Know then thyself, presume not God to scan;
The proper study of mankind is man.

aus dem Gedicht: ‘An Essay on Man’, Epistle II
von Alexander Pope (1688-1744)
englischer Dichter aus der Zeit der frühen Aufklärung

Anthropologische Notizen, Teil 1

Vorbemerkungen

Was wissen wir über «die Natur» des Menschen? Wie können wir zu entsprechenden Erkenntnissen gelangen? Welche Rolle spielen hierbei wissenschaftliche und empirische Befunde? Die Frage nach der Natur des Menschen, auch «anthropologische» Frage genannt, möchte ich hier nur summarisch, aber disziplinenübergreifend behandeln, vgl. auch die Einleitung zu den «Anthropologischen Notizen». Zwei grosse Themen greife ich heraus: Die «Natur» der Geschlechter mit dem «Rätsel Familie» (Teil 1) sowie die Frage nach dem Sinn des menschlichen Bewusstseins (Teil 2).

Überlegungen zur sogenannten «Natur» des Menschen kommen auch in anderen Aufsätzen vor, z.B. in «Sex, Gender, Queer». Für alle meine Texte soll dasselbe gelten: Ich bespreche das heutige Wissen über die Spezies Mensch aus Sicht der modernen Biologie und der «Synthetischen Theorie der Evolution»[1]; zusätzlich zitiere ich Autorinnen und Autoren aus Paläontologie, Neurobiologie, Psychologie, Philosophie, Archäologie und Kulturanthropologie. Als Naturwissenschaftlerin und kritische Zeitgenossin berücksichtige ich überdies die Frage, wie Erkenntnisse überhaupt gewonnen werden. Das bedeutet auch, bestehende Theorien kritisch zu hinterfragen, insbesondere, wenn sie von männlichen Philosophen oder Theologen patriarchaler Hochkulturen stammen. Ich schliesse mich hier der Sichtweise der feministischen Wissenschaftskritik im Sinne von Evelyn Fox Keller und anderer Autorinnen an, die in den 1970er und 1980er Jahren den Grundstein für eine nicht-androzentrische Anthropologie gelegt haben. Diese Kritik legte mit den Mitteln der Psychoanalyse gleichzeitig die Einseitigkeiten philosophischer Entwürfe und die Voreingenommenheit wissenschaftlicher Konzepte frei. Ich gehe ich davon aus, dass es ohne angemessene Revision der bisherigen Menschen- und Naturbilder unmöglich gelingt, patriarchale Denkweisen und entsprechende Strukturen zu überwinden. Es geht also um eine «neue Anthropologie», wie es Barbara Holland-Cunz auf den Punkt bringt.[2]

Was das In-Frage-Stellen der Thesen anerkannter Denker/innen angeht, bringe ich ganz kurz zwei Beispiele aus dem europäischen Raum. Diese Beispiele zeigen, dass die Kategorie Mensch in der europäischen Tradition stets männlich war. Ich bringe untenstehende Zitate mit anschliessender feministischer Einordung bloss als Illustration; die gründliche Aufarbeitung der abendländischen (und weltweiten) Philosophiegeschichte, obwohl von mutigen Denkerinnen und Denkern begonnen, harrt noch ihrer systematischen Weiterführung.[3]

Aristoteles (384-322 v. Chr.)

Aristoteles spricht in seiner Zeugungs- und Vererbungslehre davon, dass «die Frau ein unvollkommener, verstümmelter Mann» sei. Marion Heinz[4] zitiert folgenden Satz aus Aristoteles’ Schriften: «Denn ein Besseres und Göttlicheres ist das Prinzip der Bewegung, das als Männliches den werdenden Geschöpfen zugrunde liegt, Stoff aber ist das weibliche Substrat». Marion Heinz stellt fest, dass Aristoteles keine Begründung für seine Bewertung von Mann und Frau liefern kann, seine Argumentation ist ideologisch. Dennoch prägte Aristoteles‘ Denken das Abendland – bis zu dem Zeitpunkt, als Frauen zu widersprechen begannen.

Otto Weininger (1880-1903)

Der Wiener Philosoph Weininger veröffentlichte 1903 das Buch «Geschlecht und Charakter», in welchem der Autor alles Weibliche abwertet und es gänzlich zu überwinden trachtet. Ingvild Birkhahn[5] zitiert u.a. die folgenden Sätze Weiningers: «Der reine Mann ist das Ebenbild Gottes». «Persönlichkeit und Individualität, (intelligibles) Ich und Seele, Wille und (intellegibler) Charakter – dies alles bezeichnet ein und dasselbe, das im Bereich des Menschen nur M zukommt und W fehlt.» [6]  Weininger geht es nach feministischer Analyse ums Überwinden jeglicher sexuellen Empfindungen und um das Loswerden alles Weiblichen (das mit Schwäche gleichgesetzt wird).

Wie Philosophinnen einleuchtend dargelegt haben[7], sollten wir beim Dekonstruieren der Vorurteile in Philosophie und Wissenschaft alles einbeziehen: Nicht nur die Themen, sondern auch die Art der Begründungen sowie die Methoden, mit denen ein Gedankensystem aufgebaut wird. Alison Jaggar formulierte es so: «Zuerst sahen wir das eigentliche Problem darin, dass die traditionelle Philosophie die Frauenfrage vernachlässigt hatte und wir zielten darauf ab, die Frauen in der Philosophie sichtbar werden zu lassen. (…) Im weiteren Verlauf der feministischen Forschungen wurde jedoch zunehmend deutlicher, dass die herkömmlichen Begriffsschemata und Methoden der Philosophie selbst in vielfältiger Weise von männlichen Vorurteilen bestimmt sind.»[8] Seyla Benhabib weitete den Horizont auf alle Arten des Wissenserwerbs aus: «Es ist das Verdienst der feministischen Theorie, gezeigt zu haben, dass Geschlecht oder gender zu den wichtigsten Entstehungsbedingungen von Wissen gehört, und dadurch unterscheidet sich die feministische Theoriebildung auch von allen anderen Ansätzen.»[9] Es scheint offensichtlich, dass beim Nachdenken und Schreiben über «den Menschen» männliche Komplexe und tiefsitzende Vorurteile die Hauptrolle spielen. Weibliche Stimmen wurden in den patriarchalen Gesellschaften jahrtausendelang vermutlich deshalb unterdrückt, weil die Männer ahnten, dass ihre Konstruktionen unhaltbar waren. Das sogenannte Abendland verfügt deshalb über eine höchst einseitige Philosophietradition.

Wollen wir möglichst vorurteilsfreie Theorien entwickeln, sollten wir uns nicht bloss aufs gründliche und tiefe Nachdenken verlassen, sondern – im Sinne von Benhabib – alle Wissenschaftszweige mit einbeziehen. Zudem tauschen wir uns mit Vorteil mit beiden Geschlechtern aus, und nehmen das Erfahrungswissen aller Völker zur Kenntnis. Doch seien wir auch bescheiden und anerkennen wir: Alles Wissen ist vorläufig, denn die Zukunft könnte als gesichert geltendes Wissen umstürzen und uns eine neue Weltsicht nahelegen. Insbesondere in der Paläogenetik, in der Ethnografie sowie in der Archäologie hat man schon öfter «gesichertes» Wissen revidieren müssen. Hier ein Beispiel: Weil westlich geprägte Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler endlich begonnen haben, auch mit Menschen aus indigenen Kulturen einen Austausch auf Augenhöhe pflegen, konnte die Annahme, vor Ankunft der europäischen Eroberer hätte es auf dem amerikanischen Kontinent keine Pferde gegeben, widerlegt werden.[10] Ich plädiere also nicht nur für ein interdisziplinäres und geschlechtergerechtes, sondern auch für ein vorsichtiges Vorgehen.

Die Sicht der modernen Biologie muss nicht auf einen «Biologismus» hinauslaufen

Als Biologin stelle ich evolutionsbiologische Thesen über die «Natur» des Menschen an den Beginn meiner Ausführungen. Dabei vermeide ich es tunlichst, den Begriff der «Natur» konventionell zu gebrauchen, denn mir ist bewusst, dass die philosophische Tradition sehr viel (zu viel!) in die Begriffe «Natur» oder «Wesensart» hineinlegt. Die Begriffe «Essenz» oder «Wesen» vermeide ich vollständig. Den Begriff «Natur» verwende ich zwar, aber nur in beschreibender Funktion oder in Anführungszeichen. Wie alle Begriffe, die ich einführe, soll er intersubjektiv nachvollziehbar sein und möglichst keine Wertungen enthalten. Dabei bemühe ich mich nicht nur, die Erkenntnisse feministischer Forscherinnen[11] zur Sache aufzugreifen, sondern auch von alternativen Ansätzen aus der nicht-feministischen Philosophie[12] zu lernen.[13]

Konkret sehe ich als Biologin die «Natur des Menschen» als die Summe aller Anpassungen an seine Umwelt, die sich im Lauf der Evolution entwickelten. Aus biologischer und auch entwicklungspsychologischer Sicht ist die «Natur des Menschen» die Summe seiner Möglichkeiten, sich vom Kind zum erwachsenen Menschen zu entwickeln, gesund zu bleiben, Beziehungen einzugehen und zu versuchen, sich fortzupflanzen. Sehr ähnlich definieren Kai Michel und Carel van Schaik die sogenannt «erste Natur des Menschen» in ihren Publikationen.[14]

Aus der Psychologie ist ferner bekannt, dass Menschen Grundbedürfnisse haben:

auch diese müssen im Menschenbild angemessen berücksichtigt werden. So entsteht eine Beschreibung der «Natur des Menschen», die meines Erachtens grundlegend sein sollte für weitere Betrachtungen. Aber: Alle Tendenzen, das «Wesen» des Menschen so zu beschreiben, dass etwas Absolutes (eine Essenz) damit gemeint ist, lehne ich ab. Auch in meinen Aufsätzen zum Feminismus nehme ich weder einen essentialistischen noch einen biologistischen Standpunkt ein. Biologismus wäre die Ideologie, dass alles, was in der Natur vorkommt, für Menschen kulturell und ethisch wegweisend sein muss. Die Art und Weise, wie ich die Beiträge aus Evolutionsforschung, Neurobiologie und Psychologie in die Theoriebildung aufnehme, soll mithelfen, die Kluft zwischen Natur- und Sozialwissenschaften zu überwinden. Für mich kann es keine allgemeine Anthropologie geben ohne Einbezug des aktuellen Wissens über die Menschen: ihre Biologie, ihre Psychologie und ihre Geschichte. Diese allgemeine Anthropologie muss jedoch stets offen bleiben für neue Erkenntnisse. Sie sollte insbesondere auch durch einen kritischen Blick auf die eigenen Forschungsmethoden und auf mögliche geschlechts- oder kulturell bedingte Vorurteile hin hinterfragt und gegebenenfalls revidiert werden.

Der moderne Mensch ist das Ergebnis einer langen Evolution

Vor etwa 7-13 Mio Jahren spalteten sich unsere frühesten Vorfahren von der Linie ab, aus der später die Schimpansen und die Bonobos hervorgingen. Nach heutigem Stand der Wissenschaft sind wir mit diesen beiden Menschenaffenarten genetisch ausgesprochen nahe verwandt, wir teilen über 97 Prozent des Erbguts miteinander. Zum Teil ist die Übereinstimmung mit Schimpansengenen grösser, zum Teil mit Bonobogenen.[15]  Der Mainstream der paläontologischen Forschung geht davon aus, dass sich alle Vormenschen in Afrika entwickelten. Erst in jüngster Zeit wurde diese Sicht etwas relativiert: Es ist durchaus möglich, dass sehr frühe Schritte in der Evolution unserer Vorfahren in Eurasien stattgefunden haben.[16]

Für die Einschätzung der genetischen Dispositionen des Menschengeschlechts spielt es keine Rolle, wo die Wiege der Menschheit genau gestanden hat. Es ist jedoch wichtig zu wissen, dass alle heutigen Menschen zur gleichen Art (Homo sapiens) sowie zur gleichen genetischen Gruppe («moderner Homo sapiens») gehören. Neuesten Forschungen zufolge existieren moderne Menschen seit etwa 300’000 Jahren.[17] Wir Menschen sind also um einiges älter als die Forschung noch bis vor kurzem vermutet hat!

Wichtige Merkmale des modernen Menschen

Unsere Art ist gekennzeichnet durch ihren aufrechten Gang, das reduzierte Haarkleid, die Schweissdrüsen auf der Haut, das ausgezeichnete Laufvermögen, das grosse Gehirn und die gesprochene Sprache. Wir leben in gemischtgeschlechtlichen Gruppen; das ist eine Sozialform, die nur bei wenigen Säugetieren vorkommt. Unter Affenarten ist sie jedoch häufig.

Ferner sind wir eine obligatorisch soziallebende Art, das bedeutet: Menschen(kinder) sterben, wenn sie keine Kontakte aufbauen und in einer Gruppe leben können. Auch andere Säugetiere sind obligatorisch soziallebend, z.B. Wölfe. Die Abhängigkeit des neugeborenen Menschen von der Mutter und von konstanten Bezugspersonen ist sehr ausgeprägt; sie dauert länger als bei allen anderen Menschenaffen. Wir Menschen sind auch absolut darauf angewiesen, von den Traditionen unserer Gruppe zu lernen; diese Traditionen schliessen eine spirituelle Haltung oder Religion mit ein. Zur «Natur» des Menschen scheint zu gehören, dass er über Geburt und Tod nachdenkt und sich eine symbolische Welt erschafft.[18]

In unserer Spezies gibt es zwar klare Geschlechterunterschiede; dieser sogenannte Geschlechtsdimorphismus ist jedoch kleiner als bei Schimpansen und Bonobos. Diese Tatsache wird uns bei der Einschätzung der «Natur» von Frau und Mann noch beschäftigen.

Im Folgenden werden einige wichtige Anpassungen der Menschen an ihre Umwelt und an ihre Fortpflanzungsbedingungen[19] diskutiert. Für gemischt-geschlechtliche Gruppen stellen sich aus evolutionsbiologischer Sicht grundsätzlich folgende Fragen: Welche Umweltbedingungen führten dazu, dass unsere Art nicht in kleinen Mutterfamilien mit einzelgängerischen Männchen lebt oder in getrennt-geschlechtlichen Gruppen?  Welche Faktoren begünstigen das Leben in gemischt-geschlechtlichen Gruppen? Welche Faktoren hemmen, welche begünstigen die Zusammenarbeit zwischen den Geschlechtern? Weitere wichtige Fragen: Gibt es Geschlechterunterschiede bei der Nahrungssuche, bei der Nutzung der Umwelt und bei der Feindvermeidung? Gibt es Statusunterschiede und/oder Hierarchien? Alle diese Fragen stellen sich für Homo sapiens in gleicher Weise wie für andere Säugetiere. Aus naheliegenden Gründen geben Vergleiche mit anderen Affenarten am meisten Aufschluss über die Bedingungen, die unsere Art geformt haben.

Grundsätzlich ist das Faktum, dass Säugetiere in grösseren Gruppen leben, als Schutz vor Fressfeinden zu interpretieren sowie als potentiell vorteilhaft für die Nahrungssuche. Die Nachteile eines Lebens in der Gruppe liegen in der grösseren Nahrungskonkurrenz unter den Gruppenmitgliedern sowie in der grösseren Gefahr, an einer Infektion zu sterben. In gemischtgeschlechtlichen Gruppen ist zusätzlich die Konkurrenz um Sexualpartner erhöht. Dies kann dazu führen, dass die männlichen Tiere spezielle Konkurrenzkämpfe ausfechten oder dass die Männchen über sehr viel Sperma und eine ständige Bereitschaft zur Paarung verfügen.

Gemischt-geschlechtliche Gruppen können auf die Nachkommen eines Gründerpaares beschränkt sein. Dies ist z.B. bei Wölfen oder bei Murmeltieren der Fall, die in sogenannten Familiengruppen leben. Diese Lebensform ist verbunden mit der obligatorischen Abwanderung der jungen, geschlechtsreifen Tiere. Bei Familiengruppen führen die beschränkten Nahrungsressourcen dazu, dass die Tiere territorial sind.

Bei Menschen geht man davon aus, dass sich von Anfang an ein gemischt-geschlechtliches Sozialsystem ohne Territorialität entwickelt hat. Denn bei Menschen sind grosse Gruppen prähistorisch belegt, und die Verhaltensdispositionen stimmen mit der Hypothese des gemischt-geschlechtlichen Sozialsystems überein: Menschen pflegen viele Sexualkontakte, sind innerhalb des eigenen Geschlechts kooperativ, arbeiten aber auch über die Geschlechtergrenzen hinweg erfolgreich zusammen. Die Verhaltensweisen, die mithelfen, ein Territorium zu verteidigen, sind nicht genetisch fixiert: Jedenfalls konnte wissenschaftlich bisher kein entsprechender Hinweis gefunden werden.[20] Unsere Vorfahren evolvierten mit hoher Wahrscheinlichkeit in einer Umgebung, in der sich Territorialität nicht gelohnt hat.

Die Evolutionsbiologin Sarah Blaffer Hrdy beschreibt die Menschen als sozial sehr verträglich, auch in grossen Gruppen und äusserst friedlich im Vergleich zu anderen Primaten.[21] Zum selben Schluss kommt der Primatenforscher Michael Tomasello: Menschen seien eine extrem kooperative Spezies, denn kein anderer Primat könne auch mit Fremden so friedlich kommunizieren.[22]

Der Einfluss des Ökosystems auf die Sozialstruktur

Gruppengrösse, Fortpflanzungssystem, Geschlechterrollen und das Sozialsystem hängen bei Primaten, wie bei allen Tieren, hauptsächlich von Nahrungskonkurrenten und Raubfeinden ab. Wie dem Kasten 5 (LINK zu Kästen Evolution, Geschlechter) zu entnehmen ist, sind Bonobos und Schimpansen recht unterschiedlich organisiert: Erstere leben in einem System, in dem Weibchen dominieren, letztere in einer Gesellschaft mit männlicher Dominanz. Man geht heute davon aus, dass ökologische Faktoren für diesen Unterschied verantwortlich sind. Ein ausgesprochener Nahrungsreichtum in der Krautschicht sowie das Fehlen von Gorillas als Nahrungskonkurrenten ermöglichte es Bonoboweibchen und Jungtieren, sich zur Nahrungssuche gefahrlos auf dem Boden zu bewegen. Der Aufenthalt in den Baumkronen war nur zeitweise nötig, vor allem, um die Nacht zu verbringen. Die Fortbewegung am Boden und der vergleichsweise geringe Stress bei der Nahrungssuche ermöglichte eine Solidarität unter den Weibchen, wie sie bei Schimpansen nicht vorkommt. In von Schimpansen bewohnten Lebensräumen war Nahrung nur dann in genügender Menge und Qualität erreichbar, wenn die Tiere oft kletternd Früchte erbeuteten und den am Boden Nahrung suchenden Gorillas auswichen.[23] Für Schimpansenfrauen mit Jungtieren war die Nahrungssuche beschwerlicher, sie mussten viel klettern und ihre Nahrung gegen Konkurrenz aus der eigenen Gruppe verteidigen. Unter solchen Umständen war es schwieriger, Allianzen unter Weibchen zu bilden. Zusätzlich erschwerte folgender Umstand die Verteidigung der Eigeninteressen der Weibchen: Die auffällige Schwellung zur Zeit des Östrus lockt Schimpansenmänner an. Eine Schimpansenfrau kann sich oft nicht gegen Sexualkontakte wehren, und andere Weibchen können ihr nicht zu Hilfe eilen. Bei Bonobos können Weibchen ihre Interessen verteidigen, weil sie sich stets gemeinsam gegen einzelne Bonobomänner wehren. Weil die Schwellung, die die fruchtbaren Tage anzeigt, bei Bonobofrauen länger andauert als bei Schimpansinnen, haben die Männer länger Zeit und stehen etwas weniger in Konkurrenz zueinander als dies bei Schimpansen der Fall ist. So kommt es auch nicht so häufig vor, dass sich die Frauen handgreiflich gegen die Männer wehren müssen. Die Frauenfreundschaften werden zudem verstärkt durch regelmässigen «lesbischen Sex». Ganz generell spielen Sexualkontakte ohne Bezug zur Fortpflanzung sozial eine grosse Rolle. Diese Sexualkontakte gibt es in jeder Form[24] und sie scheinen auch für die Beruhigung von Konflikten eingesetzt zu werden. Bonobogesellschaften sind von Weibchen dominiert und wenig hierarchisch organisiert. Bei Schimpansen sind es die männlichen Tiere, die die Weibchen dominieren und der Gesellschaft ihr Gepräge geben. Zu diesem Gepräge gehören auch deutliche Hierarchien und viel Gewalt.

Immer wieder tauchte die Frage auf, ob Menschen nun Bonobos oder Schimpansen ähnlicher seien bzw. wie die «natürliche Gesellschaftsform» beim Menschen aussehe. Sarah Blaffer Hrdy schlägt vor, dass wir Menschen nicht bloss mit Schimpansen und Bonobos vergleichen, sondern die Familie der Krallenaffen mit einbeziehen, denn diese haben eine «voll entwickelte kooperative Aufzucht» – ähnlich wie Homo sapiens.[25]

Wie man dem Kasten 6 (LINK zu Kästen Evolution, Geschlechter) entnehmen kann, sind zwar einige Rückschlüsse von der menschlichen Anatomie her möglich; vieles verstehen wir jedoch noch nicht. Es wäre wichtig, mehr über folgende Eigenheiten von Homo sapiens zu erfahren: die Nacktheit der Menschen und ihren vergleichsweise schwach bemuskelten Körper; die Auffälligkeit und Grösse der weiblichen Brüste (unabhängig vom Stillen); der vergleichsweise kurze Menstruationszyklus; die Wichtigkeit von Hebammendiensten; die Rolle der menschlichen Sprache für die Zusammenarbeit zwischen Menschen und vieles mehr.

Geschlechterunterschiede und die Bedeutung der Sexualität

Menschen lebten in der Frühzeit vermutlich in Gesellschaften, in denen beide Geschlechter das ganze Jahr über zeugungsfähig waren und sexuell Zugang zueinander hatten (in der Zoologie nennt man ein solches System «promisk»). Was unsere Art auszeichnet, ist eine relativ grosse Bedeutung der Paarbindung: Anders als bei Bonobos und Schimpansen, bei denen keine saisonale und erst recht keine jahrelange Monogamie bekannt ist, gibt es bei uns Menschen eine Tendenz zur (kurzzeitigen) Monogamie.[26] Dieser Befund könnte von grosser Bedeutung sein, wenn wir erklären wollen, wie sich die Kommunikation zwischen den Geschlechtern sowie die Familienformen im Lauf der Menschheitsgeschichte entwickelt haben. Wie ist man überhaupt zu dieser Einschätzung gekommen?

In der vergleichenden Primatologie hat man Menschenmänner mit anderen Primaten verglichen.[27] Primatenmänner, die – wie Schimpansen – in grossen Hoden sehr grosse Mengen an Spermien produzieren können, sind so geworden, weil in ihrer Gesellschaft gleichzeitig viele geschlechtsreife Männchen um Fortpflanzungschancen konkurrieren. Derjenige mit mehr Sperma pro Ejakulation erweist sich im Lauf der Evolution als fitter. Da Menschenmänner kleinere Hoden haben und deutlich weniger Sperma produzieren, dürfen wir folgern, dass diese Art von Konkurrenz (Spermienkonkurrenz genannt) unter Menschenmännern geringer ausfällt als unter Schimpansen. Dazu kommt, dass Menschenmänner grössere Penisse aufweisen als Männchen anderer Menschenaffenarten. Grosse Penisse könnten damit im Zusammenhang stehen, dass bei menschlichen Paarungen die Kopulation deutlich länger dauert als bei anderen Primaten. Offenbar führen grosse Penisse mit grösserer Wahrscheinlichkeit zu sexuellem Vergnügen bei der Partnerin, und es ist für beide Geschlechter möglich, die Zeit der Lust auszudehnen und regelmässig zu einem Orgasmus zu gelangen. Evolutionsbiologisch können diese Befunde als Indizien für eine Entwicklung in Richtung Monogamie gedeutet werden.

Was wissen wir über die Rolle der sexuellen Kontakte bei uns Menschen: Ist sie ähnlich wie bei Bonobos oder gibt es etwas typisch Menschliches in der Art und Weise, wie und wie oft Menschen Sex haben?

Eine Besonderheit scheint zu sein, dass menschliche Paare das Bedürfnis nach einem abgeschirmten, «privaten» Ort haben, um ihre Beziehung zu pflegen. Offenbar ist die emotionale Komponente sehr wichtig, es geht nicht bloss um Sex, sondern um Bindung an einen Partner. Diese Bindungsfähigkeit scheint die Eifersucht zu erklären: Wird ein Partner «verlassen», reagiert er oft stark emotional und aggressiv auf den neuen Sexpartner seiner ehemaligen «Liebe». Eifersucht im Zusammenhang mit Sexualität ist keineswegs nur in modernen Gesellschaften bekannt (und auch nicht beschränkt auf heterosexuelle Paare), sondern scheint in allen menschlichen Gesellschaften vorzukommen. Bei Bonobos und Schimpansen ist nichts Vergleichbares beobachtet worden. Bei Menschenaffen sind Bindungen nur zwischen Mutter und Kind sehr tief sowie zwischen befreundeten Individuen. Die Bindung an einen Sexpartner ist bei Schimpansen praktisch inexistent, bei Bonobos sehr locker.

Die Tatsache, dass bei Menschenfrauen der Zeitpunkt der Fruchtbarkeit von aussen nicht sichtbar ist, gilt als Hinweis dafür, dass Frauen ihre Fortpflanzungsinteressen im Lauf der Evolution sehr gut verteidigen konnten. Während die deutliche Schwellung einer Schimpansenfrau während ihres Östrus dazu führt, dass sie sich Paarungen kaum entziehen kann, sind Menschenfrauen besser in der Lage, aufdringliche Avancen abzuwehren, selbst wenn ihr keine anderen Frauen zu Hilfe eilen, denn fortpflanzungswillige Männer müssen stets damit rechnen, dass sich die Frau nicht im Zustand des Eisprungs befindet, somit lohnt es sich nicht, grosse Anstrengungen zu unternehmen. Zur Verteidigung weiblicher Interessen gehört auch, dass eine weibliche Primatin alles unternimmt, das Leben ihrer Kinder zu schützen. Deshalb leuchtet die Hypothese ein, Menschenfrauen hätten mit verschiedenen Männern Sexualkontakte gepflegt, um zu verhindern, dass ihr Nachwuchs von einem Mann getötet wird[28] (wie es z.B. regelmässig bei Bären, und auch ab und zu bei Menschenaffen vorkommt). Der Schutz funktioniert deshalb, weil sich Säugetiermännchen an ihre Paarungspartnerinnen erinnern. Ihre Fortpflanzungschancen würden sich verschlechtern, brächten sie die Nachkommen ihrer Sexpartnerinnen um. Man kann sich nun die Frage stellen, weshalb Menschen im Lauf der Evolution nicht eine vollständige Monogamie ausgebildet haben. Eine solche scheint zumindest für die Frau vorteilhaft, denn in einem solchen Fortpflanzungssystem gibt es keine Kindstötung durch Männer. Allerdings entwickelt sich die vollständige Monogamie nur dann, wenn ein monogames Paar ein Nahrungsterritorium verteidigt, wie wir dies bei vielen Tierarten beobachten können. Ob die Verteidigung eines Territoriums lohnend ist oder nicht, hängt wiederum von der Ernährung der Tierart und seiner Ökonische ab. Beim Menschen gab es offensichtlich eher eine Evolution in Richtung gemeinsame Nahrungssuche in grösseren Gruppen ohne Ausbildung von Territorialität, weder für ein Paar noch für eine grössere Gruppe. Dadurch, dass unsere Vorfahren in unterschiedlichen Habitaten sehr verschiedene, zerstreut auftretende Nahrung suchten und sehr grosse Gebiete durchstreiften, lohnte sich eine Territorialität im klassischen Sinne nicht.

In grösseren gemischtgeschlechtlichen Gruppen beobachten wir öfter ein sogenannt «promiskes» Fortpflanzungssystem bzw. ein von Partnerwechsel gekennzeichnetes System. Die Frage ist also nicht, weshalb die menschlichen Vorfahren «promisk» waren, die Frage ist eher, weshalb sich die Art Homo sapiens in Richtung Monogamie evolvierte. Ich gehe davon aus, dass sich sowohl für Frauen als auch für Männer eine durch regelmässigen Sex gefestigte Bindung gelohnt haben muss.

Es ist zum Beispiel denkbar, dass Frauen Sexualpartner bevorzugten, die bereit waren, eine gewisse emotionale Bindung einzugehen. Im Zusammenhang mit der Evolution äusserlicher und psychischer Eigenschaften von Menschenmännern postulierte bereits Nancy M. Tanner,[29] dass die sexuelle Selektion eine grosse Rolle gespielt haben muss. Tanner nahm an, dass die Tatsache, dass Menschenmänner über keine gefährlichen Eckzähne mehr verfügen und nur wenig kräftiger gebaut sind als Menschenfrauen, darauf zurückzuführen ist, dass Frauen stets Männer wählten, die sich weder mit anderen Männern prügelten noch aggressiv oder bedrohlich wirkten. Dass die Wahl der Frauen («female choice») in vielerlei Hinsicht entscheidend gewesen sei, meint auch Sarah Blaffer Hrdy[30] : Die Frau wählte nicht nur einen sozial fähigen Partner, sie legte es auch darauf an, ihre Säuglinge von Beginn an durch Alloeltern betreuen zu lassen, was schon dem Kleinkind vielfältige kooperative Kontakte verschafft. Sowohl Carel v. Schaik[31] als auch Michael Tomasello[32] betonen, wie früh Menschenkinder beiderlei Geschlechts soziales Verhalten zeigen und wie sehr alle Menschen von sozialer Fürsorge abhängig sind, vom ersten bis zum letzten Lebenstag.

Eine populäre These ist, dass Männer sich durch das Überbringen von Fleisch (also wertvoller Nahrung) Sex mit Frauen «erkauft» haben, und dass die menschliche Paarbindung von solchen «Deals» geprägt sei. Bei Schimpansen, wo es für Weibchen sehr ungewöhnlich ist, dass sie selber aktiv jagen, ist belegt, dass sich das Teilen von erbeuteten Tieren für den Zugang zu Weibchen lohnt.[33] Theoretisch könnte es natürlich sein, dass ein solcher Mechanismus auch beim frühen Menschen existierte. Die Voraussetzung dafür wäre jedoch, dass in sämtlichen menschlichen Gesellschaften nur die Männer Fleisch von Wildtieren erbeuten – was wohl nicht der Fall ist: Möglicherweise gingen in prähistorischen Zeiten beide Geschlechter auf die Jagd.[34]

Wenn wir berücksichtigen, dass Primaten in der Regel bereitwillig in der eigenen Mutterfamilie Nahrung teilen, mit dem Sexpartner jedoch kaum, wird die populäre These «Sex gegen Fleisch» weiter relativiert.[35] Wir können jedoch nicht ausschliessen, dass das Teilen von Nahrung unter den Sexualpartnern eine gewisse zusätzliche Rolle gespielt hat.

Ich gehe davon aus, dass friedfertige, sozial besonders fähige Männer von Frauen bevorzugt gewählt wurden. Es ist möglich, dass dieser Vorgang gleichzeitig dazu beitrug, dass bei Menschen eine Tendenz zur Monogamie entstand.

Geburt, Geschlechterrollen und Fortpflanzungserfolg

Menschenfrauen sind die einzigen Säugetiere, die beim Gebären auf Hilfe angewiesen sind. Diese Tatsache ist erstens dadurch zu erklären, dass durch den aufrechten Gang der Geburtskanal verengt wurde (dies geschah bereits vor ca. 5 Mio Jahren) und zweitens dadurch, dass unsere Vorfahren der Gattung Homo ein sehr grosses Gehirn entwickelten. Wir müssen annehmen, dass die Anatomie der Frau als auch ihr Verhalten diesen Umständen angepasst sein muss, andernfalls hätten unsere Vorfahrinnen nicht überlebt. Für Menschenfrauen stellten Schwangerschaft und Geburt eine potentiell lebensgefährliche Belastung dar. Dies dürfte zur sorgfältigen Auswahl des Geschlechtspartners und relativ seltenen Schwangerschaften geführt haben. Es war bestimmt auch im Interesse der frühen Menschenfrauen, dass sie von anderen, erfahreneren Frauen Hilfe erhielten – Grundlage hierzu könnten Frauenfreundschaften oder verwandtschaftliche Unterstützungsnetzwerke gewesen sein. Von Bonobos wissen wir, dass sich die jungen Weibchen von der Geburtsgruppe entfernen und viel Zeit darauf verwenden, mit den Frauen der neuen Gruppe gute Beziehungen aufzubauen. Erst dann gehen Bonobo-Weibchen sexuelle Beziehungen ein. Ich nehme an, dass nicht nur für Bonobos, sondern auch für unsere Vorfahren Frauennetzwerke zentral waren.

Alle Primaten kennen sich gut mit medizinischen Pflanzen aus, sie kurieren Verdauungsprobleme und Infektionen mit der Aufnahme bestimmter Pflanzen. Das Erkennen und Anwenden von Medizinalpflanzen muss gelernt werden Das Lernen von anderen erfolgt bei allen Primaten bevorzugt über die Linie Mutter-Kind. Für die Hilfe von Frau zu Frau war wahrscheinlich die Hilfe von Mutter zu Tochter das früheste Muster. Ein weiteres Muster könnten Schwestern oder Freundinnen sein, die sich gegenseitig halfen, zum Beispiel auch mit der Versorgung von Milch. Es ist denkbar, dass sich bei frühen Menschen Frauen, die etwa zur gleichen Zeit ein Kind gebaren, zusammentaten, gemeinsam Nahrung suchten und sich auch aushalfen, wenn eine der Frauen zu wenig Milch hatte. Blaffer Hrdy weist darauf hin, dass Menschenfrauen sich für die Adoption fremder Kinder offen zeigen; andere Primaten, die in Mutterfamilien leben, sind dies auch. Bei Primaten, bei denen die Weibchen in eine fremde Gruppe migrieren, gibt es dieses Phänomen dagegen nicht. Aus der vergleichenden Verhaltensforschung gibt also es klare Hinweise darauf, dass Mutterfamilien und weibliche Verwandte in nächster Nähe für die Evolution der Menschen zentral waren. Es wäre theoretisch auch möglich, dass sich die Väter sofort nach der Geburt engagierten, das Neugeborene herumtrugen und dafür sorgten, dass die Mütter sich nicht auch noch um die Abwehr von Raubfeinden kümmern mussten. Weil jedoch zahlreiche Befunde aus der Verhaltensforschung eher in Richtung Kooperation innerhalb der weiblichen Verwandtschaft zeigen, verfolge ich die Hypothese, Väter hätten von Beginn an eine wichtige Rolle gespielt, nicht weiter.

Da den Männern durch das Zeugen von Kindern keine gesundheitlichen Belastungen erwachsen, verhalten sie sich weniger wählerisch und haben eine höhere Motivation für sexuelle Kontakte mit Penetration als Frauen. Die Häufigkeit, mit der sich Männer sexuelle Kontakte wünschen, hat offenbar nichts mit ihrer sexuellen Orientierung zu tun, auch homosexuelle Männer wünschen sich häufiger Sex. Diese Forschungen sind jedoch noch nicht ausreichend über alle menschlichen Kulturen erfolgt. Sollte es jedoch zutreffen, dass Männer häufiger Sex wünschen, kann die Erklärung nur folgendes sein: Für Männer zahlte sich dieses Verhalten in grösserem Fortpflanzungserfolg aus.[36]

Die Häufigkeit von Geburten und die menschliche Sozialstruktur

Eine weitere wichtige Frage ist diejenige nach der Geburtenrate bei Homo sapiens.

Nach Blaffer Hrdy bringen Menschenfrauen mehr Kinder in kürzeren Abständen zur Welt[37] als ihre Geschlechtsgenossinnen bei den Orang-Utans, Schimpansen und Bonobos. Bei grossen, schweren, langlebigen Primaten mit einer ausgedehnten Reifungsphase würde man eine geringere Fortpflanzungsrate erwarten. Bei den Krallenaffen, einer Primatenfamilie aus Mittel- und Südamerika, ist eine rasche Fortpflanzung und die Fähigkeit, einen neuen Lebensraum innert kurzer Zeit besiedeln zu können, bekannt. Es liegt nahe, das Verhalten der Menschenfrauen mit demjenigen weiblicher Krallenaffen, z.B. den Marmosetten, zu vergleichen. Blaffer Hrdy postuliert, dass der Einbezug von Helferinnen und Helfern beim Betreuen und Ernähren der Kinder die Sozialstruktur entscheidend prägte: Weil Menschenkinder besonders hilflos sind, ist intensive und lange andauernde Betreuung nötig – eine Menschenfrau alleine kann dies unmöglich bewältigen, weder vom Beschaffen der notwendigen Nahrungskalorien her noch von der ständigen Präsenz rund um das Baby. Menschenfrauen sparen Energie dadurch, dass sie – ähnlich wie Marmosetten – ihre Babys gleich nach der Geburt bereitwillig abgeben. Die Anziehungskraft, die Babys auf alle Menschen ausüben, und die in manchen Gartenbau- oder Wildbeuter-Kulturen noch durch Bemalung verstärkt wird, spricht ebenfalls dafür, dass es in der Sozialstruktur von Homo sapiens von Anfang an viele Betreuungspersonen gab.[38] eine solche Sozialstruktur ist grundlegend verschieden von einer Nuklearfamilie, wie sie bis heute von männlichen Forschern als ursprünglich angenommen wird. Nimmt man die Ergebnisse aus Evolutionsbiologie und vergleichender Verhaltensforschung ernst, muss man die Hypothese von der «Natürlichkeit der Kernfamilie» verwerfen.

Geburtenrate, Gruppengrösse und Bevölkerungswachstum

Forschungen gehen heute davon aus, dass die prähistorischen Frauen bis zum Neolithikum im Laufe ihrer Lebenszeit relativ wenige Kinder geboren haben, denn erstens war die erste Menstruation (der Beginn der Fortpflanzungsfähigkeit) aufgrund der knapperen Ernährung sehr wahrscheinlich später als heute und zweitens verhinderte das Stillen des Kindes, das 3-4 Jahre dauern konnte, einen Eisprung. Prähistorische Frauen brauchten keine aktive Geburtenregelung – dies war erst nach der Sesshaftwerdung ein Thema. Brachte eine Frau durchschnittlich vier Kinder zur Welt, führte dies kaum zu einem Anwachsen der Bevölkerung. Denn auch die Kindersterblichkeit war relativ hoch.

Die Forschung hat sich immer wieder mit der Frage beschäftigt, wie gross die Gruppen unserer Vorfahren waren und welche Sozialstruktur sie wohl besassen. Bis vor kurzem war man sich einig, dass die Gruppen stets klein gewesen sein müssen. Ferner ging man davon aus, dass der Prozess des Sesshaftwerdens stets in Verbindung mit der Erfindung der Landwirtschaft erfolgte und rasch von statten ging. Diese Ansichten wurden zum Teil widerlegt[39]. Die sogenannte neolithische Revolution war ein über mehrere Tausend Jahre verlaufender Prozess. Sehr viele Völker des Neolithikums betrieben zudem beides: Die Grosswildjagd und den Anbau von Pflanzen. Sesshaftigkeit musste überdies nicht unbedingt mit dem Anbau von Pflanzen einhergehen, auch lukrative Fisch- oder Sammelmöglichkeiten konnten dazu führen, dass eine Population die saisonalen Wanderungen einstellte. Zudem waren reiche Ökosysteme relativ früh von durchaus grossen Menschengruppen bevölkert. Heute weiss man auch, dass es mehrmals unabhängig voneinander zur Entwicklung einer bestimmten Form von Landwirtschaft kam. Selbst im tropischen Regenwald Südamerikas, in dem niemals grossflächige Landwirtschaft vermutet worden war, hat man Spuren einer ausgedehnten Permakultur gefunden.[40]

Aus den archäologischen Funden kann vieles abgeleitet werden, zum Beispiel auch, ob eine Gesellschaft hierarchisch strukturiert war. Die Familienstruktur bleibt uns jedoch weitgehend verborgen, jedenfalls in Kulturen, über die nie schriftlich oder via Bilder berichtet worden ist.

Nicht einmal die Archäogenetik kann uns da weiterhelfen, denn aus der Feststellung, dass in einer Region die Frauen stets einem sehr weit entfernten Stamm angehörten, die Männer dagegen miteinander verwandt waren und aus der Region stammten, kann man nichts Definitives zur Familienstruktur ableiten.[41]. Wir wissen nicht, ob die Frauen selbstbestimmt aus fernen Regionen zuwanderten (im Zusammenhang mit entsprechenden Abkommen zwischen den Völkern betreffend «Tausch» von jungen Menschen zwecks Heirat)[42] oder ob sie geraubt wurden; und wir wissen auch nicht, ob die Form des Zusammenlebens von Frau und Mann dem entspricht, was wir heute «eheliche Gemeinschaft» nennen. Da bei den meisten Völkern ein Exogamiegebot gilt, kann man sich vorstellen, dass es auch bei unseren Vorfahren üblich war, dass junge Männer oder aber junge Frauen von der Mutterfamilie weg zu anderen Gruppen zogen, um sich mit Nicht-Verwandten fortzupflanzen.

Verwandtschaftsrechnung[43]

Viele Biologinnen und Biologen[44] nehmen einfach an, dass die sogenannte Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) die «natürliche Familienstruktur» gewesen sei; sie setzen sich kaum mit der sozialanthropologischen und ethnologischen Forschung zum Thema Familienstruktur und Verwandtschaft auseinander. Diese Forschung[45] hat folgende Möglichkeiten einer Verwandtschaftsrechnung aufgezeigt, hier vereinfacht dargestellt:

  1. Bilinearität

Die Verwandtschaft wird nach der biologischen Mutter gezählt, aber die Abstammung von väterlicher Seite spielt ebenfalls eine Rolle. Diese Organisation wird bei Wildbeutern gefunden, die in kleinen Gruppen leben und grosse Gebiete durchstreifen. Es gibt keine Sesshaftigkeit und keine grossen Clans.

  1. Matrilinearität

2a) «einfache Mutterfamilie»: Die Kinder (die von verschiedenen Vätern abstammen können), leben bei der Mutter. Die biologische Verwandtschaft wird nur nach der Mutter gezählt (Matrilinearität). Dabei kann es sein, dass weitere «Verwandtschaften» weltanschaulich und spirituell eine grosse Rolle spielen – dass die Kultur die biologische Verwandtschaft also nicht besonders betont. Mehrere «einfache Mutterfamilien» sind relativ lose miteinander verbunden. Die engsten emotionalen Beziehungen bestehen zwischen Mutter und Kind sowie zwischen Geschwistern. Dazu kommen «Wahlverwandtschaften».

Wenn die Lebenserwartung relativ hoch ist, kann eine Grossmutter-Mutter-Tochter-Einheit entstehen und als solche gesellschaftliche Bedeutung erlangen. Die Tatsache, dass wir Menschenfrauen nur wenige Jahre lang fruchtbar sind und dann in die Menopause kommen, weist darauf hin, dass Grossmütter für das Aufziehen ihrer Enkel eine wichtige Rolle gespielt haben könnten.[46] Laut Blaffer Hrdy konnte in Wildbeuter- und Ackerbaukulturen belegt werden, dass Kinder, die von ihren Grossmüttern mütterlicherseits mitbetreut wurden, bessere Überlebenschancen hatten.[47]

2b) «komplexe Mutterfamilie»:

Leben Menschen über mehrere Generationen im selben Gebiet, kommt es zu komplexerer Organisation (mit unterschiedlicher Ausprägung, vgl. Aufzählung unten):

Der Sexualpartner besucht seine Partnerin regelmässig (Besuchsehe), sein Wohnsitz ist jedoch bei der Mutter. Er übernimmt Erziehungsaufgaben, aber nicht für seine leiblichen Kinder, sondern für diejenigen seiner Schwester. Die emotionalen Bindungen zwischen Mitgliedern der Verwandtschaft sind eng, deutlich enger als die Bindung zwischen «Ehe»leuten. Die Abstammung wird nach der Mutter gezählt, wobei die Grossmütter (und weitere Ahninnen) spirituell eine grosse Rolle spielen. Männer gehören zum Clan ihrer Mutter, genauso wie Frauen zum Clan ihrer Mutter gehören. Die Clans haben eine komplexe Organisation mit vielen Regeln, auch mit geistigen Verwandtschaften und mit konkreten Verpflichtungen. Es gibt keine «Ehe» im patriarchalen Sinn.

Meist leben die Gruppen mit klarer Arbeitsteilung, was zu einem «Frauenbereich» sowie einem «Männerbereich» führt. Sowohl unter Männern als auch unter Frauen ist es üblich, in Gruppen zusammenzuarbeiten. So etwas wie eine isolierte Kleinfamilie gibt es nicht. Kulturen mit komplexer Mutterfamilie werden oft auch als matrifokale, matrizentrische oder matriarchale Kulturen bezeichnet.[48]

  • «Uxorilokale Organisation»: In «komplexen Mutterfamilien» kann die oben beschriebene Besuchsehe so organisiert sein, dass der Mann bei seiner Partnerin (uxor = lat. Ehefrau) wohnt und in beiden Familien (seiner Abstammungsfamilie wie auch beim Clan seiner Frau) gewisse Aufgaben übernimmt. Die biologische Verwandtschaft wird immer noch nach der Mutter gezählt und es existiert immer noch keine formale «Ehe». Die engsten emotionalen Bindungen existieren zwischen Mutter und ihren leiblichen Kindern sowie zwischen Geschwistern und Freund/innen. Für den Mann kann sich eine schwierige Situation ergeben, vor allem dann, wenn sein Mutterclan weit weg wohnt und er ständig hin und her pendeln muss. Seine emotionalen Bindungen sind schwerpunktmässig bei seinem Mutterclan, was die Situation nicht vereinfacht.
  • «Virilokale Organisation»: Bei dieser Form zieht die Frau ins Haus ihres Partners, der wiederum in der Nähe seiner Mutter lebt. Diese Organisation heisst virilokal, weil sie sich nach dem vir (= lat. Mann) richtet. Die Abstammung wird nach der Mutter oder nach beiden Eltern gezählt. Diese Organisationsform kann für die Frau emotional schwierig sein, weil sie von ihrem Herkunftsclan Abschied nehmen muss. «Ehen» sind jedoch, anders als in Patriarchaten, auflösbar, es gibt keine «Gesetze», die die Partner aneinanderketten oder ihre Freiheit einschränken. Virilokalität kann verbunden sein mit dem Fortbestand komplexer Mutterfamilien und mit einer ausgeprägten Trennung des weiblichen und männlichen Arbeitsbereichs. Virilokalität kann aber auch mit patriarchalen Regeln verbunden sein, was uns zum nächsten Abschnitt führt.
  1. Patrilinearität, Patrilokalität  Patriarchat (Väterherrschaft)

Gerda Lerner bezeichnete Gesellschaftssysteme in Mesopotamien, die ältere, matrizentrische (matriarchale) Sozial- und Familienstrukturen ablösten, als Patriarchate. Sie ging davon aus, dass patriarchale Systeme sich nicht einfach so entwickelten, sondern eine bewusste Schaffung[49] darstellten. Viele Theoretikerinnen und Theoretiker gehen heute davon aus, dass patriarchale Systeme nur durch gewaltsame Unterwerfung der Frauen etabliert werden konnten.[50]

Das Prinzip eines Patriarchats («Herrschaft der Väter») vereinfacht erklärt:

Mit der Einführung von «Ehegesetzen» stellt der Mann sicher, dass die Nachkommen «seiner» Frau von ihm stammen. Die Frau hat ihre Freiheit verloren, kann nicht über ihren Körper entscheiden, «verliert» ihre Kinder bzw. ihren Einfluss darauf, wie mit den Kindern umgegangen wird. Die Ehefrau verliert auch den Kontakt zu ihrer Herkunftsfamilie. Die Abstammung nach der Mutter wird unwichtig, was zählt, ist die Abstammung vom Vater. Weil der Ehemann und biologische Vater Verfügungsrechte zugesprochen erhält, spricht man von einem patrilinearem System. Weil solche Familiensysteme immer mit Herrschaftsformen verbunden sind, spricht man genauer von patriarchalen Systemen. Patrilokalität im Patriarchat bedeutet mehr als Virilokalität: Es bedeutet, dass die gesamte soziale Organisation sich nach den Männern richtet: vom Grossvater über den Vater bis zum Sohn. Wenn es Landbesitz gibt, dann wird er über die väterliche Linie vererbt. Frauen sind ohne Besitz und ohne Rechte. Bedeutung erlangen sie bloss als Ehefrauen, die Söhne gebären. Patriarchale Ehesysteme: Monogamie (bei Bestrafung der Frau, falls sie sexuell «untreu» ist) sowie Polygamie: Ein Mann kann sich mehrere Frauen kaufen. Die Frauen werden daran gehindert, sich gegenseitig solidarisch zu unterstützen.

Was wir über die Sozialstruktur von Homo sapiens wissen

Zurück zur biologischen Evolution: Es gibt keine Anhaltspunkte dafür, dass die Kernfamilie (Mutter, Vater, Kind) eine Grundeinheit im Sozialgefüge der frühen Menschen darstellte. Was wir jedoch sicher wissen:

Bis vor ca. 200 Jahren war gar nicht bekannt, dass der männliche Anteil zur Fortpflanzung ziemlich genau 50% beträgt. In vorpatriarchalen Gesellschaften nahm man zudem an, dass es für eine Schwangerschaft hauptsächlich auf günstige (Umwelt)Konstellationen und die Frau selbst ankäme.[51] Bevor die genetische Forschung herausfand, dass der Embryo je zur Hälfte genetisch von der Mutter und vom Vater abstammt, wusste man nicht einmal, dass bereits ein Sexualakt zur Zeugung eines Kindes ausreichte. Die Abstammung von der Mutter war dagegen stets sicher zu erkennen; diejenige vom Vater nur dann, wenn die Frau von sich aus monogam war (oder das Kind eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit dem Vater aufwies). Obwohl ich davon ausgehe, dass die Menschen zu allen Zeiten gute Beobachter/innen waren und ihnen genetische Verwandtschaften nicht verborgen blieben, glaube ich nicht, dass unsere Neigung zu monogamen Partnerschaften schon im Paläolithikum zu Kernfamilien (Nuklearfamilien) geführt hat.[52] Der Selektionsdruck in Richtung Monogamie mag zwar einen Einfluss auf die Bildung von Kernfamilien gehabt haben. Noch grösser schätze ich jedoch den evolutionären Druck auf die Frauen ein, Hilfe beim Gebären zu erhalten. Wenn es kritische Momente im Leben prähistorischer Frauen gab, dann war es stattfindende oder nicht stattfindende Geburtshilfe. Es scheint mir wahrscheinlich, dass weibliche Verwandte oder Freundinnen als Geburtshelferinnen der Gebärenden wirkten. Jedenfalls deutlich wahrscheinlicher als die Annahme, der Sexualpartner der Frau habe diese wichtige Sorgearbeit übernommen. (Die Frage, ob prähistorische Frauen in ihrer Mutterfamilie bleiben konnten, wo die Hilfe von weiblichen Verwandten gesichert war, wird uns bei der Frage der Exogamie nochmals beschäftigen.)

Zudem gibt es zahllose Zeugnisse von Völkern, bei denen der Beruf der Hebamme ausschliesslich von Frauen ausgeübt wird. Auch das Wissen über medizinische Möglichkeiten bei Geburtsproblemen war bei allen Völkern stets in Frauenhand – jedenfalls bis zur Patriarchalisierung (welche in einigen Weltgegenden erst vor ca. 150 Jahren einsetzte). Dass die wissenschaftlich gebildeten europäischen Ärzte so vehement Frauen aus der Geburtshilfe ausschlossen, ist ein klarer Hinweis darauf, dass Männer bis vor kurzem niemals eine den Frauen vergleichbare Stellung bei der Geburtshilfe einnahmen. Sonst wäre auch die systematische Gewalt, die Männer in der Neuzeit gegen Frauen mit medizinischem Wissen[53] ausgeübt haben, nicht erklärbar.

Gab es immer eine Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern?

Oft wird postuliert, alle frühen Menschen hätten eine eindeutige Arbeitsteilung zwischen den Geschlechtern gekannt: Carel van Schaik nimmt z.B. an, dass sich Frauen eher aufs Sammeln, Männer eher aufs Jagen grösserer Tiere konzentriert hätten und damit unterschiedliche Ökonischen besetzt wurden.[54] Nancy Tanner schreibt, es habe bei den Vormenschen keine Arbeitsteilung im engeren Sinn gegeben, aber «manche Verhaltensweisen traten unterschiedlich häufig auf. Sie hingen mit dem Geschlecht zusammen, waren aber nicht geschlechtsspezifisch. Besonders bei den Femininen variierten sie je nach Situation und Lebensalter. Mütter mit abhängigen Jungen waren häufiger damit beschäftigt, kalorienreiche Pflanzen zu sammeln, die zur ständigen Nahrung gehörten. Dagegen sammelten oder suchten männliche Gruppenmitglieder, weibliche, die noch nicht geboren hatten (…), oder auch Mütter, deren Junge gestorben waren oder sich bereits selbst versorgen konnten, Pflanzen und andere Nahrung eher für sich selbst; dazu fingen und töteten sie gelegentlich kleine Tiere (…).[55] Margaret Ehrenberg hält eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung bereits im Paläolithikum für möglich, aber sehr schwer zu belegen.[56]

Mir erscheint plausibler, dass sich erst in neolithischen Gesellschaften nach Geschlechtern getrennte Bereiche ergaben. Dabei half sicher, dass Frauen bevorzugt mit anderen Frauen zusammenarbeiteten und Männer bevorzugt mit anderen Männern. Weil Menschen von allem Anfang an Kulturwesen waren, ist zudem davon auszugehen, dass die Tatsache, dass nur Frauen Kinder gebären können, jede spirituelle Einstellung und kulturelle Tradition stark geprägt hat. Der Umstand, dass wohl nur Frauen beim Gebären und Stillen geholfen haben, könnte zu einem ersten «weiblichen Kulturbereich» geführt haben.

Genaueres als über das Paläolithikum wissen wir über neolithische Ackerbaukulturen, wo eine geschlechtsspezifische Arbeitsteilung nachweisbar ist: Die Frauen waren für die Tierhaltung (Schaf, Ziege) und den Hackbau zuständig, sie erfanden die Techniken im Zusammenhang mit Pflanzenzucht und Pflanzenverarbeitung, später erfanden sie auch die Keramikherstellung. Männer waren spezialisiert auf Grosswildjagd, Werkzeugherstellung sowie – in gewissen Regionen – auf den Bau von Bewässerungsanlagen. Sie wechselten erst ins bäuerliche Feld, als Rinder gezüchtet wurden. Mir scheint, geschlechtsspezifische Arbeitsteilungen haben ihre Ursache kaum in evolutionären Anpassungen, sie sind eher kulturelle Setzungen. Das heisst jedoch nicht, dass die beiden Geschlechter kein unterschiedliches Verhalten aufweisen.[57]

Weder fester Wohnsitz noch «Ehe»

Ausserdem ist bei der von der Wissenschaft angenommenen saisonal nomadisierenden Lebensweise unserer frühen Vorfahren davon auszugehen, dass es für «Eheleute» keinen gemeinsamen Wohnsitz gab, vielleicht nicht einmal ein gemeinsames Zelt. Die Behausungen der Wildbeuter in der Steinzeit wurden mit Sicherheit in Übereinstimmung mit der Sozialstruktur und der Spiritualität der Gemeinschaft aufgestellt. Über Belege für bestimmte Sozialformen (Grossfamilien oder Kernfamilien) verfügen wir leider nicht. Aber viele der Häuser, die man aus der neolithischen Zeit ausgegraben hat, waren Langhäuser, ähnlich den von mehreren Mutterfamilien benutzten Langhäusern rezenter matrizentrischer Gesellschaften.[58]

Ich halte den Gedanken für plausibel, dass in der Frühzeit die sexuellen Beziehungen entweder in der Natur draussen oder im Zelt der Frau (ab dem Neolithikum im Frauenbereich eines Langhauses) stattgefunden haben, denn diese Hypothese würde mit den Ergebnissen der Evolutionsforschung übereinstimmen, die postuliert, Frauen seien wählerischer als Männer und hätten in vorpatriarchalen Zeiten bei der Partnerwahl stets das «letzte Wort» gehabt.[59]

Wahrscheinlich halfen Verwandte und Bekannte der Frau bei der Betreuung der Kinder;

der biologische Vater spielte keine Rolle. Weil – wie sowohl die Psychologie als auch die Verhaltensforschung festgestellt hat – Menschenmänner positiv auf Neugeborene reagieren, ist es naheliegend anzunehmen, dass unter den Helfern bzw. Alloeltern auch Männer waren: Brüder oder Cousins der Frau, die geboren hat.

«Female choice» – Sex und Liebe

Wie hat uns die Evolution betreffend Geschlechterbeziehungen geformt? Und was ist eigentlich Liebe? In der Forschung können wir die Tendenz beobachten, dass von heutigen Gefühlslagen und Bedürfnissen auf frühe Gesellschaftsformen geschlossen wird. Die Gefahr besteht, dass wir blinde Flecken, die unserem Zeitgeist geschuldet sind, übersehen. Ich möchte darauf hinweisen, dass das Konzept der romantischen Liebe und der tiefen emotionalen Verbundenheit eines Paares relativ jung ist. Es ist geprägt von der Situation im Patriarchat, in der Frauen von ihrer Sippe getrennt werden und sich in eine neue Sippe einfügen müssen. Und sie ist auch geprägt von der Epoche der Individualisierung und heute sehr stark von modernen, entfremdeten Verhältnissen, welche bei allen Menschen ein emotionales Defizit erzeugen. Wenn ich von den Prägungen der Geschlechter in Bezug auf ihre Sexualität und ihre Beziehungsformen spreche, so wirklich nur darüber, was im Lauf der Evolution passierte.

Betrachten wir noch einmal die Anatomie und Physiologie der Frau: Alles deutet darauf hin, dass sie diejenige war, die den Partner wählte und den Zeitpunkt der sexuellen Vereinigung bestimmte. In der Fachsprache heisst das «female choice». Wie sieht das bei anderen Primaten aus? Beim Gorilla wählen die Frauen, mit welchem geschlechtsreifen, dominanten Mann («Silberrücken) sie leben wollen. Kommt eine Gorillafrau in den Östrus, fordert sie den Mann zur Paarung auf. Dieser verfügt über kleine Hoden, weil seine Spermamenge nicht diejenige konkurrierender Männer ausstechen muss. Er ist aber, ähnlich wie andere Affenmänner, ganzjährig fruchtbar und paart sich sofort mit jeder Gorillafrau, aber nur, wenn sie ihn auffordert. Die Bezeichnung «Harem» für das polygyne System, in dem Gorillas leben, ist irreführend und zeugt von der patriarchalen Voreingenommenheit früherer Forscher. Die Frauen können zwar nicht beliebig wählen, aber mindestens einmal im Leben wählen sie die Gruppe, in der sie leben wollen. Und Vergewaltigungen durch Gorillamänner gibt es nicht. Bei Bonobos ist die weibliche Wahl («female choice») umfassend: Frauen wählen den Geschlechtspartner, die Art und Häufigkeit von Sex sowie die Gruppe, in der sie leben wollen. Sollte sich ein Bonobo-Mann einer Frau nähern, die keinen Sex will, kann sie sich wehren und die anderen Frauen helfen ihr dabei.

Forscherinnen und Forscher haben darauf hingewiesen, dass bei menschlichen Völkern oft die Mutterfamilie und die Matrilinearität eine zentrale Rolle spielen. Wir müssen uns also der Frage zuwenden, welche Rolle «female choice» in der Evolution der Menschen gespielt hat. Mit der Frage nach der Bedeutung der «weiblichen Wahl» ist auch die Frage verknüpft, welches Geschlecht den Partner ausserhalb der eigenen Gruppe suchen musste, und ob Frauen und Männer die Fähigkeit besassen, sich in einer nicht blutsverwandten Gruppe zurechtzufinden.

Menschen waren nie wahllos in ihrem Sexualverhalten, wie Bachofen, Morgan und Engels noch annahmen. Wie bei Bonobos und Schimpansen gab es wohl auch beim Frühmenschen eine Inzest-Scheu, insbesondere, was die Sohn-Mutter Beziehung angeht, wie Frans de Waal[60] und Gerhard Bott[61] berichten. Das Tabu sexueller Vereinigungen zwischen nahen Verwandten hat also eine biologische Grundlage und ist nicht ausschliesslich das Resultat kultureller Setzungen. Vermutlich verhindert die Art der Ausgestaltung der Mutter-Kind-Beziehung emotional und hormonell die geschlechtliche Anziehung zwischen Mutter und Sohn. Dass dieselbe Inzest-Scheu auch zwischen Vater und Tochter besteht, kann man nicht folgern. Denn der biologische Vater kennt seine biologische Tochter nicht. Nur bei strikt monogamen, territorialen Affenarten könnte es so etwas wie eine Inzestschranke zwischen Vater und Tochter geben, denn nur dort kennt der biologische Vater seine Kinder.

Wie steht es nun mit der sogenannten «Exogamie»?

Wie bei Bonobos und Schimpansen müssen wir bei Frühmenschen davon ausgehen, dass die geschlechtsreife Frau ihren Partner ausserhalb der Geburtsgruppe sucht; bei Nachbarsgruppen und evtl. auch bei weit weg lebenden Menschengruppen. Ein solches soziales Muster kann als Exogamie bezeichnet werden. Allerdings ist zu bemerken, dass in der Sozialanthropologie die Begriffe anders konnotiert sind: Exogamie sei identisch mit dem Inzestverbot und eine kulturelle Setzung, meinten Morgan und Engels. Das ist so nicht richtig. Exogamie ist nur der Mechanismus, dass eng Verwandte, insbesondere Mütter und Söhne, keine sexuellen Kontakte haben bzw. keine gemeinsamen Nachkommen. Wie diese Exogamie zustande kommt, ist je nach Tierart verschieden. Wie wir sahen, sind sowohl bei Bonobos wie bei Schimpansen die Frauen diejenigen, die die Geburtsgruppe verlassen und ihre Paarungspartner ausserhalb finden. Es sind jedoch auch Säugetierarten bekannt, bei denen die männlichen Jungtiere abwandern müssen, die weiblichen dagegen in der Nähe der Mutter bleiben.

Weiter müssen wir uns mit der Vorstellung des «Frauentauschs» befassen. Morgan und Engels nahmen an, dass die Männerkollektive benachbarter Menschengruppen die jungen, geschlechtsreifen Frauen «tauschten». Diese Vorstellung verrät, dass sich die Ethnologen nicht vorstellen konnten, dass es so etwas wie ein aktives Verhalten der Frauen hätte geben können. Das Männerkollektiv wird analog einem patriarchalen «Stamm» gedacht, der die Frauen als seinen Besitz ansieht. Nichts von alledem kann für die Frühgeschichte angenommen werden. Erstens ist von allen menschlichen Kulturen, in denen die Sexualität unvoreingenommen untersucht wurde, bekannt, dass Frauen in der Sexualität eine sehr aktive Rolle spielen.[62] Zweitens ist gut vorstellbar, dass die benachbarten (oder auch weiter entfernten) Menschengruppen Zusammenkünfte organisierten, die es jungen Menschen ermöglichten, einen Partner zu finden und/oder die Gruppenzugehörigkeit zu wechseln. Dabei waren weder Söhne noch Töchter «Besitz» oder gar «Eigentum» ihrer Familie. Wie Eleanor Leacock[63] es für indigene Völker beschrieb, war die Selbstbestimmung der Individuen wahrscheinlich auch für prähistorische Menschen ein zentraler kultureller Wert (für beide Geschlechter). Es gibt keinen Grund zur Annahme, dass prähistorische Menschen, die weder Landbesitz noch den Krieg kannten, die keine Sklaven hielten und deren Gruppen nicht hierarchisch strukturiert waren, Frauen als «Besitz» ansahen.[64] Hinzukommt, dass die Annahme, prähistorische Frauen seien schwach, schutzbedürftig und nicht mobil gewesen, widerlegt ist. Prähistorische Frauen hatten starke Muskeln, gingen ebenfalls auf die Jagd und waren, weil sie meist nur ein kleines Kind zu versorgen hatten, durchaus mobil.[65] Der Schutz vor Raubtieren und anderen Gefahren wurde durch das Frauenkollektiv genauso gesichert wie durch das Männerkollektiv. Aufgrund der hier präsentierten Fakten sind folgende Möglichkeiten realistisch:

Entweder waren es stets die Frauen, die die Geburtsgruppe (und damit die Blutsfamilie) verliessen. Dann müssten Frauen alle Fähigkeiten mitbringen, von nicht verwandten Menschen aufgenommen zu werden. Was die weiblichen Fähigkeiten zur Anpassung und Kommunikation angeht, ist eine solche Situation vorstellbar. Nur stellt sich dann gleich ein weiteres Problem: Wie erhält eine Erstgebärende die für sie notwendige Unterstützung? Anders als bei Bonobos und Schimpansen ist das Gebären für Menschenfrauen eine lebensgefährliche Sache. Und anders als bei unseren nächsten Verwandten ist das Menschenkind nicht in der Lage, sich selber an der Mutter festzuklammern, es muss von der Mutter gehalten werden. Dies bedeutet, dass menschliche Frauen auf deutlich mehr und andere Unterstützung angewiesen sind als ihre Geschlechtsgenossinnen bei den Bonobos. Möglicherweise verlief die Evolution von Homo sapiens deshalb anders. Es könnte sein, dass sich bei Homo sapiens ein Sozialsystem entwickelte, das den Frauen ermöglichte, Sexualkontakte zwar regelmässig ausserhalb zu suchen, aber dennoch in der Geburtsgruppe zu gebären. Eine weitere Möglichkeit wäre, dass sich junge Frauen nach dem ersten Kind, nachdem sie nicht mehr so stark auf die Hilfe von Mutter, Schwester und Freundinnen angewiesen waren, einer fremden Gruppe anschlossen und dort neue, gute Beziehungen knüpften. Eine weitere Möglichkeit sehe ich in folgendem Arrangement: Die Mütter schicken ihre geschlechtsreifen Söhne fort bzw. die jungen Männer verlassen von sich aus die matrilineare Familie und suchen Anschluss an eine andere Gruppe. Von den kommunikativen Fähigkeiten her, die menschliche Männer mitbringen, wäre dies vorstellbar. Wenn wir dazunehmen, dass die Verhaltensbiologie Belege dafür hat, dass sich junge Männer gleichen Alters, auch Halbbrüder, gerne zusammenschliessen, um ein Männerkollektiv zu bilden, können wir uns auch vorstellen, dass sich mehrere Männer zusammen aufmachten, um in einer neuen, nicht blutsverwandten Sippe zu leben.

Frauenkollektive mit kultureller Macht

Der britische Anthropologe Chris Knight[66] brachte einen Aspekt ins Spiel, der meines Erachtens zu wenig diskutiert wird: Er postuliert, dass prähistorische Frauen ihre sexuellen Interessen im Kollektiv verteidigt haben und zwar mit kulturellen Mitteln. Anders als die Bonobofrauen, die sich mit körperlicher Gewalt durchsetzten, haben Menschenfrauen ihre Interessen kulturell verteidigt. Sie haben Riten erfunden, die Männer davon abhielten, Frauen gegen ihren Willen sexuell zu bedrängen. Das rote Menstruationsblut wurde zum Symbol dafür, dass Frauen an gewissen Tagen «unerreichbar» waren. Die Frauen bestimmten, wann Sex stattfand, zum Beispiel einige Tage nach der Menstruation, das heisst, beim nahenden Eisprung. Knight interpretiert die Tatsachen, dass die Handnegative aus den frühesten Felszeichnungen oft Frauenhände waren, dass sie stets rot dargestellt wurden und dass Menschen die 13 Mondmonate in Felsritzungen niederlegten, dahingehend, dass Frauen bereits vor 40’000 Jahren (oder noch früher) die Sexualität kollektiv regelten. Knight betont, dass andere Primaten längere Menstruationszyklen[67] aufweisen als Menschen und geht davon aus, dass die Menschenfrauen sehr früh erkannten, dass der Mondzyklus genau ihrem Menstruationszyklus entsprach.[68]. Rund um den Mond kreierten die Frauen dann Kulte, die ihre Fruchtbarkeit und ihre sexuellen Bedürfnisse feierten (und sie vor zudringlichen Männern schützte). Für weniger überzeugend halte ich dagegen Knights Idee, dass Frauen in einen «Sex-Streik» traten, um die männlichen Jäger dazu zu bringen, mehr Beute zu machen und diese den Frauen mitzubringen.[69] Die Männer wären hier wiederum diejenigen, die Sex mit Fleisch «kaufen» könnten. Hingegen ist es möglich, dass die Frauen mit den Ritualen rund um den Vollmond oder Leermond die Tage fixierten, in denen Geschlechtsverkehr stattfand. Erforscht werden müsste meiner Meinung nach, ob die Frauen auch ihren Zyklus synchronisierten (wie dies bei Frauen, die im gleichen Haushalt wohnen, der Fall ist), und ob diese Riten rund um das Menstruationsblut im Zusammenhang mit einer bestimmten Sozialform und Gruppengrösse stehen.

Fazit

Vier Dinge können wir mit Sicherheit sagen:

  1. Die weibliche Wahl («female choice») spielte eine wichtige Rolle.
  2. Die Sozialgefüge organisierte sich rund um die Mutter. Kernfamilien gehören nicht zur Natur des Menschen.
  3. Die hochkooperative, friedliche Mentalität von Homo sapiens ist ein Ergebnis der Evolution.
  4. In 99 Prozent der Menschheitsgeschichte gab es keine Männerherrschaft.

Seit der Veröffentlichung von Bachofens Buch Mutterrecht (1861) sind zahlreiche Nachweise für matrilineare Strukturen und matrifokale Kulturen gefunden worden.[70] Nach heutigem Forschungsstand müssen wir annehmen, dass patriarchale Strukturen eine menschliche Erfindung sind, die vermutlich erstmals im Gebiet des Fruchtbaren Halbmondes gemacht wurde. Welche Faktoren dazu beitrugen, dass sich Gesellschaften so stark veränderten, ist noch Gegenstand der Forschung. Erwähnt werden Dürren, die das Männerkollektiv einer Agrargesellschaft dazu brachten, Bewässerungsanlagen[71] zu bauen oder aber Hirtennomaden zu werden[72] (beides schwächte die Stellung der Frauen); eine Rolle spielte bestimmt auch, dass Männer im Zusammenhang mit der Tierzucht ihren Anteil an der Zeugung erkannten und damit verbunden war offensichtlich das Bestreben nach grösserer kultureller Bedeutung.[73] Weiter ist offensichtlich, dass das Einschlagen des patriarchalen Weges mehr gewaltsame Auseinandersetzungen mit sich brachte und verantwortlich ist für die Entstehung der Kriege.[74]

Für Europa ist belegt, dass es vor den ersten Einwanderern aus Anatolien[75] viele verschiedene egalitär organisierte Kulturen von Sammlerinnen und Jägern gab.[76] Die anatolischen Einwanderer/innen besassen Saatgut, Schafe, Ziegen und Schweine. Bei einigen Gruppen, die Rinder züchteten, vermutete Gerhard Bott, dass sie bereits auf dem Weg zur Patriarchalisierung waren.[77] Wie Marija Gimbutas als erste erkannte, hatte die Einwanderung von Hirtennomaden aus der pontischen Steppe, die in drei grossen Wellen geschah, eine enorme Auswirkung auf die Bevölkerungszusammensetzung und die Sozialstruktur der europäischen Bevölkerung: Das Patriarchat dehnte sich nun auf praktisch alle Völker aus.[78]

Aktuelle Forscherinnen und Forscher gehen davon aus, dass die Erfindung patriarchaler Strukturen mehrmals unabhängig voneinander erfolgt ist, und zwar auf allen Kontinenten. Wir sind heute erst gerade dabei, die Geschichte der Verbreitung des Patriarchates zu verstehen – es fehlen noch viele Daten.

Jede Forschung sollte meines Erachtens das bereits vorhandene Wissen nutzen und folgerichtig weitergehen. So wird es eines Tages möglich sein, die Menschheitsgeschichte tatsächlich neu zu schreiben.

LINKS zu

Kasten 5 Sozialsysteme verschiedener Primaten im Vergleich

Kasten 6 Zur Evolution von Frau und Mann bei Homo sapiens

[1] Darunter versteht man die moderne Theorie der Evolution, die die Erkenntnisse anderer Zweige der Biologie mit einbezieht, insbesondere die Genetik und die Ökologie.

[2] Holland-Cunz, Barbara (2014): Die Natur der Neuzeit. Eine feministische Einführung

[3] Hier nur drei wichtige Literaturhinweise:

Tuana, Nancy (1992): Women and the History of Philosophy;

Meier-Seethaler, Carola (1997): Gefühl und Urteilskraft. Ein Plädoyer für die emotionale Vernunft;

Rullmann, Marit (2000): Frauen denken anders. Philosophias 1×1

Die Arbeit, sämtliche patriarchalen Mythen aller Regionen und Völker der Welt zu analysieren oder zu dekonstruieren, ist noch längst nicht abgeschlossen…

[4] Heinz, Marion: Das metaphysische Fundament der Geschlechterordnung in den Staatsidealen von Platon und Aristoteles, S. 107. In: Völger, Gisela, Hrsg. (1997): Frauenmacht und Männerherrschaft im Kulturvergleich, Bd 1

[5] Birkhahn, Ingvild: Das Wien der Jahrhundertwende – eine Wende für oder gegen die Frau? In: Nagl-Docekal, Herta/Pauer-Studer, Herlinde, Hrsg (1990): Denken der Geschlechterdifferenz, Neue Fragen und Perspektiven der feministischen Philosophie.

[6] Mit W ist «das Weib» gemeint und mit M wird «der Mann» bezeichnet, dieser wird gleichgesetzt mit «dem Menschen».

[7]Birkhahn, Ingvild: Das Wien der Jahrhundertwende – eine Wende für oder gegen die Frau? In: Nagl-Docekal, Herta/Pauer-Studer, Herlinde, Hrsg (1990): Denken der Geschlechterdifferenz, Neue Fragen und Perspektiven der feministischen Philosophie, Einleitung, S. 10

[8] Feministische Philosophie – ein Randproblem? Mit Seyla Benhabib und Alison Jaggar sprachen die Wiener Philosophinnen Herta Nagl-Docekal und Herlinde Pauer-Studer in: Falter 27, 1990, S. 8/9

[9] Ebda.

[10] Orlando, Ludovic (2025) in der Zeitschrift Science: Early dispersal of domestic horses into the Great Plains and northern Rockies

[11] Zum Verständnis der «Kategorie Natur» aus feministischer Sicht empfehle ich: Holland-Cunz, Barbara (2014): Die Natur der Neuzeit. Eine feministische Einführung

[12] Der Psychiater und Philosoph Thomas Fuchs hat mit «Leib-Raum-Person» einen interessanten Entwurf einer phänomenologischen Anthropologie vorgelegt. Das Buch erschien erstmals 2000.

[13] Gernot Böhme und Jens Soentgen arbeiten mit einer Neuen Phänomenologie. Diese entspricht genau meiner Vorstellung von empirischer Herangehensweise.

[14] Vgl. Michel, Kai /van Schaik, Carel (2023): Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen

[15] Prüfer, Kai et al. (2012): The bonobo genome compared with the chimpanzee and human genomes, Nature 486, 527-531.

[16] Böhme, Madelaine (2019): Wie wir Menschen wurden. Eine kriminalistische Spurensuche nach den Ursprüngen der Menschheit

[17] Hublin, JJ., Ben-Ncer, A., Bailey, S. et al. New fossils from Jebel Irhoud, Marocco and the pan-African origin of Homo sapiensNature 546, 289–292 (2017). https://doi.org/10.1038/nature22336

[18] Carola Meier-Seethaler beginnt ihr Werk denn auch mit dem Satz: «Seit den frühesten Anfängen der Kultur hat die Menschen nichts so sehr beschäftigt wie die Frage nach Geburt und Tod». Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie, 1988, S. 41/überarbeitete Neuauflage von 2011, S. 41

[19] De Waal, Frans (2022): Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können

[20] Meller, Harald, Michel, Kai, v. Schaik, Carel (2024): Die Evolution der Gewalt, S. 104

[21] Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat

[22] Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren

[23] Sommer, Volker, SWR2 (2021) Redaktion: Ralf Caspary:  Bonobos – Missverstandene Menschenaffen

[24] Männchen mit Weibchen, Weibchen mit Weibchen und Männchen mit Männchen. Oft sehr spielerisch. Ohne Fortpflanzungsabsicht, deswegen ohne Penetration. Vgl. die Arbeiten von Amy Parish und Frans de Waal.

[25] Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. S. 131-133

[26] Van Schaik, Carel/Michel Kai (2023): Mensch sein. Von der Evolution für die Zukunft lernen

[27] Blaffer Hrdy, Sarah (1999): Mother Nature. A History of Mother, Infants, and Natural Selection. Deutsch: Blaffer Hrdy, Sarah (2000): Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution

[28] Ebda.

[29] Tanner, Nancy (1981): On Becoming Human. Deutsch: Tanner, Nancy M. (1997): Der Anteil der Frau an der Entstehung des Menschen. Eine neue Theorie zur Evolution

[30] Blaffer Hrdy, Sarah (1999): Mother Nature. A History of Mother, Infants, and Natural Selection. Deutsch: Blaffer Hrdy, Sarah (2000): Mutter Natur. Die weibliche Seite der Evolution

[31] Michel, Kai, van Schaik, Carel (2023): Mensch sein

[32] Tomasello, Michael (2010): Warum wir kooperieren

[33] Gomes, Christina M. und Boesch, Christophe vom Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig konnten dies an Schimpansen an der Elfenbeinküste zeigen, vgl. Spektrum der Wissenschaft, Primatenforschung: Fleischeslust, 08.04.2009

[34] National Geographic, https://aradhanamathews.com/women-were-hunters-too/ , abgerufen am 6.4.2025

[35] Ehrenberg, Margaret (1991): Die Frau in der Vorgeschichte, S. 56

[36] Michel, Kai; van Schaik, Carel (2023): Mensch sein

[37] Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. S. 145

[38] Ebenda, S. 313

[39] Vgl. Graeber, David/ Wengrow, David (2022): Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit

[40] Bruno Glaser: Prehistorically modified soils of central Amazonia: a model for sustainable agriculture in the twenty-first century. In: Philosophical Transactions of the Royal Society B: Biological Sciences. Band 362, Nr. 1478, 28. Februar 2007, S. 187–196

[41] Ich halte die Aussagen von Johannes Krause und Kai Michel (in ihrem lesenswerten Buch «Die Reise unserer Gene» von 2019) über das frühe jungsteinzeitliche Leben in Europa in Kernfamilien mit Wohnsitz beim «Ehemann» und Vater (bei Krause und Michel als Patrilokalität bezeichnet) für eine relativ gewagte Spekulation. Denn wie wir aus der ethnologischen Forschung wissen, hatte Patrilokalität (was bereits gewisse patriarchale Strukturen einschliesst) stets Vorläufer: nämlich virilokale Wohnformen (dabei wird die Verwandtschaft nach der Mutter gezählt, nur der Begegnungsort des Paares und der Wohnsitz liegt beim Mann und dessen leiblicher Mutter).

[42] Es ist denkbar, dass zwei Volksgruppen mit lockerer virilokaler Organisation sich regelmässig trafen und sich so Paare bilden konnten.

[43] vgl. auch meine Texte zu Geschlechter-, Familien- und Verwandtschaftsverhältnissen

[44] Carel van Schaik schreibt z.B. in «Evolution der Gewalt, 2024. auf S. 103: «Erstens leben bei uns Männer und Frauen in der Regel als Paar zusammen, weil sie für einige Jahre Kinder aufziehen.»

[45] Schneider, David M. & Gough, Kathleen (1974): Matrilineal kinship; Völger, Gisela, v. Welck Karin, Hrsg. (1985): Die Braut, Bd. 1, Bd. 2; sowie: Meier-Seethaler, Carola (1988/2011): Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie.

[46] Dieser Effekt ist bei den Orcas zentral: Weibliche Tiere sind als Grossmütter die Chefinnen der Gruppe und fördern ihre Söhne. Auch bei Primaten könnte der Grossmutter-Effekt wichtig gewesen sein. Erst kürzlich wurde entdeckt, dass Bonobo- und Schimpansenweibchen ebenfalls in die Menopause kommen.

[47] Blaffer Hrdy, Sarah: Mütter und Andere. Wie die Evolution uns zu sozialen Wesen gemacht hat. S. 154

[48] Je nach Autor/in werden unterschiedliche Begriffe bevorzugt. Gemeint ist eine Kulturform, in der Mütter sowohl spirituell als auch sozial im Zentrum stehen. Es geht nie um «Mütterherrschaft»!

[49] Gerda Lerner spricht in ihrem gleichnamigen Buch (1986) von der Schaffung des Patriarchats (The Creation of Patriarchy). Allerdings steht die genaue Rekonstruktion, wie es in der Menschheitsgeschichte zur Errichtung patriarchaler Gesellschaften gekommen ist, noch aus. Wichtig sind insbesondere folgende Fragen: Gibt es Völker, die in ihrer Geschichte niemals sesshaft gewesen sind und die dennoch patriarchale Strukturen entwickelt haben? Welche Faktoren haben die ursprüngliche Bildung oder die Übernahme patriarchaler Strukturen begünstigt?

[50] Wichtige Beiträge zur Frage der Entstehung des Patriarchats leisteten u.a.: Gerhard Bott, Marija Gimbutas, Heide Göttner-Abendroth, Gerda Lerner, Carola Meier-Seethaler, Gabriele Uhlmann und Claudia von Werlhof (in alphabetischer Reihenfolge)

[51] Darauf weisen zahlreiche Riten und mythische Erzählungen hin.

[52] Dieser Ansicht waren auch Marija Gimbutas und Carola Meier-Seethaler.

[53] Die Verfolgung von Hebammen und Naturheilerinnen scheint ein Nachbeben der Hexenverfolgungen gewesen zu sein. Zwischen 1400 und 1782 wurden in Europa ca. 70’000 Menschen, 80% davon Frauen, der Hexerei angeklagt, gefoltert und getötet. Einige HistorikerInnen stufen die europäische Hexenverfolgung als Völkermord ein. Quelle: Anna Göldi-Museum (2025), Ennenda /GL

[54] Michel, Kai; van Schaik, Carel (2023): Mensch sein

[55] Nancy M. Tanner: Der Anteil der Frau an der Entstehung des Menschen, dtv 1997, S. 156

[56] Ehrenberg, Margaret (1992): Die Frau in der Vorgeschichte, S. 157

[57] de Waal, Frans (2022): Der Unterschied. Was wir von Primaten über Gender lernen können. De Waal legt einleuchtend dar, dass sowohl bei menschlichen Kindern als auch bei Schimpansenkindern geschlechtsspezifische Spielformen beobachtet werden können. Universal scheint auch das Bedürfnis zu sein, sich während der Pubertät in Peer Groups des eigenen Geschlechts zu bewegen.

[58] Matrizentrische (matriarchale) Gesellschaften sind oft in Mutterclans organisiert, deren Untereinheiten «Mutterfamilien» sind. Das bedeutet, die «Ehemänner» leben nur so lange mit einer Frau und deren Kindern zusammen, wie die Beziehung hält. Langhäuser gibt es heute noch bei Indigenen Nordamerikas und Asiens.

[59] Dafür spricht, dass der Energieaufwand der Frau für Nachwuchs extrem viel höher ist. Zudem zeigten Experimente, dass Frauen ihre Partner nach Geruch akzeptieren oder aber abweisen.

[60] vgl. de Waal, Frans/Lanting, Frans (1998): Bonobos, die zärtlichen Menschenaffen

[61] Bott, Gerhard (2009): Die Erfindung der Götter, Band 1

[62] Meier-Seethaler, Carola (2011): Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie

[63] Leacock, Eleanor, zitiert nach Graeber, David/Wengrow, David (2022): Anfänge. Eine neue Geschichte der Menschheit, S. 151

[64] Meller, Harald/Michel, Kai/van Schaik, Carel (2024): Die Evolution der Gewalt

[65] Karin Bojs verweist ebenfalls auf diese Tatsache, vgl. Bojs, Karin (2024): Mütter Europas. Die letzten 43’000 Jahre

[66] Knight, Chris (1991): Blood Relations: Menstruation and the Origins of Culture

[67] Bei Schimpansen dauert der Menstruationszyklus 36 Tage.

[68] Der weibliche Zyklus bei Menschen dauert im Schnitt knapp 29 Tage, der Mond braucht 29,5 Tage, bis er wieder die gleiche Position relativ zur Sonne und zur Erde einnimmt.

[69] The sex-strike theory of human origins by Chris Knight and Camilla Power (UCL) Sept 26 2023, youtube

https://www.youtube.com/watch?v=2e5YrawHcXw

[70] Science-Artikel vom 26.6.2025: Yüncü et. al fanden in Çatal Höyük, dass die meisten Toten, die zusammen unter einer Plattform bestattet waren, einer Mutterlinie zugeordnet werden konnten, vgl. https://www.science.org/doi/10.1126/science.adr2915

[71] Göttner-Abendroth, Heide (2019): Geschichte matriarchaler Gesellschaften und Entstehung des Patriarchats

[72] Bott, Gerhard (2009): Die Erfindung der Götter, Band 1

[73] Meier-Seethaler, Carola (1988/2011): Ursprünge und Befreiungen. Eine dissidente Kulturtheorie

[74] Meier-Seethaler, Carola (2007): Zur Pathogenese des Krieges und zum Mythos vom Krieger, in: Macht und Moral. 16 Essays zur Aufkündigung patriarchaler Denkmuster. Meller, Harald/Michel, Kai/van Schaik, Carel (2024): Die Evolution der Gewalt

[75] vgl. Krause, Johannes (2019): Die Reise unserer Gene, 2019. Die Ackerbauern aus Anatolien hatten mittelbraune Haut und meist dunkle Augen.

[76] Die um 6000 v. Chr. auf dem europäischen Kontinent lebenden Wildbeuter hatten dunkle Haut und helle Augen, vgl. Krause, 2019. Durch genetische Analysen konnte man sogar gemeinsame Nachfahren belegen: Sie enthielten DNA von Wildbeuter-Frauen und anatolischen Männern. Weshalb kam die Verbindung anatolische Bäuerin und Wildbeuter-Mann nicht vor? Ich wage die Spekulation: In den egalitären Wildbeuter-Gruppen wählten die Frauen ihre Partner. Die Freiheit der anatolischen Bäuerinnen könnte dagegen bereits eingeschränkt gewesen sein. Dies wäre ein Hinweis auf erste patriarchale Strukturen.

[77] Bott, Gerhard (2009): Die Erfindung der Götter, Band 1

[78] vgl. Gimbutas, Marija (1982): The Goddesses and Gods of Old Europe. Myths and Cult Images. 6500-3500 BC. Der Archäologe Colin Renfrew anerkannte, dass seine Hypothese durch die Archäogenetik widerlegt und dafür Marija Gimbutas’ Theorie bestätigt wurde. Vgl. Memorial Lecture zu Ehren von Marija Gimbutas, 2018 https://www.youtube.com/watch?v=pmv3J55bdZc Vgl. auch: Wolfgang Haak and others „Massive Migration from the steppe was a source of Indo-European Languages in Europe“, Nature 522, 2015, p. 207-211.

Martina C. Meier

Martina C. Meier
Jahrgang 1961. Biologin. Engagiert in der Ökologie-, Friedens- und Frauenbewegung. Wohnhaft in Wabern bei Bern/Schweiz.