansen der Fall ist. Es scheint also eine Evolution in Richtung zeitlich begrenzter Monogamie in Gang gekommen zu sein. Alle monogamen Arten bei Säugetieren haben – meist hormonell bedingt – eine ausgeprägtere Bindungsfähigkeit als nicht monogam lebende Arten.
Menschen leben in gemischtgeschlechtlichen Gruppen und kennen sehr viele nonverbale Kommunikationssignale, deren Verständnis und Anwendung angeboren ist. Die meisten dieser Signale bestehen aus Körpersprache. Sehr viele haben mit Versöhnung nach Konflikten zu tun (genau wie bei den Bonobos). Die Fähigkeit zu ausgeprägter Kooperation  – sowohl innerhalb des gleichen Geschlechts als auch über die Geschlechtergrenzen hinweg – muss den frühen Menschen das Überleben in ihrer damaligen Ökonische erleichtert haben. Die Forschung vermutet, dass diese Kooperationsbereitschaft die Voraussetzung dafür war, dass sich Menschen unterschiedlicher Kulturen gut verständigen konnten und nicht notwendigerweise gewaltsame Auseinandersetzungen stattfanden.

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.