Als ich Anfang der 1980er Jahre in einer Friedensgruppe vorschlug, feministische Texte zu lesen, wurde ich gefragt: Was hat denn unser Engagement für den Frieden mit Feminismus zu tun? Wollen wir uns nicht lieber weiter mit Geschichte und mit Philosophie beschäftigen? Genügt es nicht, dass wir auch ökologische und menschenrechtliche Fragen in unser Engagement aufgenommen haben? Weshalb sollten wir uns mit Feminismus befassen?
Selbstbewusst verkündete ich damals: Es bildet eben die Klammer – alle unsere Themen können unter «Feminismus» eingeordnet werden… Meine männlichen Genossen von damals schüttelten den Kopf; das leuchtete ihnen gar nicht ein. Denn alle Kulturtheorien, von denen sie je gehört hatten, stellten stets «den Menschen» ins Zentrum. Die Tatsache, dass Menschen in zwei Geschlechtern existieren, wurde offenbar komplett übersehen.
Was ich als junge Studentin kühn behauptete, liess mich nicht mehr los. Ich wollte alle Zusammenhänge verstehen lernen. Im Lauf der letzten 40 Jahre sind zahlreiche Untersuchungen veröffentlicht worden, die belegen, dass Krieg, Naturzerstörung und Kapitalismus sehr deutlich mit Geschlechterfragen zusammenhängen. Wie andere Feministinnen auch, sehe ich die Entrechtung der Mütter und die Gewalt an Frauen als den Beginn einer verhängnisvollen Entwicklung an, die heute – abgesehen von wenigen Ausnahmen – alle Völker der Welt erfasst hat.[1] Wie diese Entwicklung in den einzelnen Kontinenten und Regionen genau verlief, ist immer noch Gegenstand der Forschung. Sicher ist nur, dass es mehrere Formen von Patriarchaten gibt, dass also das europäische kapitalistische Patriarchat nicht die einzige Form von Männerherrschaft darstellt.
Feminismus ist, wie Agnes Imhof treffend feststellt, die älteste Befreiungs- und Menschenrechtsbewegung der Welt.[2] Allerdings ist festzuhalten, dass die heutige Vorstellung von «Rechten» im juristischen Sinn erst im Lauf der Geschichte des Patriarchats entstanden ist und diese nicht unbedingt den Vorstellungen von Menschenwürde und Daseinsphilosophie der Völker vor der Gründung von «Staaten» entsprach. Ich gehe jedoch in Übereinstimmung mit zahlreichen Denkerinnen und Denkern[3] davon aus, dass in allen Epochen und in allen menschlichen Gemeinschaften eine Vorstellung von Menschenwürde existierte. In vorpatriarchalen Zeiten umfasste die Würde der Menschen auch alles im Zusammenhang mit Sexualität und Fortpflanzung – es gab keine systematische Unterdrückung dieser Lebenskräfte, sondern höchstens unterschiedliche Interessen der beiden Geschlechter in Bezug auf die Reproduktion[4].
Frauen waren die ersten, denen im Lauf der Menschheitsgeschichte ihre Selbstbestimmung genommen wurde – nämlich durch Männer, die Gewalt gegen Frauen anwandten. Nicht im Affekt, sondern geplant und systematisch. Wie die Umstände der ersten Gewalttaten gegen Frauen waren und wie ihre Systematisierung erfolgte, muss durch geeignete Forschung noch geklärt werden. Unbestritten ist jedoch, dass es zwischen der systematischen Verletzung von Frauenrechten und anderen Formen von Gewalt und systematischer Unterdrückung Zusammenhänge gibt.
Die seit über 4000 Jahren immer wiederkehrenden Kriege, die heutigen hierarchischen Staatsformen, die rücksichtslose Ausbeutung der Natur und die Organisation der Wirtschaft als Wettbewerb haben ihren Ursprung höchstwahrscheinlich in der Geschlechterfrage. Nach Carola Meier-Seethaler sind Mord, Raub und Vergewaltigung Basismotive patriarchaler Mythologie[5]. Wollen wir verstehen, woher die gewalttätigen Strukturen und die Herrschaftsideologien kommen, müssen wir uns der Aufarbeitung der ganzen Menschheitsgeschichte widmen.
Die neueste Literatur von Seiten der Biologie, der Geschichte und der Archäologie ist durchaus ermutigend. Carel van Schaik, Harald Meller und Kai Michel stellen zum Beispiel fest, dass wir Menschen ca. 99% der Zeit, in der wir als Spezies bereits auf diesem Planeten existieren, ohne Kriege lebten[6]. Nach übereinstimmender Meinung der Fachleute aus den empirischen Wissenschaften sind Männer die Hauptakteure beim Töten und Kriege führen. Diese Erkenntnisse, die Feministinnen schon seit Jahrzehnten als wichtig erachteten, werden leider erst jetzt, wo auch Männer das Thema entdeckt haben, in die Diskussion einbezogen.
Betrachten wir die Literatur aus Philosophie, Biologie und Psychologie bis ca. 1960, so sehen wir, dass die Geschlechterfrage für Grundfragen der Menschheitsentwicklung damals praktisch keine Rolle spielte. Nicht einmal die Medizin nahm die Geschlechterunterschiede ernst! Und in keiner der gängigen Kulturtheorien wird die Geschlechterfrage ins Zentrum oder wenigstens an den Anfang gestellt. Sie wird allerhöchstens zusätzlich angesprochen – und dies auch nur, weil seit Hunderten von Jahren Frauen dafür kämpfen, dass die sogenannte Frauenfrage endlich wahrgenommen wird.
In meinen Beiträgen versuche ich stets, die Geschlechterfrage einzubeziehen. Alle Texte, auch die zu Gewaltlosigkeit und Nachhaltigkeit, sind in diesem Sinne feministisch geprägt. Wie das im Einzelnen aussieht, geht aus den jeweiligen Texten und den dazugehörigen Anmerkungen hervor.
[1] Nur wenige Volksgruppen, die weder unterworfen wurden noch mit kapitalistischer Wirtschaft in Berührung kamen, sind von diesen Entwicklungen verschont geblieben.
[2] Imhof, Agnes (2024): Feminismus. Die älteste Menschenrechtsbewegung der Welt. Von den Anfängen bis heute
[3] Ich möchte hier besonders verweisen auf: Margalit, Avishai (2012): Politik der Würde.
[4] Als Biologin ist es für mich naheliegend, die Menschheitsgeschichte mit unserem evolutionären Erbe zu beginnen. Vgl. auch meine Artikel über Zivilisationskritik und Evolution.
[5] Carola Meier-Seethaler (1988/2011): Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie
[6] Harald Meller, Kai Michel, Carel van Schaik (2024): Evolution der Gewalt. Warum wir Frieden wollen, aber Kriege führen.
Martina C. Meier