Versuch einer feministischen Kritik.

Publiziert in: Im Widerstreit mit der Objektivität. Frauen in den Naturwissenschaften, Hrsg. Verein feministische Wissenschaft, eFeF-Verlag, Zürich, 1991, S. 85-94.

Meine Entscheidung, zum Thema „feministische Naturwissenschaft“ einen Beitrag zu leisten, hat mit zwei Tatsachen in meinem Leben zu tun. Erstens mit meinem Unbehagen während meiner naturwissenschaftlichen Ausbildung und zweitens mit meinem Engagement in oppositionellen Bewegungen. Im Studium ebenso wie in der Politik waren die folgenden, stets miteinander verknüpften Fragen für mich zentral:

  1. Wie muss ich/müssen wir handeln, damit die sicht- und fühlbare Zerstörung dieses Planeten aufhört?
  2. Wie muss ich handeln, dass ich meine Idee des Lebendigen und zugleich meine eigene Lebendigkeit entdecken, fördern und verteidigen kann?

Niemals zweifelte ich daran, dass es ein Leben gibt jenseits patriarchaler Wertvorstellungen, kannte ich doch – wenigstens von Augenblicken her – das Erlebnis der gleichberechtigten Begegnung mit anderen Lebewesen, das heisst, das Glück, sich ohne Ausbeutung und Unterdrückung bestätigt und ganz zu fühlen. Niemals konnte ich die Haltung vieler Genossinnen und Genossen akzeptieren, die für den drohenden Ökokollaps, für die zerstörerische Technik und die ganze kapitalistische Misere die „Natur des Menschen“ oder „den Egoismus von uns Menschen“ verantwortlich machten. Ich weigerte mich stets, diesen Sprüchen, die ich als zynisch oder feige empfand, zuzustimmen.

Trotzig beharrte ich auf der Erfahrung meines kleinen Lebens: dass Menschen auch anders sein können. Ich machte mich auf die Suche nach den Ursachen, weshalb ich die naturwissenschaftliche Tätigkeit und auch viele Aspekte der konventionellen Politik als meinen Wertvorstellungen diametral entgegengesetzt erlebte. Was ich bei den feministischen Autorinnen über die Zusammenhänge zwischen patriarchaler Kultur, Naturwissenschaft, Kapitalismus und moderner Zivilisation lernte, bestätigte mein Gefühl: Dieser ganze Irrsinn hat psychologische und historische Wurzeln, er ist keineswegs das Resultat der „menschlichen Natur“. Wenn aber die Misere so eindeutig männer- bzw. menschengemacht ist, muss sie durch Menschen auch wieder aufgelöst werden können. Es muss möglich sein, dass Menschen sich vom patriarchalen Wahn befreien, ihn bekämpfen und eine neue Realität schaffen.

Was heisst das nun konkret, den patriarchalen Irrsinn bekämpfen? Was heisst das insbesondere für NaturwissenschaftlerInnen, die sich ja inmitten des Wahnsystems befinden?

Ich umreisse im Folgenden die Wertvorstellungen der Naturwissenschaften und ihre Zusammenhänge mit der Weltwirtschaft. Gleichzeitig versuche ich anzudeuten, welche feministischen Wertvorstellungen und – damit verbunden – welches politische und persönliche Handeln wir dagegen setzen können. Ich fasse meine Gedanken dabei in drei Thesen:

  1. These

Wie Evelyn Fox Keller1 brilliant gezeigt hat, ist die „intellektuelle Neugierde“ des Naturwissenschaftlers im Wesentlichen eine emotionale Bestätigung seiner falsch verstandenen Männlichkeit. Durch die Abspaltung des männlich gedachten Subjekts vom weiblich gedachten (und beherrschten, leidenden, passiven) Objekt schafft sich der Wissenschaftler eine Scheinwelt, in der er sich stets als unabhängiges, unangreifbares, autonomes Wesen fühlen kann. Es gibt also keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, die wertfrei ist oder gar objektiv: Bei der naturwissenschaftlichen Tätigkeit geht in der Regel (die Ausnahmen wären noch zu benennen!) das Mitgefühl und die menschliche Dimension verloren: Die scheinbare Unabhängigkeit der NaturwissenschaftlerInnen geht auf Kosten anderer Lebewesen, sie ist prinzipiell mit Unterdrückung erkauft. Nur wenn dieser Zusammenhang emotional und moralisch als unhaltbar empfunden wird, gibt es eine Befreiung vom Korsett des naturwissenschaftlichen Dogmas. Die feministische Ethik verlangt eine Überwindung des patriarchalen Werts „Autonomie und intellektuelle Selbstbestätigung um jeden Preis“ und eine Einbettung jeder geistigen Tätigkeit in menschliche Ziele, also eine Überwindung der heute üblichen Forschungsfreiheit. Aufgrund ihrer sehr unterschiedlichen Sozialisation und der eindeutigen Vorherrschaft der Männer bedeutet die feministische Ethik im Alltag für Männer nicht dasselbe wie für Frauen.

Hier mein Aufruf an die männlichen Naturwissenschaftler: Männer, steigt aus den Naturwissenschaften aus. Seid stolz, dass ihr diese Art der Selbstbestätigung auf Kosten anderer nicht mehr braucht, und wendet euch den konkreten Lebensfragen zu. Denkt nicht, ihr könntet die Naturwissenschaften verändern, indem ihr in den etablierten Institutionen verbleibt. Neues Denken kommt ja nur von neuem Leben. Und Leben findet überall statt, bloss nicht in von euch dominierten naturwissenschaftlichen Instituten…

Dann mein Aufruf an die Naturwissenschaftlerinnen: Frauen, steigt aus dem Dogma der Naturwissenschaften aus, ihr wisst jetzt ja, dass ihr all das ebenso gut könnt wie die Männer. Steigt ein in die feministische Forschung, leistet politische Wühlarbeit innerhalb oder ausserhalb von etablierten Organisationen oder kehrt der Wissenschaft ganz den Rücken. Wo auch immer ihr seid, handelt politisch und menschlich konsequent, mit anderen Worten: Verweigert die Mitarbeit bei patriarchalen Projekten (siehe These 2).

  1. These

Wie die Geschichte zeigt, wurden die Errungenschaften von Wissenschaft und Technik stets für folgende Ziele eingesetzt:

  • Beschleunigung eines Arbeitsvorgangs; Rationalisierung; Ersatz von menschlicher Arbeit;
  • Ersatz von Naturprodukten; Herstellung neuer Produkte für den (kapitalistischen) Markt;
  • Herstellung von Waffen;
  • Verlängerung des Lebens; Verdrängung von Krankheit und Tod; Überwachung der Lebensvorgänge.

Die patriarchale Motivation für obige Ziele sowie ihr zwangsläufiges Münden in eine globale Katastrophe, wenn sie nicht durch andere Ziele ersetzt oder zumindest relativiert werden, wurde von Carola Meier-Seethaler in ihrem Buch „Ursprünge und Befreiungen“2 ausführlich dargelegt. Die Diskriminierung durch den patriarchalen Mann führte zu Tausenden unnötiger, die Umwelt belastender Erfindungen und zugleich zu einer Entfremdung des Menschen von sich selber und der Natur. Die Herstellung immer neuer Produkte für den Markt ist ebenfalls durch den Männerwahn erklärbar: Die Warenproduktion soll dem patriarchalen Mann beweisen, wie produktiv er ist; parallel dazu sollen die eigentlich Produktiven in der Gesellschaft – die lebensspendenden Frauen, die Bäuerinnen und Bauern – abgewertet werden. Die soziale und ökologische Katastrophe ist deshalb vorprogrammiert, weil das heutige kapitalistische Patriarchat zur Aufrechterhaltung des Mythos vom „von der Arbeit und Krankheit befreiten Superhelden“ bereit ist, alle anderen Werte zu opfern: Natur und Naturressourcen, Solidarität, Gerechtigkeit, Menschenleben.

Die NaturwissenschaftlerInnen in der westlichen Gesellschaft haben als Privilegierte Zugang zu allen möglichen Erleichterungen und Bequemlichkeiten, die dieses Gesellschafts- und Wirtschaftssystem bietet. Sie sind in Gefahr, die grundsätzliche Lebensfeindlichkeit, die in den naturwissenschaftlichen Zielen steckt, zu unterschätzen. Gerne möchten sie daran festhalten, nicht alle Ziele der Naturwissenschaften seien schlecht (z.B. sei die Entwicklung neuer Medikamente durchaus sinnvoll), gerne argumentieren sie, es gehe ja bloss um die Frage, wofür Wissenschaft eingesetzt werde. Oft höre ich auch, ohne Naturwissenschaften seien die heutigen ökologischen Probleme nicht mehr zu lösen. Wenn diese Einwände auch durchaus ernsthaft geprüft werden müssen (v.a. der letzte), so sollten wir die Sache im historischen Rückblick dennoch richtig gewichten:

Naturwissenschaft und Technik haben seit ihrer modernen Ausprägung (seit ungefähr 300 Jahren) ungleich mehr Schaden angerichtet als Nutzen gebracht. Jeder technologische Fortschritt erzeugte einen wirtschaftlichen Strukturwandel und verschärfte somit die soziale Ungerechtigkeit; jeder Versuch, der Wissenschaft menschliche Grenzen zu setzen, ist bisher gescheitert. Was dem kapitalistischen Prinzip immanent ist, steckt genauso im naturwissenschaftlichen „Forscherdrang“: nämlich das schrankenlose und respektlose Aneignen von Natur. Genauso wie der Kapitalismus auf dem uneingeschränkten Wachstum beruht, ist auch die naturwissenschaftliche Forschung als Sucht zu verstehen: Ein sinnloses Wachstum, das nicht menschliche Bedürfnisse befriedigt, sondern stets neue, falsche Bedürfnisse schafft. Nach Rolf Kreibich3 funktionieren Wissenschaft und Technik nicht nur nach denselben Grundsätzen wie die kapitalistische Wirtschaft, sie sind heute sogar zum wichtigsten Innovations- und Produktivfaktor geworden. Die zurzeit anhaltende Strukturkrise des Kapitalismus wird nur dank der forcierten Rolle von Wissenschaft und Technik zu überwinden sein, welche die Rationalisierung von Arbeitsschritten ermöglicht (z.B. Computer, Mikrochips) sowie neue Naturressourcen erschliesst (z.B. mit Hilfe von Gentechnologie). Nicht nur der aktuelle Strukturwandel in den nördlichen Industriestaaten, sondern die generelle Weiterentwicklung der Weltwirtschaft hängt heute in erster Linie von wissenschaftlichen und technischen Leistungen ab: Wissenschaft und Technik sind zur neuen Hauptproduktivkraft der Industriegesellschaften geworden. Die meisten Staaten (in West und Ost) haben die führende Rolle von Forschung und Entwicklung für das Weiterbestehen im weltweiten Konkurrenzkampf erkannt und fördern deshalb die Zusammenarbeit von Wissenschaft und Wirtschaft. Jedes Jahr stellen diese Länder wachsende Anteile ihres Bruttosozialprodukts für „Forschung und Entwicklung“ zur Verfügung. In der gegenwärtigen ökonomischen Lage ist die Wahrscheinlichkeit, dass innerhalb der staatlichen oder privaten Forschung eine Neuorientierung zugelassen wird bzw. ein Forschungsprojekt andere als kommerzielle Interessen vertritt, äusserst gering. Das heisst im Klartext: Menschen, die der Wissenschaft treu bleiben (sei es im Bereich der Grundlagenforschung oder im Anwendungsbereich) tragen dazu bei, dass der kapitalistische Markt zu seinen Informationen, seinen neuen Produkten oder zu seinen Scheinlösungen ökologischer oder sozialer Probleme kommt. Alle ForscherInnen, gleichgültig ob sie nun direkt finanzielle Vorteile daraus ziehen oder nicht, arbeiten mit am kapitalistischen Projekt, das – wie bereits erwähnt – zwangsläufig zur Katastrophe führt. Obwohl viele ForscherInnen den Zustand der Welt klar erkennen, leugnen sie noch immer die Ursache für die Misere: Die patriarchalen Werte von Wissenschaft und Wirtschaft. Völlig irrational halten sie an der Idee fest, die Wissenschaft sei sowieso nicht zu bremsen (als ob Forschen ein „natürlicher Trieb“ wäre) bzw. die Gesellschaft müsse die Techniken und Produkte nur sinnvoll anwenden, dann könnten die ökologischen und sozialen Probleme gelöst werden.

Denjenigen ForscherInnen aber, die die Zusammenhänge zwischen naturwissenschaftlichen Lösungsversuchen und kapitalistischen Strategien durchschaut haben, ist eine Teilnahme am naturwissenschaftlichen Fortschritt nicht mehr möglich. Sie müssen aussteigen und neue Wege suchen. Dazu gehört sowohl eine neue Definition von Naturwissenschaft als auch ein neues Verständnis von Politik.

Doch was bedeutet ein Ausstieg aus dem naturwissenschaftlichen Wahn? Welche Möglichkeiten haben Frauen und Männer nach einem Ausstieg?

  1. These

Für Männer kann der Bruch mit der patriarchalen Wissenschaft meiner Meinung nach nur Folgendes bedeuten: den bedingungslosen Ausstieg aus den staatlichen und privaten Forschungslabors sowie die Suche nach einem Beruf, in dem die erworbenen Kenntnisse und Fähigkeiten sinnvoll für den Widerstand, z.B. für den Widerstand gegen Atomkraftwerke, eingesetzt werden können. Die Suche nach einer neuen, einer menschlicheren Wissenschaft oder auch die Aufklärung der Bevölkerung über die Unmenschlichkeit der heutigen Naturwissenschaft ist für Männer zwar nicht unmöglich – wie menschliche Erkenntnis ja prinzipiell an kein Geschlecht gebunden ist –, jedoch, wegen der erlernten Männerrolle, viel schwieriger als für Frauen. Deshalb mein Vorschlag: Überlasst die Suche nach einer neuen Wissenschaft den Frauen und macht euch in anderen Bereichen nützlich: im Haushalt, in der politischen Kleinarbeit usw. Frauen haben von ihrer Sozialisation her mehr Möglichkeiten; folgende Aufgaben sehe ich als dringlich an:

  1. Aufklärungsarbeit und Entlarvung der Naturwissenschaft: Es gilt, möglichst konkret und mit Belegen aufzudecken, welche Grundlagenforschung zu welcher Anwendung führt und welche Folgen (sozial, ökologisch) damit verbunden sind. Gleichzeitig muss klargemacht werden, dass das menschliche Versagen der Naturwissenschaft keine Ausnahme, sondern die Regel ist, und dass die Unmenschlichkeit von den patriarchalen, also frauen- und naturfeindlichen Werten herrührt. Auf diesem Gebiet haben wir alle Hände voll zu tun: Noch ist den meisten Menschen nicht klar, wie fatal der Ansatz der Naturwissenschaft ist und wie grundsätzlich Naturwissenschaft und Technik an der Weltkrise schuldig sind. Diese Aufklärungsarbeit kann entweder von wissenschaftlichen Institutionen aus gemacht werden (dies wird jedoch eher die Ausnahme sein) oder von feministischen Vereinigungen, die sich nicht scheuen, politischen Klartext zu reden.
  2. Suche nach den Grenzen verantwortbarer Wissenschaft und Aufbau einer feministischen Wissenschaft: Diese schwierige Aufgabe braucht Zeit und die optimale Zusammenarbeit von kritischen Natur- und Geisteswissenschaftlerinnen sowie sogenannten Laiinnen. Voraussetzung für eine neue, eine feministische Naturwissenschaft ist bestimmt die vollständige Analyse der heutigen Wissenschaft und ihrer Fehler; eine weitere Voraussetzung ist ein Konsens über nichtpatriarchale Wertvorstellungen und Arbeitsweisen innerhalb der Frauenbewegung. Für die in den etablierten Forschungseinrichtungen verbleibenden Wissenschaftlerinnen ist es zudem notwendig, Kriterien für eine verantwortbare wissenschaftliche Tätigkeit zu finden. Einigen könnte frau sich z.B. darauf, nur Projekte durchzuführen, die das patriarchale System in Frage stellen, oder nur Aspekte zu erforschen, die dem feministischen und ökologischen Widerstand konkrete Hilfe bieten.

Wie Christina Thürmer-Rohr4 treffend gezeigt hat, sind Frauen Mittäterinnen im Patriarchat. Auch wenn Frauen auf den ersten Blick diejenigen zu sein scheinen, die zur Schaffung einer nichtpatriarchalen Welt prädestiniert scheinen, müssen wir uns eingestehen, dass auch Frauen sehr tief im Müll patriarchaler Wertvorstellungen stecken können. Nicht das biologische Geschlecht bzw. seine Rolle im Patriarchat kann Ausgangspunkt der Befreiung und damit Ausgangspunkt einer feministischen Ethik sein, sondern unser Lebensgefühl, das – durch Zufall oder Glück – nichtpatriarchales Leben erinnern und neu erzeugen kann. Dieses Lebensgefühl ist die Quelle unseres Denkens und unseres Widerstands. Es gibt uns die Motivation, auf welcher Ebene auch immer, für uns und unser Leben zu kämpfen: Denn nichts interessiert uns mehr, als die Bedingungen für menschliches Glück – gleichberechtigte Beziehungen und intakte Lebensgrundlagen – zu erhalten oder neu zu schaffen.

Von der relativ bequemen Stellung der anerkannten WissenschaftlerInnen sind wir plötzlich in die Rolle der AngreiferInnen, RevoluzzerInnen, extremen Randfiguren geraten. Doch dies war und ist von der feministischen Analyse her nicht zu vermeiden. Wir müssen unsere historische Aufgabe, die Bekämpfung bzw. Veränderung der Naturwissenschaften übernehmen; es gibt keine anderen Menschen, die dies an unserer Stelle tun könnten.

Diskussion

Den 12 ArbeitsgruppenteilnehmerInnen wurde ein Arbeitspapier mit Fragen zum Ausstieg (Wann soll eine etablierte Naturwissenschaftlerin aus einer etablierten Institution aussteigen? Unter welchen Bedingungen soll sie bleiben? U. a.) und zur Gründung einer kritischen Naturwissenschaftlerinnenorganisation verteilt.

Die Anwesenden teilten sich in zwei Frauen- und eine Männergruppe auf, um gemeinsam das Arbeitspapier und die dargelegten Thesen zu diskutieren. Im anschliessenden Plenum äusserte eine der beiden Frauengruppen grundsätzliche Kritik an meinen Thesen und bestritt, dass die Naturwissenschaft als solche, das heisst, als Weg der Erkenntnis, aus feministischen Gründen abzulehnen sei. Es gelte vielmehr, das Gute an den Naturwissenschaften zu definieren und zu erhalten. Demgegenüber vertraten die anderen Frauen die Ansicht, die Analyse Evelyn Fox Kellers müsse ernst genommen werden. Darüber hinaus zeige die Erfahrung, dass „gute Grundlagenforschung“ nicht von „böser Anwendung“ getrennt werden könne.

In der heftigen, aber sehr konstruktiven Debatte kristallisierten sich für mich folgende Punkte heraus:

  • Wir müssen Kriterien für eine ethisch verantwortbare Naturwissenschaft finden und formulieren. Gleichzeitig versuchen wir herauszufinden, was an der Naturwissenschaft noch wert ist, beibehalten zu werden, um Grundbausteine einer feministischen Naturwissenschaft zu finden.
  • Gewisse Forschungszweige (einig waren wir uns sofort bei der Gentechnik) sind nicht zu verantworten und müssen aus feministischen Gründen öffentlich kritisiert und bekämpft werden.
  • Wir sollten versuchen, die Zusammenhänge zwischen frauenfeindlichen Gesellschaftsstrukturen und Naturwissenschaft sehen. Entsprechend lautete eine Idee, eine Frauenuni zu gründen, die nach feministischen Gesichtspunkten funktioniert: ohne Hierarchie und Konkurrenzgerangel und zuständig für die Erarbeitung von Lösungsvorschlägen für die wirklichen Probleme (statt zur Schaffung neuer).
  • Die Forderung nach einer kritischen Naturwissenschaftlerinnenorganisation wurde positiv aufgenommen, aber nicht konkretisiert. Im Vordergrund stand das Bedürfnis, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen. So kamen wir nicht dazu, eine Organisation zu planen, die zur Forschungspolitik und zugleich zu tagespolitischen Fragen (Anwendung von Forschung) Stellung bezieht. Hingegen wurde vorgeschlagen, eine Naturwissenschaftlerinnentagung zu einer festen Einrichtung zu machen.
  • Den anwesenden Männern war die kritische Haltung gegenüber den Naturwissenschaften vertraut, sie sahen aber etwas andere Schwerpunkte, als sie in der feministischen Analyse formuliert sind. Sie konnten sich durchaus mit dem Ausstieg identifizieren, als Hausmann wollten sie sich jedoch höchstens halbtags engagieren…
  • Die Verbindung zwischen ausbeuterischer Wirtschaft, patriarchalem und naturwissenschaftlichem Denken wurde nicht näher diskutiert. So fanden wir auch keine neuen Beweisstücke für die 2. These.

Anmerkungen

  1. Keller, Evelyn Fox, Liebe Macht und Erkenntnis, München 1986
  2. Meier-Seethaler, Carola, Ursprünge und Befreiungen, Zürich 1988, S. 277ff und S. 337 ff.
  3. Kreibich, Rolf, Die Wissenschaftsgesellschaft, Frankfurt/M. 1986
  4. Thürmer-Rohr, Christina, Vagabundinnen, Berlin 1987

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Martina C. Meier

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.